Nach neun Jahren verlässt Dinosaurier Thomas Graf e-fellows.net. Damit stürzen wir in den Memory Gap: Wer weiß schon noch, wie alles wirklich begann? Wer wird sich an den vergossenen Schweiß der ersten, harten Jahre, an die legendären Partys, die skurrilen Hüttenwochenenden erinnern, wenn Thomas fort ist? Gut, dass wir alles aufgeschrieben haben, um die Erinnerung für die Nachwelt zu bewahren.
"Thomas, jetzt erzähl doch mal. Wie ging das denn alles los mit e-fellows.net?"

Mit nachdenklichem Blick stützt sich Thomas auf das Fensterbrett. Sein Blick schweift über München. Doch was er sieht, ist nicht die Stadt. Was er sieht, ist ein kleines Büro bei McKinsey. Und er sieht sich selbst: Als jungen, unbedarften Praktikanten.
"Es ging los mit einer Idee von McKinsey, 1999. McKinsey überlegte sich: Wie können wir auch weiterhin sicherstellen, dass die besten Kräfte zu uns kommen? Vor allem angesichts der New Economy, die damals gerade aufblühte. Also haben sie ein dickes Konzept geschrieben, aus dem einmal e-fellows.net werden sollte. Im Konzept stand auch, wie die Website aussehen sollte – übrigens ähnlich wie heute, es war halt noch nicht alles da, was es heute gibt, und das Design der ersten Version war völlig anders.
Ich kam nach meinem Examen in Germanistik und Geschichte zum Projekt. Am 7. September 1999 war mein erster Arbeitstag. Ich hatte neben meinem Studium zwar viel getan, aber keine Praktika gemacht, geschweige denn relevante Praktika. Also habe ich im Internet ein Praktikum für Geisteswissenschaftler gesucht, das bezahlt ist. Davon gab es nur zwei. Eins davon war bei McKinsey – ich kannte sie schon und wusste, dass sie Unternehmensberatung machen, konnte mir aber wenig darunter vorstellen. Aber ich wurde eingestellt – als Online-Redakteur im Rahmen eines Praktikums.
Ich hab einfach mal gesagt, dass ich das kann. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich überhaupt keine journalistische Ausbildung. Um ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern: Als ich im Bewerbungsgespräch erfahren habe, dass es gar nicht um Unternehmensberatung geht, sondern um den Aufbau einer Website für Studenten, hat mich das nicht die Bohne interessiert. Aber ich dachte, ich muss jetzt mal in die Pötte kommen. Na ja, nach drei Monaten haben wir dann einen richtigen Vertrag gemacht. Da war ich 28."
Kurz: Alle Voraussetzungen für einen furiosen Start von e-fellows.net waren gegeben! Thomas legte los.
"Die erste Zeit war schwierig. Wir saßen zu dritt im Untergeschoss in einem Raum bei McKinsey. Es war alles sehr steril – positiv ausgedrückt: sehr funktional. Jeder hatte seinen teuren Laptop, den man abends in einen Schrank einschloss. Da saßen wir mit Laptop und Kaffee und haben gearbeitet. Gearbeitet heißt: Wir wussten schon, worum es geht. Claus hat was über britische Universitäten recherchiert. Ich hab was über BaföG geschrieben. Gut schreiben konnte ich damals nicht, das kam später. Aber ich konnte mit Textrecherchen umgehen. Die ersten zwei, drei Monate haben wir recherchiert und solche Texte geschrieben.
Dann kam im Winter das erste Redaktionssystem, das eine Medienfirma für viel Geld programmiert hatte. Wir haben dann mit Copy&Paste die Texte ins Redaktionssystem übertragen. Wir konnten auch kein HTML. Da hat uns die Medienfirma Tabellen gebastelt. Es war alles sehr mühselig. Im März 2000 ging die Seite live. In dem Moment konnte man sich auch für das Stipendium bewerben. Die erste Auswahl der Stipendiaten hat noch McKinsey für uns getroffen, da e-fellows.net ja noch kein eigenes Unternehmen war. Das war alles schon spannend.
Ach ja, goldene Gründerzeit!
