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Was das Abitur wert ist

Plagiatsaffäre bei den Medizinern [@ WavebreakmediaMicro - Fotolia]

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Das Bundesverfassungsgericht verhandelt über den Numerus Clausus in Medizin.

Wenn das Bundesverfassungsgericht am Mittwoch dieser Woche über den Numerus Clausus in Medizin verhandelt, geht es um mehr als die Zulassung zum Medizinstudium. Die Verfassungsrichter werden über die Kernfrage verhandeln, ob das Auswahlverfahren an deutschen Universitäten verfassungswidrig ist. Allein in diesem Jahr haben sich zum Wintersemester 43.184 Abiturienten für ein Medizinstudium beworben, doch es stehen ihnen nur 9.176 Studienplätze zur Verfügung. Nur Gymnasiasten mit einem Abiturdurchschnitt von 1,0 werden zugelassen, und manchmal gelingt nicht einmal das.

Alle anderen Bewerber mit schlechteren Abiturergebnissen warten bis zu 14 Semester, also sieben Jahre. Alle sind sich einig darüber, dass solche Wartezeiten absurd sind. Und längst ist eine Debatte darüber ausgebrochen, welche Leistungskriterien und menschlichen Qualitäten eigentlich einen guten Arzt ausmachen. War man noch vor kurzem der Meinung, nur Einserkandidaten seien dem Medizinstudium gewachsen, gibt es inzwischen auch Tendenzen, allein das "Gutmenschentum" der Kandidaten als ausschlaggebend zu betrachten.

Ärzteverbände und Anwälte, die sich auf Studienplatzklagen spezialisiert haben, sind sich einig darin, dass das Zulassungsverfahren für das Medizinstudium reformiert werden sollte. Denn Abiturdurchschnitte sind nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb eines Landes nicht wirklich vergleichbar. Das Misstrauen in das Abitur wäre nicht so groß, hätten sich die Kultusminister auf mehr geeinigt als auf sogenannte Bildungsstandards, die beschreiben, was ein Abiturient können soll, und hätten sie sich stattdessen auch auf vergleichbare Prüfungsmodalitäten verständigt.

Nach einem ersten gescheiterten Anlauf hat das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen im Rahmen einer Studienplatzklage nun einen zweiten Versuch unternommen, Karlsruhe die gesetzlichen Regelungen der Hochschulplatzvergabe zur verfassungsrechtlichen Prüfung vorzulegen. Dem Verwaltungsgericht geht es nicht etwa um eine Abschaffung des Numerus Clausus. Es stößt sich vielmehr daran, dass es keine Landesquoten gibt. Das Bundesland, in dem die allgemeine Hochschulreife erworben wurde, wird also nicht berücksichtigt. Die Gelsenkirchener Verwaltungsrichter halten das deshalb für nötig, weil sich die Abiturabschlüsse der Länder als unvergleichbar erwiesen hätten.

Zweitens hat das Verwaltungsgericht Zweifel daran, dass die zu vergebenden Plätze an die Wartezeit geknüpft sein dürfen, die nach dem Abitur verstrichen ist. Abiturienten, die sich durchgehend jedes Semester wieder bewerben, können von solchen überholt werden, die sich nicht durchgehend beworben haben, weil deren Abschluss schon länger zurückliegt. Die Verwaltungsrichter monieren drittens, dass die Abiturnote zu viel Gewicht habe, weil sie sowohl bei der Bestenauslese als auch beim Auswahlverfahren der jeweiligen Hochschule eine Schlüsselrolle spiele. Das ist nicht überall so. Die Sektion Humanmedizin der Universität Lübeck hat schon seit geraumer Zeit ein Auswahlverfahren erprobt, das die Abiturnote zwar berücksichtigt, sie aber nicht zum allein gültigen Kriterium erhebt.

