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Kippt der NC?

Lernen Büffeln Prüfungsvorbereitung Examen [Quelle: Unsplash.com, Autor: Bethany Legg]

Quelle: Unsplash.com, Bethany Legg

Die Abiturnote regelt, wer in Deutschland was studieren darf. Noch. Denn nun wird entschieden, ob der Numerus clausus verfassungswidrig ist.

Seit 1973 ist Mechtild Düsing Anwältin. Seitdem verklagt sie Universitäten. Mehrere Dutzend Fälle pro Jahr, mehrere Tausend in vier Jahrzehnten. Viele verzweifelte Abiturienten haben vor ihrem Schreibtisch in Münster gesessen. Weil die Hürden für viele Studiengänge immer höher werden. Und ein Großteil der Schulabgänger faktisch keine Chance hat, dass es mit dem Traumberuf klappt. Jetzt endlich, am Ende ihres Berufslebens, ist Düsing zusammen mit Kollegen der juristische Coup gelungen. Seit Jahren hatten die Anwälte argumentiert, die Zulassungsbeschränkungen seien mit dem Grundgesetz unvereinbar. Irgendwann hat das Wirkung gezeigt – und der Numerus clausus ist vor dem Bundesverfassungsgericht gelandet. Am 4. Oktober läuft die Verhandlung, im konkreten Fall geht es um das Fach Medizin.

Die große Frage lautet: Ist das Auswahlverfahren an deutschen Hochschulen verfassungswidrig? Und wenn ja – fällt der NC?

Die Eckdaten der aktuellen Misere: 43.184 junge Menschen haben sich zum Wintersemester 2017/18 für ein Medizinstudium beworben. Studienplätze gab es 9.176. Zugelassen werden nur die Jahrgangsbesten. Um sofort eine Zusage zu bekommen, braucht man in 14 von 16 Bundesländern ein Abitur von 1,0. Zu Tests und Gesprächen, die die Unis unterschiedlich gewichten, werden auch nur Abiturienten mit überdurchschnittlichen Leistungen eingeladen. Die Wartezeit, das Nadelöhr für alle anderen, ist auf 14 Semester angestiegen. Hier spielt die Note keine Rolle. Wartezeit ist Wartezeit. Absurde Zustände seien das, sagen Ärzteverbände, Hochschulen, Juristen. Die Medizin ist kein Einzelfall. Die Psychologie ist ebenfalls total überrannt, dort schwanken die örtlichen NCs zwischen 1,0 und 1,6; die Wartezeit betrug letztes Jahr in manchen Städten mehr als 16 Semester.

Zu viele Bewerber drängen auf zu wenige Plätze. Das ist das Problem. Dazu kommt: Keiner darf einfach abgewiesen werden. Jedenfalls nicht, wenn er oder sie eine "Hochschulzugangsberechtigung" – alias das Abitur – vorweisen kann.

Es steckt viel bundesrepublikanischer Geist in diesen Begriffen. Seit Jahrzehnten schon ist das Abitur ein zentrales Symbol der deutschen Bildungspolitik. Ein Versprechen. Mit dem "Abi in der Tasche", so hören es Generationen von Schülern, stehe einem alles offen. Die Uni, die Welt, und, ja, auch der gesellschaftliche Aufstieg, vom Arbeiterkind zum Oberarzt. Die Leistungsgesellschaft ist – theoretisch jedenfalls – nach oben durchlässig, der Zugang zu Bildung niemandem versperrt. Zitat Grundgesetz: "Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen."

Nur merken die Abiturienten derzeit wenig von dieser Freiheit. Das bildungspolitische Versprechen der alten Bundesrepublik ist zur hohlen Phrase geworden. Dabei sollte gerade der bundesweite NC eigentlich mal für mehr Gerechtigkeit sorgen.

Richter warnen schon seit Jahrzehnten vor dem NC-Irrsinn

Schon in den späten 1960ern, zu Beginn der sozialdemokratischen Bildungsexpansion, herrscht in Westdeutschland Zulassungschaos. Immer mehr Abiturienten drängen an die Hochschulen. Die Studienplätze, vor allem im Fach Medizin, sind knapp. Die Unis müssen die Schranken runterlassen. Willy Brandt verspricht bereits 1969, die Bundesregierung werde prüfen, "wie den Ländern bei der Überwindung des Numerus clausus (…) am besten geholfen werden" könne. Kurze Zeit später greift auch das Bundesverfassungsgericht ein. In ihren NC-Urteilen von 1972 und 1978 halten die Richter fest: "Auswahlregelungen für zulassungsbeschränkte Studiengänge müssen jedem Zulassungsberechtigten eine Chance lassen." Das Grundgesetz darf nicht ausgehebelt werden. Heißt konkret: Die Universitäten können nicht willkürlich eine Notengrenze festlegen und den Rest der Abiturienten ignorieren.

So entsteht der deutsche Sonderweg – die Wartezeitquote. Sie ist die Hintertür, die für Bewerber mit durchschnittlichem oder schlechtem Abitur offen bleiben muss. In keinem anderen Land der Welt kann man sich einen Studienplatz allein durch endlose Geduld verdienen.

Von Anfang an funktioniert dieses System nur schlecht. NC-Notendurchschnitte und Wartezeiten steigen Jahr für Jahr, ein Ende ist bis heute nicht in Sicht. Die "situationsbedingten Notmaßnahmen", wie die Richter die Zulassungsbeschränkungen 1978 noch nennen, werden zum volkswirtschaftlichen Irrsinn. Viele Wartende drängen in medizinische Ausbildungsberufe, nehmen dort anderen Schulabgängern die Plätze weg – nur um nach vielen Jahren Wartesemester doch noch zu studieren. Wer kann, geht direkt nach Osteuropa. Vor allem in Ungarn hat man sich auf die deutschen "NC-Flüchtlinge" spezialisiert. Die Option kostet rund 10.000 Euro pro Jahr, kommt also nur für wohlhabende Familien infrage. Vor all diesen Szenarien – Pflegenotstand, soziale Selektion – hatten die Richter damals gewarnt. Vergeblich.

"Die Auswirkungen der Wartezeitquote sind dramatisch", sagt Wolfgang Hampe, Professor am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Hampe hat die Daten von acht medizinischen Fakultäten analysiert. Das Ergebnis: 40 Prozent der Studenten, die mit großer Verzögerung anfangen zu studieren, schaffen die erste Prüfung, das Physikum, nicht. Sie müssen das lang ersehnte Medizinstudium abbrechen. "Nicht nur für die Betroffenen ist das tragisch, auch die Hochschulen haben mit diesen hohen Durchfallquoten ein Riesenproblem."

Vom Physikum ist Alexander Hartmann (Name geändert) noch weit entfernt. Vor zwei Jahren hat der 20-Jährige Abitur gemacht. Leistungskurse Mathe und Biologie, Notendurchschnitt 2,0. Eigentlich ein Grund, stolz zu sein. Aber gebracht hat ihm sein Abschluss bisher nichts. Jedes Semester aufs Neue kassiert er nur Absagen. Dabei ist sein Lebenslauf schon ganz eindrucksvoll. Ein Jahr lang hat Hartmann am Stadtrand von London als Pfleger in einem Behindertenheim gearbeitet, danach als Sprechstunden-Aushilfe in einer unfallchirurgischen Praxis. "Meine Idee ist jetzt, ab November eine dreijährige Ausbildung zum Operationstechnischen Assistenten zu machen." Vielleicht klappt es danach mit dem Studienplatz. Eine Garantie gibt es nicht.

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