Aber richtig spannend wurde es, als McKinsey sich im Sommer zurückzog und die Geschäftsführer kamen: Michael Hies und Martin Riegel. Das ist zwar etwas übertrieben für so ein kleines Unternehmen, zwei Geschäftsführer, aber McKinsey war so begeistert von beiden, dass sie auch beide unbedingt haben wollten. Im Sommer/Herbst wurde e-fellows.net dann als eigenes Unternehmen gegründet. Die Verträge von uns Redakteuren wurden auf e-fellows.net umgeschrieben. Zugleich kamen neue Kollegen und die Abteilungen formierten sich (Online-Redaktion, Marketing, IT, Key Account Management…).
Mit dem Rückzug der McKinsey-Berater konnten wir „Alten“ auch mehr Verantwortung übernehmen. Ich habe mich zum Beispiel um die Datenbanken gekümmert, die wir den Stipendiaten kostenlos zur Recherche anbieten: Hier standen jährlich Verhandlungen an mit dem Ziel, die Kosten zu senken und zugleich das Angebot für die Stipis zu erhöhen. Ich hatte keine Ahnung davon, aber ich habe das richtig an mich gerissen und schnell gelernt. Mit mehreren hunderttausend Euro umgehen zu dürfen, das war schon cool!"
Thomas Augen blitzen, als er sich daran erinnert. Es ist offensichtlich: In dem scheinbar so planlosen Geschichtsstudenten steckte schon damals ein knallharter Vertriebler.
"Als die Abteilungen sich formierten, das Ganze auch nicht mehr highpotential.net, sondern e-fellows.net hieß und wir eine Chefredakteurin bekamen, Carola, da bekam das ganze Struktur. Carola hat mir auch gleich mal meine erste Story komplett verrissen. Recht hatte sie. Martin Riegel war für uns und die IT verantwortlich und Michael Hies für Marketing und Key Account. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, fand ich ihn sehr lustig, mit seinem bayerischen Charme und seiner direkten Art. Er war mir sehr sympathisch. Und ich habe gleich gedacht: Den darf man nicht unterschätzen.
Wieder verliert sich Thomas in der Erinnerung: Er steht am Rande einer Tanzfläche in Berlin. Es ist der Sommer 2001, und um ihn herum tobt die Party zum ersten Geburtstag von e-fellows.net.
"Was meine Kolleginnen Margret und Uta, die heute nicht mehr da ist, da aufgezogen haben! Mit hundert Stipendiaten, die in Teams quer durch Berlin liefen und vier Aufgaben bewältigten, unter anderem Prominente interviewten wie Schröder und Wowereit. Daraus ist ein super Video entstanden. Abends kamen noch mal 200 Stipendiaten, mit denen haben wir eine Riesenparty in Berlin gefeiert. Da dachte ich: Hoppla, da passiert was! Vorher war das alles anonym, weil es keine City Groups und nur wenige Veranstaltungen gab. Dadurch hat das Ganze ein Leben bekommen. Ja, das war schon eine legendäre Party. Die aktuell herrschende Generation hier hat das nicht mehr so drauf."
Ein Schatten der Melancholie? der Müdigkeit? verschleiert Thomas Blick. Neun Jahre, eine kleine Ewigkeit in den Zeiten des Internet-Business. Ach ja, damals…
"Am besten im Video war die Szene mit Joschka Fischer. Er steht in der Kantine des Bundestags, als dieses Team auf ihn zustürzt und ihn dazu nötigt, uns zum Geburtstag zu gratulieren. Und wie er etwas irritiert "Happy birthday, e-fellows.net!" sagt. In der nächsten Szene kommt dann Wowereit und sagt "e-fellows.net hat Geburtstag – und das ist auch gut so!" Das war kurze Zeit nach seinem Outing."
Vom rasenden Reporter zum Marketingchef – Thomas ist einen langen Weg gegangen:
"Von 2000 bis 2004 war ich in der Abteilung Content & Projekte, heute Content & Community. Aber parallel habe ich schon Datenbanken eingekauft, hatte Budgets, musste die Kosten drücken. Zugleich entwickelte ich die erste Ideen für Produkte im neuen Kundensegment Hochschulen. Ich habe mir überlegt: Warum schreibe ich hier eigentlich Artikel über Business Schools im Ausland? Mache Werbung für die und bekomme kein Geld dafür? Das könnte man doch verkaufen! Damit hatte ich mein erstes Produkt entwickelt: die Hochschulpartnerschaft. Dazu kam der Masters-Infoletter. Ich habe also angefangen, Vertrieb zu machen, neue Produkte zu entwerfen und umzusetzen. Damit habe ich mir ein Kundennetzwerk aufgebaut.