Auch wenn die Bedenken der Gelsenkirchener Richter auf den ersten Blick plausibel erscheinen, müsste das Abitur jedes Bundeslandes nach einem Schlüssel, der erst zu erfinden ist, neu bewertet werden, um Vergleichbarkeit zu schaffen. Zudem müsste der Kriterienkatalog jedes Semester erneuert werden, um den ständigen Veränderungen des Schulsystems Rechnung zu tragen. Selbst wenn irgendjemand diesen Verwaltungsaufwand auf sich nähme, wäre die von den Verwaltungsrichtern monierte Unvergleichbarkeit nicht beseitigt. Denn selbst in ein und derselben Stadt macht das eine Gymnasium höhere Ansprüche geltend als das andere, korrigiert ein Lehrer anders als der andere.

Hinzu kommt eine weitere Hürde, die das gesamte Bildungssystem betrifft: Wenn die Hochschulen verpflichtet werden, Aufnahmeprüfungen oder Eignungstests für alle zulassungsbeschränkten Studiengänge einzuführen, werden die Gymnasien ihre studienvorbereitende, ja wissenschaftspropädeutische Funktion einbüßen. Ein Abitur, das nicht mehr zum Studium berechtigte, wäre dann ähnlich wenig wert wie manche der "bacs poubelle" (Mülleimerabiture) in Frankreich.

Einige juristische Beobachter rechnen damit, dass die Verfassungsrichter der Abiturnote künftig weniger Gewicht beimessen könnten. Zur Studienplatzvergabe haben sie in der Vergangenheit mehrere Grundsatzentscheidungen getroffen, die sich am Rechtsanspruch auf Berufsfreiheit aus Artikel 12, Absatz 1 Grundgesetz und den allgemeinen Gleichheitsgrundsatz (Artikel 1, Absatz 3) orientieren. In den siebziger Jahren stellten sie fest, "Auswahlregelungen für zulassungsbeschränkte Studiengänge müssen jedem Zulassungsberechtigten eine Chance lassen". Auf diese Weise kam es zur Wartezeitquote, die für geduldige Abiturienten die Möglichkeit bietet, auch dann zugelassen zu werden, wenn das Abitur nicht glänzend ist.

Doch die Anzahl der Bewerber ist trotz geburtenschwächerer Jahrgänge nicht gesunken, sondern weiter gestiegen. Die Zulassungsbeschränkungen, die 1978 noch als die "situationsbedingten Notmaßnahmen" bezeichnet worden sind, sind zur Regel geworden und führen dazu, dass Bewerber, die auf das Medizinstudium warten, anderen Schulabgängern die Plätze in medizinischen Ausbildungsberufen wegnehmen, nur um schließlich doch noch das begehrte Studium beginnen zu können. Einige Universitäten dürften nicht abgeneigt sein, die Wartezeitquoten zu streichen. Allerdings stellt sich dann die Frage, was an ihre Stelle treten soll. Es müsste ein notenunabhängiges Kriterium, ein Losverfahren oder ein Test sein, der allen Bewerbern offensteht.

Mit enormem Zeit- und Kostenaufwand sind alle Eignungsverfahren verbunden, die soziale Fähigkeiten, Empathie und Wissen testen, ebenso die von der Bundesärztekammer gewünschten Assessment-Center. Wie die Auswahlversuche in anderen Fächern gezeigt haben, führen sie nicht unbedingt dazu, dass ein Bewerber, der das Auswahlverfahren einer bestimmten Universität durchlaufen hat, auch wirklich den schließlich angebotenen Studienplatz annimmt.

Die zunehmenden Zulassungsbeschränkungen in nahezu allen Studiengängen sind ein Ausdruck der Studienplatzknappheit. Universitäten, die etwas auf sich halten, beschränken inzwischen die Zulassung von mehr als der Hälfte der Studiengänge. Um mehr Studienplätze zu schaffen, müsste aber die Grundfinanzierung der Universitäten deutlich steigen. Das wird angesichts des Ungleichgewichts von Drittmitteln und Grundfinanzierung nicht ohne weiteres möglich sein. Die Mehrheit der Länder und das Serviceportal "Hochschulstart" werden von dem Erlanger Verfassungs- und Verwaltungsrechtler Max-Emanuel Geis in Karlsruhe vertreten. Mit einem Urteil ist noch in diesem Jahr zu rechnen.

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