Partner von:

Große Leere

Universität, Studentenrückgang, Hörsaal [Quelle: pixabay.com]

Quelle: pixabay.com

In zwanzig Jahren wird es nicht mehr genügend Studenten für alle Hochschulen geben. Neue Zahlen zeigen, welche Standorte gefährdet sind.

Die Psychologie kennt das Konzept des optimistischen Fehlschlusses. Es besagt, dass Menschen Risiken für sich selbst niedriger einschätzen als für die anderen. Mich wird es schon nicht treffen! Der Kettenraucher, der glaubt, den Lungenkrebs bekämen im Zweifel die anderen. Der Glücksspieler, der sich sicher ist: Er hat das – im Gegensatz zum Rest – unter Kontrolle.

Da Hochschulen von Menschen geführt werden, ist es nicht weiter verwunderlich, dass man auch dort dem Konzept des optimistischen Fehlschlusses begegnet. Zum Beispiel, wenn Rektoren an die Herausforderungen der Zukunft denken. Da verfahren sie gern getreu der Maxime "Uns kann keiner was". Womöglich ist das riskant.

In den kommenden 20 Jahren werden aller Voraussicht nach bedeutend weniger Menschen studieren als heute, eine Begleiterscheinung des demografischen Wandels. Die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten zu wenig Nachwuchs gezeugt, um die Bevölkerung im Gleichgewicht zu halten. Nun ist der demografische Wandel nicht so gefährlich wie Lungenkrebs oder Spielsucht – ist man nicht gerade eine Institution, die auf steten Nachschub junger Menschen angewiesen ist.

Jedes Fach lebt von seinen Studierenden. Fallen die kommenden Jahrgänge zu klein aus oder drängen sie vor allem in die Großstädte, geraten viele Hochschulen in der Provinz in die Bredouille: Forschungsvorhaben könnten mangels Mitarbeitern scheitern, Lehrstühle geschlossen werden und Studiengänge sterben, denn für die Hochschulen bedeutet jeder Studierende Geld.

CHE Consult, ein Beratungsunternehmen für Universitäten und Fachhochschulen, hat nun Daten der Bevölkerungsentwicklung in den einzelnen Landkreisen mit den Einzugsgebieten der Hochschulen miteinander verrechnet. Die Ergebnisse liegen der ZEIT und ARD-alpha exklusiv vor. Sie zeigen, dass viele westdeutsche Hochschulen in den nächsten 20 Jahren mit Einbußen von 10 bis 15 Prozent rechnen müssen.

Wie also bereiten sich Unis und FHs auf die geburtenschwachen Jahrgänge vor? Tun sie es überhaupt? In den Antworten auf eine schriftlichen Anfrage an 100 deutsche Hochschulen gibt sich die Mehrheit zumindest ziemlich gelassen. Zwar betonen fast alle, dass sie sich mit dem demografischen Wandel strategisch befassen, beunruhigt klingen sie nicht. Einigen erscheint der Wandel als wohltuende Schrumpfkur. Andere verweisen auf das eigene, besonders attraktive Studienangebot, das auch in Zukunft eine große Nachfrage garantiere.

"Einigen Hochschulleitungen fehlt die Weitsicht", sagt Ronny Röwert, Analyst bei CHE Consult. "Rektoren sagen uns oft: Solange sie in vielen Fächern noch einen NC hätten, würden sie sich keine Sorgen machen." Der Studierenden-Ansturm der vergangenen Jahre sei aber im Wesentlichen mit befristeten Geldern aus dem Hochschulpakt gestemmt worden. Sollen sie weiter fließen (über das geplante Ende des Hochschulpakts 2020 hinaus) und die Tausende geschaffenen befristeten Stellen in Forschung und Lehre weiter existieren, müssten sich die Hochschulen etwas einfallen lassen.

Es ist mit dem demografischen Wandel ein bisschen wie mit dem Klimawandel: Wenn man wartet, bis er da ist, ist es zu spät. Gerade in der Provinz, in perspektivisch hoffnungslos überalterten Landkreisen in Nordbayern, dem Saarland, dem Harz oder Ostfriesland (siehe Karte auf der nächsten Seite), müssten sich die Universitäten – und insbesondere kleinere Fachhochschulen – schon heute Gegenstrategien ausdenken. Je kleiner die Hochschule und das Fächerangebot, desto schwieriger ist es, alle jungen Menschen im Umkreis anzusprechen und auf zurückgehende Bewerberzahlen zu reagieren.