Manfred, mein damaliger Chefredakteur, hatte erkannt: Wir müssen im Unternehmen die anderen Abteilungen mit unseren redaktionellen Mitteln unterstützen und zur Wertschöpfungskette des Unternehmens beitragen – nicht nur über Gott und die Welt schreiben. Wir müssen so schreiben, dass wir viele Klicks erzielen, wir müssen aber auch für andere Abteilungen nützlich sein, zum Beispiel durch Artikel über unsere Partnerunternehmen. Damit, aber auch durch meine Vertriebstätigkeiten, habe ich mir ein Profil erarbeitet, in dem Redaktion nur noch ein kleiner Teil war. Und als Margret Schwangerschaftsauszeit nahm, durfte ich die kommissarische Leitung des Marketings übernehmen.
Von dem Zeitpunkt an habe ich nicht mehr geschrieben, sondern neue Produkte wie MBA Day, LL.M.Day, GMAT-Seminare oder Investmentbanking-Event entwickelt, Vertrieb gemacht und mich ums Marketing und das Team gekümmert. Im Marketing sind wir zum Beispiel verantwortlich dafür, dass pro Veranstaltung die richtigen Leute informiert werden und wir selbstverständlich genügend Teilnehmer gewinnen. Wir kümmern uns um die Stipendiatenauswahl, betreuen die Stipendiaten während des Stipendiums und erstellen auch Marktforschungsstudien. Spannende Aufgaben und ständige intellektuelle Herausforderungen (Wie mache ich das? Machen wir Ad-hoc-Marketing, oder verfolgen wir eine übergeordnete Strategie mit einem Ziel?). Mit meinem Team der letzten Jahre hatte ich die beste Zeit hier: von der Team-Performance, vom Feeling, vom Zwischenmenschlichen, von den Kompetenzen, von der Diskussionskultur, vom Erfolg und Spaß her."
Alles war perfekt. Doch einen MBA an der IE Business School später nagten, erst unmerklich, dann immer penetranter, die Zähne des Zweifels und der Zeit an Thomas.
"Seit ein bis zwei Jahren merke ich, dass ich nun doch schon etwas älter bin, dass ich manchmal an manche Sachen anders herangehe als jüngere Kollegen, was normal ist. Dinosaurier wie Heike Helfenstein oder Anja Elligsen, die quasi mit mir angefangen haben, arbeiten mittlerweile woanders. Spätestens, als Lukas die Teamleitung für Content & Community übernahm, waren von den „Alten“ nur noch Margret, Michael und ich da."
Und was macht man, wenn man alles erreicht hat und das Alter spürt? Klar: Man geht zurück an die Uni.
"Irgendwann sagte mir mein Verstand: Ich muss auch mal was anderes machen im Leben. Also habe ich mir überlegt: Was interessiert mich? Und habe erst mal nichts gefunden. Es gab kein Unternehmen, keinen Bereich, der mich gethrillt hat. Also habe ich mir gesagt: Lös dich mal von Karrieregedanken und finanziellen Gedanken und mach, was dich wirklich interessiert. Okay. Und da kam ich drauf: Ich möchte das, was ich im MBA gelernt habe, noch ein bisschen vertiefen. Mehr lernen. Ein PhD-Programm, in einem Bereich, der mit Wirtschaft zu tun hat. Und vielleicht mache ich mich nebenbei ja sogar selbstständig."
ALARM! ALARM! Ein Konkurrenzunternehmen zu e-fellows.net????
"Glaube ich nicht. Ich habe noch gar keine Ideen. Vielleicht bleibe ich auch an der Uni oder gehe zurück in die Wirtschaft. Ich habe ja jetzt vier Jahre Zeit, um darüber nachzudenken."
Puh. Jetzt aber mal zu den wirklich wichtigen Punkten. Was war dein lustigstes Erlebnis mit e-fellows.net, Thomas?
"Weiß ich nicht."
Ach Quatsch.
"Na gut. Eines davon ist sicher: Beim allerersten Hüttenwochenende wollte Michael allen zeigen, wie man Rock 'n' Roll tanzt. Wir waren relativ angetrunken. Ich sollte der Mann sein. Michael sprang mich an und ich habe ihn aufgefangen. Da hatte ich also die Schenkel meines Geschäftsführers im Arm. Der andere Geschäftsführer zog peinlich berührt an der Pfeife und ich frage mich: Habe ich hier wirklich meinen Boss im Arm? Okay, für meinen Bonus tu ich alles!"
Na, damit wäre die Frage nach dem peinlichsten Event dann wohl auch beantwortet. Und das schlimmste Erlebnis?
"Wir sind ja mit 2000 mit Trara gestartet und 2001 ging es plötzlich runter mit der Wirtschaft. Die Unternehmen haben nicht mehr eingestellt, wir hatten keine neuen Kunden mehr. Die Redaktion war fett besetzt, hat aber nicht direkt zur Wertschöpfung beigetragen. Wir haben nur Texte geschrieben, ohne uns Gedanken zu machen, wie wir diese Texte auf das Unternehmensziel von e-fellows.net zuschneiden können. Es wurden einige Stellen abgebaut, aber besonders in der Redaktion. Als Carola gekündigt wurde, nach nur einem Jahr, eine Woche nach dem 11. September, habe ich das nicht glauben können. Das war wie aus dem Dornröschenschlaf aufzuwachen. Das war ein Schock, ich war ziemlich fertig.
Und wirst du die Leute hier nicht furchtbar vermissen, Thomas?
Ja. Aber zu gehen, die Verantwortung abgeben und mich einer neuen Aufgabe zu widmen, finde ich auch angenehm. Ich werde auch weiter für e-fellows.net arbeiten. Aber ich möchte es jetzt auch mal abhaken.
Kommst du wieder?
"Nein."
Nie wieder?
"Nein."
Das ist jetzt deine letzte Chance, Thomas. Was sollten wir alle noch wissen, bevor du gehst?
"Ich bin immer noch unverheiratet und habe keine Kinder."
Du hast dein Privatleben e-fellows.net geopfert.
"Äh, nein."
Allerletzte Worte, bitte.
"Die Leute sollen lernen, über ihre eigene Abteilung hinauszudenken. Das wissen sie eh schon, weil ich alle damit nerve. Man muss Initiative zeigen, Themen in die Hand nehmen, teamübergreifend. Ich will jeden ermutigen, nicht nur in seinen Aufgaben zu denken. Fürs Unternehmen mitzudenken. Aber das brauchst du nicht schreiben, das klingt jetzt oberlehrerhaft."
Und das sagen die Kollegen:
- "Warum Thomas auch Frau Graf heißt? Weil er in einem Online-Fragebogen zu 80% als Frau identifiziert wurde…"
- "Unser Tanzbär im Salsa, angesteckt von Kollegin Uta."
- "Musikant auf unserem Hüttenausflug mit Mundharmonika und Gitarre, er hat uns alle mit selbst komponierten Liedern unterhalten."
- "In Madrid musste er sich extra eine etwas größere Wohnung nehmen, damit seine zwei Gitarren reinpassen."
- "Thomas ist unser Supervertriebler im Bereiche MBA-Schulen, da war es so gut, dass er schließlich selber einen MBA gemacht hat und jetzt noch einen PhD. Einen Vertreter einer MBA-Schule hat er aus Zufall im Zug getroffen und erst dann wieder losgelassen, als der beim MBA Day mit dabei war."
- "e-fellows.net-Urgestein aus der Gründergeneration 1999."
- "Sein großer Hunger (anders gesagt: seine Verfressenheit). Dass er beim Essen immer das übrig gelassene Essen der Kollegen verputzt und seine Mitarbeiter um Süßigkeiten (vor allem Schokolade) anhaut."
- "Beim Fußballspielen so perfektionistisch, dass ihm der perfekte Spielzug so wichtig war, dass er oft nicht zum Abschluss gekommen ist."
- "Rampensau im Vertrieb"
- "Thomas wagt gerne auch mal ein Tänzchen mit Michael. Da gibt es von einem der ersten Hüttenwochenende im Bayerischen Wald sogar noch ein Foto, auf dem Thomas mit Michael tanzt…"