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Mehr ist nicht automatisch gut

Süßwaren [Quelle: freeimages, Autor: MeiTeng]

Quelle: freeimages, MeiTeng

Die Zahl der Studiengänge hierzulande steigt. Exotische Bachelor-Programme provozieren Skepsis.

Nicht der Mai macht alles neu, aber immer wieder der April und der Oktober: Zum jeweiligen Semesterbeginn starten nicht nur neue Studenten an den Hochschulen - sondern auch immer neue Studiengänge. In diesen Wochen etwa feiern an der erst 2009 gegründeten Hochschule Hamm-Lippstadt (HSHL) gleich drei neue Bachelorprogramme Premiere, die zum Teil deutschlandweit allenfalls entfernte Verwandte haben: Interaktionstechnik und Design, Interkulturelle Wirtschaftspsychologie und Umweltmonitoring und Forensische Chemie.

Die Statistik zeigt: Konnten Studenten in Deutschland zum Wintersemester 2007/2008 noch aus 11.265 Bachelor- oder Master-Angeboten wählen, waren es im vergangenen Herbst schon 17.437. Nicht nur Abiturienten, sondern auch Personalern fällt es da schwer durchzublicken.

Was früher ein Studiengang war, der zum Diplom oder Magister führte, wurde nach der europaweiten Angleichung im Zuge der Bologna-Reform zu zwei Studiengängen: Bachelor und Master. Vor der Reform gab es enge gesetzliche Vorgaben für das Fächerspektrum, seitdem haben die Hochschulen deutlich mehr Gestaltungsfreiheit. Zudem gibt es heute fast ein Drittel mehr Hochschulen als vor 15 Jahren.

Hauptverantwortlich für den Anstieg sind die Masterprogramme, die Zahl der weiterführenden Studiengänge ist innerhalb von acht Jahren um 300 Prozent auf fast 8.000 gestiegen. Eine breite Ausbildung im Bachelor, eine spezialisierte im Master - das ist die Idee der neuen Studienwelt. Ausdifferenzierte Master-Studiengänge bedienen aber auch den Wunsch der Wirtschaft, möglichst jobfertige Absolventen zu haben. Eine starke Anwendungsorientierung und fachwissenschaftliche Spezialisierung waren in einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus dem Frühjahr die wichtigsten Erwartungen an Master-Absolventen.

Doch auch unter den knapp 10.000 grundständigen Studiengängen, die zu einem ersten Hochschulabschluss führen – heute meist dem Bachelor –, gibt es Zuwachs. Neben Klassikern sind das auch Spezialprogramme wie Accessoire Design oder Zukunftsenergie. "Wir wollen nicht für die Galerie ausbilden, sondern gucken auch auf die Bedarfe der Industrie, wenn es darum geht, interessante Kombinationen zu finden", sagt etwa HSHL-Präsident Klaus Zeppenfeld.

Das Problem vieler eng gefasster Programme: Durch eine zu frühe Spezialisierung im Bachelor kann den Studenten eine Festlegung drohen, aus der sie nur noch schlecht herauskommen. Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) etwa mahnt in einer Stellungnahme an, dass die "Absolventen über ein breites Wissen und Verstehen der wissenschaftlichen Grundlagen ihres Lerngebiets verfügen" sollen.

Kritik gibt es aber nicht nur von ihr:

An der Technischen Universität (TU) Berlin wurden in den vergangenen vier Jahren vier neue Bachelor-Studiengänge und sieben neue Master-Studiengänge eingerichtet - Fächer wie Environmental Policy and Planning, Landschaftsarchitektur oder Interdisziplinäre Antisemitismusforschung, die pro Semester nur zwischen 15 und 60 Studenten haben. Alle Studienplätze seien dabei ausgelastet, teilt die Hochschule mit. Man könne mit neuen Studiengängen "auf Entwicklungen in der Forschungslandschaft ebenso reagieren wie auf aktuelle und zukünftige Bedarfe des Arbeitsmarktes". Zudem seien sie wichtig für die Profilbildung der Universität.

Im Akademischen Senat wurde die Diversifizierung dennoch im Frühsommer von einigen kritisiert. Die hochschuleigene Kommission für Lehre und Studium soll die neuen Studiengänge jetzt genauer prüfen. Es geht ja auch um Kosten: Die TU Berlin rechnet mit etwa einem JahrVorlauf und einem Budget von etwa 100.000 Euro für Planung, Erstellung von Unterlagen, den Gang durch die Gremien und die Bewerbung eines neuen Studiengangs. Geht es nicht darum, ein bestehendes Programm in Schwerpunkte zu zergliedern, sondern darum, ein neues Thema akademisch zu erschließen, wird es deutlich teurer.

Für die HRK ist klar: Die Hochschulen können heute mehr ausprobieren, müssten sich aber auch einem neuen Wettbewerb stellen. "Welche dieser ausdifferenzierten Studiengänge auf längere Sicht Bestand haben werden, wird die studentische Nachfrage regeln." Die Konsequenz für Studenten: Sie schließen womöglich in einem Studiengang ab, an den sich in ein paar Jahren schon niemand mehr erinnert.

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