Partner von:

Geht auch ohne Klopapier

Spaß, Jugend, Erwachsensein [Quelle: unsplash.com, Autor: Noah Silliman]

Quelle: unsplash.com, Noah Silliman

Die Autorin ist jetzt 30. Sie hat sich eine Mikrowellenglocke gekauft, auf einen Hund aufgepasst und erledigt Bürokratieaufgaben selbst. Ist sie jetzt erwachsen?

Der 30. Geburtstag ist immer auch ein menschliches Museum der eigenen Vergangenheit. Alte Klassenkameraden, mit denen man zu Abiturzeiten geknutscht hat, sind da; Kommilitonen, die man seit seinem letzten Seminar nicht gesehen hat; Arbeitskollegen – Menschen aus unterschiedlichsten Orten und Lebensabschnitten, zusammengewürfelt auf 45 Quadratmetern.

Es ist ein surreales Gefühl. Ein bisschen, als würde man, durch einen leichten Gin-Tonic-Schleier hindurch, ein Serienmashup gucken, in dem Sergeant Brody aus Homeland plötzlich mit Hannah Horvath aus Girls Small Talk hält.

Ich bin jetzt also 30. Zehn Monate lang habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich bis dahin alles gemacht haben muss, um diesem Tag als Erwachsene entgegenzutreten. So schnell kann man natürlich keine großen Lebensaufgaben erledigen. Statt "Bau ein Haus, pflanz einen Baum, krieg ein Kind", habe ich deshalb eine Mikrowellenglocke gekauft, einen Kräutergarten vertrocknen lassen und auf einen Leihhund aufgepasst.

Ein paar Dinge, die ich mir vorgenommen habe, habe ich tatsächlich geschafft: Ich schiebe nicht mehr die langweiligen Bürokratieaufgaben auf meine Eltern ab, ich habe aufgehört, von mir selbst als "Mädchen" zu sprechen, ich habe ein Ehrenamt.

Hat das Ganze etwas gebracht? Bedingt. Ich bekomme immer noch Herzrasen, wenn ich Post vom Finanzamt kriege, rufe meine Eltern an, um zu fragen was "blanchieren" bedeutet, trinke Wein am liebsten direkt aus der Flasche und klaue manchmal immer noch Klopapier aus der Bürotoilette, wenn ich es mal wieder nicht geschafft habe, eigenes zu kaufen. Und nein, ich fühle mich immer noch nicht erwachsen.

Was ich in den neun Monaten aber gelernt habe: Erwachsensein ist mehr als eine Ansammlung von Meilensteinen. Mit 30 sollte man zwar langsam gemerkt haben, dass sich Klopapierrollen nicht von allein auffüllen. Aber man kann auch ohne Klopapier ein Erwachsener sein – oder ein Kind mit Eigenheim.

Je mehr ich das verstanden habe, desto mehr ist die Kolumne von einer To-Do-Liste zum Kratzen an den großen Menschheitsfragen geworden: Habe ich meinen Ort in der Welt gefunden? Stelle ich mich selbst und das, woran ich glaube, auch mal in Frage? Übernehme ich Verantwortung für Menschen, die ich liebe, und die Welt, in der ich lebe?

Je mehr ich für diese Kolumne gelesen haben, desto mehr habe ich verstanden: Erwachsensein ist ein schwer zu fassender Begriff, den jede Gesellschaft und jede Generation anders definiert. Beim äthiopischen Stamm der Hamar muss man über vier kastrierte Bullen springen, um als Erwachsener zu gelten, bei einigen Stämmen der Aborigines sechs Monate allein in der Wildnis überleben, bei den Azteken einen Feind gefangen nehmen und opfern.

Erwachsensein ist, genauso wie die Kindheit, ein soziales Konstrukt. Aber genau wie alle Konstrukte hat es echte Konsequenzen.

Viele sind unbequem: Der Welpenschutz und der Jugendbonus sind vorbei. Man kann nicht mehr gegen die Erwachsenen wettern, die eine ungerechte Welt hinterlassen haben, sondern ist jetzt selbst dran, etwas zu ändern. Mit jedem Jahr, in dem man sich wohler in seinem Körper fühlt, zerfällt er ein Stückchen – er verliert Haare, addiert ein paar Kilogramm, geht an Stellen kaputt, über die man sich vorher noch nie Gedanken gemacht hat. Trotzdem lohnt es sich.

Eine der zwei wichtigsten Erkenntnisse dieser Kolumne war für mich: Erwachsenwerden heißt nicht unbedingt, glücklicher zu werden; sondern zu verstehen, dass das Leben dich mit allen seinen Seiten angeht, den hässlichen, den schönen, den langweiligen.

Ja, es tut ein bisschen weh, daran zu denken, dass ich morgen nach drei Gin Tonic mit einem größeren Kater aufwachen werde, als nach der gesamten Abifahrt. Und dass die meisten  Freunde auf meiner Party schon um halb zwei anfangen werden, auf die Handy-Uhr zu gucken. Anderseits fühlt es sich gut an, verstanden zu haben, dass das Leben nicht nur ein Gaspedal hat, sondern auch eine Bremse.

Überhaupt machen viele Nebenwirkungen des Erwachsenseins das Leben leichter: Die Wissen zum Beispiel, dass man nicht der Nabel der Welt ist, dass deine Sorgen nicht einzigartig sind und dass Schlaf tatsächlich aufregender sein kann als gegen eine Musikanlage anzuschreien.

Meine zweite Erkenntnis war: Man ist nie fertig mit dem Erwachsenwerden. Die Gesellschaft kann nur ein paar Maßstäbe vorgeben, wie Volljährigkeit und Familiengründung. Aber ein echter Erwachsener hört nie auf zu wachsen. Die großen Augen, mit denen man mit 20 auf die Welt guckt, müssen nicht unbedingt skeptisch-schmal werden, das Leben nicht fad.

Eines der schönsten Zitate, die ich über das Erwachsensein gelesen habe, kommt aus einem Aufsatz im The Atlantic: "Erwachsensein ist ein impressionistisches Gemälde – wenn du weit genug davon stehst, sieht du ein verschwommenes Bild. Aber wenn du die Nase reindrückst, sind es Millionen kleiner Pinselstriche. Unperfekt, ungleichmäßig aber zweifellos Teil eines großen Ganzen."

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

nach oben
Informiert bleiben

e-fellows.net auch auf anderen Kanälen folgen? Ihr findet uns auf Facebook, Twitter, XING, LinkedIn und Google+

Aktuelles zum Studium

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren