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Wilhelm von Humboldt Statue [Quelle: Pixabay.com, jensjunge]

Quelle: Pixabay.com, jensjunge

Wilhelm von Humboldt wird 250. Zeit, sich von seinem Bildungsideal zu verabschieden und die Universitäten neu zu erfinden.

In diesen Tagen gibt es viele Geburtstagspartys für einen alten Mann. Die Stimmung ehrfürchtig, der Ton feierlich: Wilhelm von Humboldt, geboren am 22. Juni 1767, wird 250. Die Universität, die seinen Namen trägt, zelebriert ihn mit Festvorträgen, die Berliner Staatsbibliothek weiht einen Humboldt-Saal ein, die Akademie der Wissenschaften veranstaltet eine Tagung über die "Gründergestalt", währenddessen unweit dieser Häuser ein monumentales staatliches Selbstverständigungsprojekt entsteht, in dem es irgendwie auch um Bildung gehen soll, das Humboldt Forum.

Der warme Humboldt-Strom reißt scheinbar jeden mit, und diese kollektive Begeisterung muss einen stutzig machen. Der konservative Professorenverband rühmt Humboldt als unkonventionellen Denker, der Tischlern Altgriechisch beibringen wollte; eine Zeitschrift sieht ihn als "liberalen Rebellen". Und "Schüler*innen, Student*innen und wissenschaftliche Mitarbeiter*innen" kündigten an, für die "Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse" und gegen "neoliberale Lernmaschinen" auf die Straße zu gehen, ihr Vorbild, nun ja: Humboldt.

Wilhelm von Humboldt ist in der Bildungswelt längst zu Sankt Humboldt kanonisiert, zum Schutzpatron der Hochschulen, der sie vor allen Veränderungen bewahrt. Die Anrufungen des Heiligen können beliebig politisch aufgeladen werden; sie nehmen das Gestern wichtiger als das Morgen; sie basieren oft nur auf vagen Vorstellungen vom guten alten Humboldt – und missachten das, was eine Hochschule ihren Studenten eigentlich schon im ersten Semester beibringen sollte: historisch-kritische Distanz.

Denn Humboldt ist ein Mythos, die Humboldtsche Universität mit ihrem großen Bildungsideal eine "erfundene Tradition", wie Geschichtswissenschaftler sagen. Seine vermeintliche Gründungsschrift der Berliner Universität wurde erst 1903 veröffentlicht, als er schon lange tot war – die als "überzeitlich postulierte Idee der deutschen Universität", urteilt die Historikerin Sylvia Paletschek, wurde erst im Laufe des 20. Jahrhunderts "immer wieder neu belebt und neu konstruiert".

Bis heute wird Humboldt immer dann von Politikern, Professoren und Studenten hervorgeholt, wenn sie sich gegen Veränderungen zur Wehr setzen wollen. Das hat etwas Reaktionäres. Bologna? Lehrprofessuren? Studiengebühren? Strukturreformen? Die Öffnung der Universitäten in die Gesellschaft? Stets, so heißt es, werde Humboldt zu Grabe getragen oder drehe er sich in ebenjenem zweimal um. Humboldt, brachte es die Historikerin Anne Rohstock auf den Punkt, ist der "eigentliche Hemmschuh der Hochschulreform in der Bundesrepublik".

Drei Humboldtsche Postulate hört man besonders oft: die zweckfreie Bildung, die Freiheit von Forschung und Lehre sowie die Einheit von Forschung und Lehre, also die Idee, dass Studenten und Professoren in freundschaftlicher Eintracht miteinander forschen und gute Lehre allein aus guter Forschung entspringt.

Das sind hehre Ziele, doch zementieren sie ein Hochschulideal, das am Beginn des 20. Jahrhunderts populär wurde, als die Universitäten kleine, elitäre Einrichtungen waren. Heute aber ist ein Studium der Normalfall. Es gibt 2,8 Millionen Studenten – 1980, als viele derjenigen studierten, die in heutigen Hochschuldebatten das Wort führen, war es gerade einmal eine Million. Diese Studentenschaft ist heterogener als je zuvor und erwartet sehr Unterschiedliches von ihren Hochschulen – manche ein freies Studium, viele aber einen stärkeren Bezug zur Praxis. Humboldts "Zweckfreiheit" jedoch war in der Vergangenheit zu oft ein Vorwand, sich um genau diese Praxisnähe keine Gedanken machen zu müssen. Die "Freiheit von Forschung und Lehre", eine so große wie wichtige Errungenschaft, diente zu oft als Begründung, sich in den Elfenbeinturm zurückzuziehen. Und Humboldts Ziel der "Einheit von Forschung und Lehre" schuf nicht etwa ein Gleichgewicht von Forschung und Lehre, sondern verfestigte ein Primat der Forschung: Der ganze Universitätsbetrieb ist auf sie ausgerichtet.