Warum geben sich die Hochschulen dann so entspannt? Das hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen ist es schwierig, die demografische Entwicklung genau zu prognostizieren. Wirtschaftliche und politische Entwicklungen lassen sich nur schwerlich voraussehen, siehe Finanzkrise, sie können die Geburtenrate jedoch merklich beeinflussen. Ähnliches gilt für die Zuwanderung. Vielen Rektoren erscheinen die Prognosen daher wie Kaffeesatzleserei. Zumal sie sich, und das ist der zweite Grund, auf ihre Erfahrung berufen können.

Demografische Entwicklung der studienrelevanten Bevölkerung [© ZEIT-Grafik]

Schon seit Jahren heißt es, die demografische Entwicklung würde zu einem Rückgang der Studierenden führen. Stattdessen aber erhöhte sich die Zahl zwischen 2005 und 2015 um 39 Prozent, auf heute 2,75 Millionen Studierende. Rekord! Niemand hatte vorausgesehen, dass nicht nur immer mehr Schüler Abitur machen, sondern auch immer mehr Abiturienten studieren wollen. Viele Hochschulen ächzen unter dieser Last: Studenten sitzen in Hörsälen auf dem Boden, streiten sich um Seminarplätze, konkurrieren in Prüfungsphasen um Betreuer. Einige Unis und FHs sagen sich offenbar: Und da sollen wir uns um den demografischen Wandel sorgen?

Nur: Irgendwann ist eine Sättigung erreicht. Es wird auch weiterhin Menschen mit mittlerem Schulabschluss geben und Abiturienten, die eine Ausbildung machen. Und der langfristige Trend ist eindeutig. Der Anteil der unter 20-Jährigen in Deutschland ist zwischen 1970 und 2014 um fast neun Millionen Menschen gesunken, die Geburtenrate fiel ebenfalls. Und weil weniger Menschen mit niedrigerer Geburtenrate noch weniger Kinder bekommen, verschärfen sich Effekte von Generation zu Generation. Schon jetzt gehen die Zahlen der Schulabgänger zurück, zwischen 2004 und 2014 sank die Zahl der Einschulungen noch mal um 13 Prozent.

Im Saarland bekommen die Frauen weniger Kinder als irgendwo sonst in der Republik. Dort prognostiziert CHE Consult der Universität bis zum Jahr 2035 14 Prozent weniger Studienanfänger, der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes (htw Saar) einen Rückgang von 15 Prozent. 6.000 Studierende sind an der htw Saar derzeit eingeschrieben, und sowohl das Land als auch Rektor Wolrad Rommel wollen, dass das so bleibt. Ein Minus von 15 Prozent hieße: 900 Studierende weniger. Käme es dazu, müssten kleinere Studiengänge geschlossen werden und bei größeren müsste eingespart werden, sagt Rommel. "Aber ich glaube nicht, dass es so kommt. Der Trend wird weiter in Richtung Fachhochschulen gehen – und die Universitäten werden schrumpfen." Seine Begründung: Unis hätten durch den Schwerpunkt in der Forschung einen teureren und schwierigeren Spagat mit guter Lehre zu meistern als die Fachhochschulen. Das würde automatisch zu einer Fokussierung – und somit dem Ende bestimmter Fächer führen. Um dennoch vorzubeugen, wolle er an der htw Saar in Zukunft verstärkt in Regionen mit mathematisch gut ausgebildeten Schülern rekrutieren – Asien und Osteuropa. Von jetzt 16 Prozent auf zukünftig 20 Prozent könne man den Anteil an internationalen Studierenden womöglich steigern – und so die schwankende Nachfrage in den Ingenieurstudiengängen stabilisieren. 15 Prozent weniger junge Menschen in den Einzugsgebieten, vier Prozent mehr Ausländer – und was ist mit dem Rest? Man müsse ein so attraktives Angebot schaffen, dass die Studierenden aus ganz Deutschland kämen, sagt Rommel. Ihm ist auch klar: Das kostet Geld.

nach oben
Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren