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Als wir noch ein McKinsey-Projekt waren...

Ein Geschenk [Quelle: freeimages.com, Autor: iprole]

Quelle: freeimages.com, iprole

Thomas Graf war schon bei e-fellows.net, da gab es e-fellows.net noch gar nicht. 1999 stand er vor der Wahl: Geschichtslehrer werden oder als Praktikant bei McKinsey den ganzen Tag Texte reinhacken für irgendeine Studenten-Website?

Thomas, du warst der erste e-fellows.net-Praktikant. Wie bist du auf die Idee gekommen, dort anzuheuern?

Na ja, genau genommen war ich der Dritte – die ersten beiden waren einen Tag vor mir gekommen :-J.

In jedem Fall hatte ich das Gefühl, ohne Praktikum nach dem Examen etwas leer dazustehen – und das vor allem als Geisteswissenschaftler, der erst einmal nicht ins Lehramt wollte. Dann habe ich im Internet Praktika für Geistis recherchiert und bei ungefähr 15 Stellenangeboten angerufen. Zwei davon waren bezahlt, von beiden hatte ich schließlich ein Angebot. Eines davon war bei McKinsey. Das habe ich dann genommen, weil mich die Consulting-Umgebung interessierte – und es besser bezahlt war… Nach drei Monaten erhielten alle drei dann die Festeinstellung als Online-Redakteur.

Wenn du nur eine Erinnerung aus dem ersten Jahr bei e-fellows.net behalten könntest, welche wäre das?

Das ist wohl eine Erinnerung an gemischte Gefühle.

In den ersten drei Monaten saßen wir im McKinsey Haupt-Office, dann bis zum Sommer im Neben-Office (Accelerator) und dann im eigenen neuen Büro in der Sendlinger Straße in München.

Auf der einen Seite empfand ich die Arbeit bei McKinsey als ziemlichen Kulturschock im Vergleich zum Studium – man saß in einem sterilen Büro an seinem Laptop, recherchierte wie eine Maschine und tippte Texte. Keine Abwechslung, kein großes soziales Miteinander über die Räume hinweg, einfach nur ein Raum und wir drei – aber dafür hatten wir Spaß miteinander. Im Accelerator war es dann etwas besser, weil wir alle (etwa sieben Leute) in einem großen hellen Büro saßen und mehr voneinander mitbekamen. Richtig gut wurde es dann in der Sendlinger Straße, als sich die Abteilungen (Marketing, Redaktion etc.) bildeten – und die Türen offen standen, gemeinsame Meetings stattfanden etc.

Auf der anderen Seite war es aber von Anfang an spannend. Wir arbeiteten direkt mit den beiden Consultants zusammen, die für das Projekt zuständig waren, und wurden nach unserer Meinung gefragt, zum Beispiel, als es um das Website-Design ging. Wir sahen, wie ein Frontend und ein gesamtes Backend inklusive Redaktionssystem entstand, wie die Website online ging und sich die ersten Prozesse und Abteilungen bildeten.

Wir hatten ein tolles New-Economy-Gründer-Startup-Feeling. Ein kleines Team, aber effektiv. Und ich habe viel von den Unternehmensberatern gelernt.

Hättest du damals erwartet, dass dieses Netzwerk mal zehn Jahre alt werden würde?

Schwer zu sagen. Ich glaube, wir wussten nicht, wie groß die Sache werden würde. Ich konnte die Dimensionen und die Geschäftsfelder, die sich noch auftun würden, gar nicht absehen. Wenn man mich gefragt hätte, ob das zehn Jahre hält, hätte ich wohl nicht nein gesagt, aber ich hätte es mir irgendwie auch nicht konkret vorstellen können.

Wenn du heute mit damals vergleichst: Wie war es vor zehn Jahren, für e-fellows.net zu arbeiten?

Damals war es halt noch kein Unternehmen, sondern ein Projekt, das schnell auf die Beine gestellt werden musste, damit uns niemand zuvorkam. Es gab zum Beispiel keine professionellen Abteilungen mit Spezialisten im jeweiligen Fachgebiet. Die Folge war, dass das Projekt zwar zum Laufen gebracht, aber auch viele Weichen gestellt wurden, die wir dann später wieder korrigieren mussten. Ich denke, McKinsey hat damals einen sehr guten Job gemacht – nur mit etwas Abstand sah ich dann auch die Grenzen des Mythos Unternehmensberater.

Vor allem hatte ich den Eindruck, dass Geld damals keine große Rolle spielte. Wenn ich das mit heute vergleiche, wo wir solide wirtschaften und sehr sparsam sind... Lustig fand ich, dass die Medienagentur unter anderem dafür bezahlt wurde, uns HTML-Tabellen zu basteln. Ein kurzer HTML-Kurs wäre viel günstiger gewesen – und letztlich haben wir es uns eh selbst beigebracht und einen unserer Chefs teilweise in den Wahnsinn getrieben, wenn wir wieder einmal unsichtbare Tabellen zur Textgestaltung einbauten...:-)

Die Frage war dann: Was passiert, wenn auf dem Server mal was schiefläuft und die ganzen in der Hintergrundfarbe geschriebenen (also unsichtbaren) Tabellen auftauchen würden und wir den ein oder anderen Spruch in Hintergrundfarbe eingefügt hätten. :) Das waren schon ein wenig anarchistische Zeiten. Ich kann mich erinnern, dass sich zwei meiner Kollegen in der Redaktion täglich gegenseitig eine Tierfigur auf ihr Porträt im Gruppenfoto auf der Website setzten – niemand hat es gemerkt, und wir hatten viel Spaß.

Wie sind denn die Teams entstanden?

Auch das war zunächst weniger professionell. Die Abteilungsleitungen, also Redaktion, Marketing, Key Account Management (Unternehmensbetreuung) kamen erst später – sie brachten dann auch Professionalität rein.

Am Anfang mussten sich die Prozesse erst etablierten. Jede Abteilung arbeitete zunächst für sich: Die Redaktion schrieb Texte, das Marketing machte Marketing, und das Key-Account-Team entwickelte Prozesse zur Partnerbetreuung. Damit hatten wir genug zu tun. Es war aber noch nichts miteinander abgestimmt. Das heißt, Marketing und Redaktion arbeiteten noch nicht zusammen, hatten noch keinen übergeordneten Auftrag. Vor allem die Redaktion arbeitete etwas isoliert. Später war es dann klar, dass die Redaktion dem Key Account und Marketing zuarbeiten und nicht nur zum Spaß irgendwelche Texte produzieren sollte.

Gab es in deiner Zeit bei e-fellows.net für dich irgendein Schlüsselerlebnis?

Es war am Anfang für uns auch ein wenig wie auf einer Insel. Erst als wir den ersten liebgewonnen Mitarbeiter entlassen mussten, wachte ich so langsam auf, dass es ein ganz normales Unternehmen ist – was ich nicht negativ meine, sondern nur erwähne, um zu beschreiben, wie es damals war.

Am Anfang gab es auf jeden Fall viel Identifikation mit dem Unternehmen – zu viel. Im Laufe der Zeit lernten wir, immer noch "committed" zu sein, aber eben zu wissen, wo die Grenzen sind.

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Kommentare (3)

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  1. Heike Helfenstein

    Schöner Beitrag. Bin zwar erst in 'Stunde 2' (Juni 2000) dazugekommen, habe aber vieles genauso empfunden wie Thomas. Schön, dass e-fellows.net seit diesen Anfängen so viele Veränderungen erlebt und erfolgreich bestanden hat. Tierfiguren auf Porträtköpfe setzen, ts, ts, ts....

  2. Lukas Oldenburg

    :)

  3. Manfred Böcker

    Thomas trifft den Nagel auf den Kopf. Diese Entwicklung von der Gruppe zur Organisation ist sicher typisch für alle Start-ups, die sich langfristig am Markt halten. Viele Grüße von Dinosaurier zu Dinosaurier und Thomas alles Gute für das Leben und Schaffen in Madrid, Manfred PS: Ein Plus bei McK hat Thomas vergessen: Die mit "Magnum" gefüllte Eistruhe.

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