Über den Sinn des Humboldtschen Ideals zu diskutieren ist keine theoretische Debatte, die man anlässlich von Jubiläen führt. Denn Humboldts Ideen wirken in Strukturen und Anreizsystemen fort, die die Hochschulen heute massiv prägen:

  • Die meisten Studienplätze gibt es an Universitäten, an denen das neuhumanistische Bildungsideal Humboldts eine große Rolle spielt – nicht an Fachhochschulen, die sich durch besondere Praxisnähe auszeichnen.
  • Die Milliarden, die in den vergangenen Jahren durch Sonderprogramme ins Wissenschaftssystem geflossen sind, kamen vor allem der Forschung zugute. Die Grundfinanzierung der Hochschulen ist aber unzureichend und die Lage vieler, besonders junger Wissenschaftler prekär.
  • Für eine wissenschaftliche Karriere kommt es auf Forschungsergebnisse an, gute Lehre ist egal. Es gibt zu wenige Anreize, den Unterricht zu modernisieren, zu digitalisieren. Die Seminare und Vorlesungen an Hochschulen sehen weiterhin aus wie vor 100 Jahren.
  • Die Überbetonung der Forschung führt zu einer merkwürdigen Konvergenz der Einrichtungen: Alle wollen gute Forschung machen, alle wollen sein wie Universitäten, auch die Fachhochschulen wollen Doktoren ausbilden. Die Folge: Die 400 Hochschulen in Deutschland werden sich in ihrem Anspruch ähnlicher, anstatt sich auseinanderzudifferenzieren.

Muss das die Gesellschaft bekümmern? Ja. Nostalgie ist gefährlich. Wenn sich die Welt so rasend schnell dreht wie derzeit, wenn Digitalisierung und Globalisierung unsere Wirtschaftsmodelle und Bildungsideale verändern, sollte die zentrale Weltaneignungsinstanz einer Wissensgesellschaft nicht an einer erfundenen Tradition hängen.

Bald werden Roboter Jobs ersetzen, für die man bislang Akademiker brauchte, werden Maschinengehirne Krankheiten diagnostizieren, Gerichtsurteile auswerten oder Berichte für Newsportale schreiben. Künstliche Intelligenz wird dem Menschen in manchen Bereichen überlegen sein und das menschliche Selbstverständnis infrage stellen. Was jemand weiß und kann, was es bedeutet, "gebildet" zu sein, wird sich drastisch wandeln. Bislang hing Autorität mit Autorschaft zusammen, wenn aber jeder senden kann, ist das Verfassen von Texten und Lehrmeinungen nur eine Quelle der Autorität.

Es ist Zeit für eine Neuerfindung der Universitäten. Dieses Neu-Denken muss sich von der Vorgabe befreien, es gebe nur die eine, wahre Universität nach einem vermeintlich kohärenten Leitbild. Entstehen könnten so viele radikale Universitäten, mit der Freude des Experiments und dem Risiko des Scheiterns. Diese Unis müssten ihre Freiheit dazu nutzen, sich mit großem konzeptionellen Selbstbewusstsein voneinander zu unterscheiden, anstatt zu konvergieren. Eine Einrichtung mag Bildung als Lebensform feiern, eine andere ist konsequent digital, eine andere hält die Klassiker hoch, eine vierte macht das beste Ausbildungsprogramm. Allen müsste gemein sein, dass sie ihre Studenten vorbereiten auf den rapiden Wandel unserer Gesellschaft und Arbeitswelt.

Vor allem aber müssen diese neuen Universitäten sich ständig selbst erneuernde Systeme sein. Ihre institutionelle Kernkompetenz lautete: Verunsicherungsfähigkeit. Das Vermögen, sich von der Rapidität der Welt nicht schwindelig machen zu lassen, sondern die drastischen Veränderungen immer wieder zuzulassen. Die Form, in der das geschieht – sie wird, sie sollte unterschiedlich sein.

Die Neuerfindung der Universität hat Tradition. Auch die Forschungsuniversitäten des 19. und die Technischen Hochschulen des 20. Jahrhunderts waren Experimente in die sich verändernde Welt hinein, in denen Zeitgeist und politischer Wille zusammenkamen. Radikale Universitäten der Zukunft lassen sich nicht von oben verordnen. Sie müssen eine grass roots- Bewegung sein, die gute Ideen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft aufnimmt. Nirgendwo sonst gibt es so viele kluge Köpfe wie an den Hochschulen. Der Aufbruch kann gelingen – wenn man es am 250. Geburtstag des großen Humboldt endlich schafft, den Hochschulmythos zurückzulassen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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