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Kommt eine neue Studentenrevolte?

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Quelle: unsplash.com, Roya Ann Miller

Proteste gegen das G20-Treffen, Widerstand gegen Professoren: An ersten Hochschulen machen Aktivisten mobil. Wie groß ist ihr Einfluss? Unsere Reporter Anant Agarwala und Stefan Schirmer haben sie besucht.

Es funkelt im Konferenzsaal eines Münchner Hotels, Leuchtstäbe hängen wie Stalaktiten von der Spiegeldecke, auch die Wände ringsum sind verspiegelt. Die Professorenvertretung "Deutscher Hochschulverband" hat geladen, und der Ort passt zum inoffiziellen Thema jeder Jahrestagung: Selbstbespiegelung. Doch an diesem Frühlingsmorgen geht es um weit mehr. Vom Ende der Wissenschaftsfreiheit wird die Rede sein, von selbst ernannten Tugendwächtern, sogar von Angst. Es wird der Eindruck entstehen, an deutschen Unis drohe eine Gesinnungsdiktatur.

"Wir verlieren die Fähigkeit zum offenen Wort, wenn wir Angst haben, dass es gegen uns verwendet wird", sagt DHV-Präsident Bernhard Kempen. Zustimmendes Murmeln. Aber, so schließt er seine Rede: "So weit wollen wir es nicht kommen lassen! Und so weit werden wir es nicht kommen lassen!"

In der Rolle des Belastungszeugen tritt später Jörg Baberowski auf. Der renommierte Stalinismus- und Gewaltforscher der Humboldt-Universität Berlin war häufig als Kritiker von Angela Merkels Flüchtlingspolitik zu Gast in Talkshows. Bekannt ist er aber auch für seine These, Hitler sei nicht grausam gewesen. Seither halten ihn manche für einen Geschichtsrevisionisten und tun das auch öffentlich kund. "Die Hass- und Hetzkampagnen haben mein Leben komplett verändert", sagt Baberowski. Eine trotzkistische Sekte reise ihm hinterher, mische seine Vorträge auf, plakatiere an der HU sein Konterfei, dazu das Wort: "RASSIST" (ZEIT Nr. 16/17). "Diese Bösartigkeit hat mich mitgenommen", sagt Baberowksi. Er fühlt sich auf dem eigenen Campus nicht mehr wohl.

Wer Professoren wie Kempen oder Baberowski zuhört, der bekommt schnell den Eindruck, dass sich knapp 50 Jahre nach 1968 an deutschen Universitäten wieder tiefe Gräben auftun. Dass eine Woge der Politisierung die Hörsäle erreicht hat. Dass eine einflussreiche Bewegung entsteht. Eine Bewegung zumal, die diffamiert, blockiert und denunziert.

Für den Politikwissenschaftler Herfried Münkler, wie Baberowski Professor an der HU Berlin, richteten Studenten schon 2015 anonym ein Watchblog ein, um auf Münklers angeblich kriegstreiberische und sexistische Sprache aufmerksam zu machen. Auch gegen den Dresdner Politologen und Pegida-Erklärer Werner J. Patzelt riefen Studenten zu Aktionen auf. Und zu Jahresbeginn machte ein Vorfall in Magdeburg bundesweit Schlagzeilen: Als dort der AfD-Politiker André Poggenburg vor einer rechten Hochschulgruppe reden wollte, sprengten Studenten mit Trillerpfeifen die Veranstaltung. Poggenburg ließ sich unter Polizeischutz aus dem Hörsaal geleiten.

Man könnte glauben, es formiere sich an den Unis eine neue Apo, von Mitte-Links bis zum linken Rand. Es wäre kein Wunder in einer Zeit, die alles andere als politischer Biedermeier ist, in der Autokraten und Populisten die Demokratien bedrohen. Aber stimmt der Eindruck wirklich, dass es heute auf dem Campus wieder so politisch zugeht wie lange nicht?

Göttingen, Mitte Juni. Auf dem zentralen Platz der Universität sitzen Studenten im Schatten der Ahornbäume oder rauchen in der prallen Sonne. Silke Hansmann eilt über den Campus. Die 28-Jährige ist Vorsitzende des Göttinger Asta. Sie eine politisch engagierte Studentin zu nennen wäre untertrieben. Neben ihrer Arbeit im Asta sitzt Hansmann als studentische Vertreterin im Uni-Senat, sie ist Vize-Bezirkschefin der Jusos, und als wissenschaftliche Hilfskraft des Politologen Samuel Salzborn beschäftigt sie sich mit Antisemitismus. Etwa 150 E-Mails bekommt sie am Tag, die meisten bearbeitet sie nach Mitternacht.

Göttingens Georg-August-Universität gilt seit vielen Jahren als hochpolitisch. Es gab hier selten eine Phase, in der Burschenschafter und die linke Szene nicht aneinandergeraten wären. 2016 wurden auf dem Campus Zettel verteilt mit dem anonymen Aufruf, einem offen rechtsextremen Studenten ins Mensaessen zu spucken.

Bei den Wahlen für das Studierendenparlament liegt die Beteiligung bei 30 Prozent, an vielen Unis wählt nicht mal jeder Zehnte. Mit Hansmann an der Spitze ist der Asta nun wieder links regiert. Schon in der Schule las sie Texte von Rosa Luxemburg, heute interessiert sie sich für die ganze linke Palette: Gleichstellung, den Kampf gegen Rechtsextremismus, die globale Ungleichheit. "Ich glaube nicht, dass die vorherrschende Ungerechtigkeit im Kapitalismus beseitigt werden kann", sagt sie, "denn das System baut auf Ausbeutung auf." Sie sagt auch: "Aber die Mehrheit sieht das anders."

Hansmann leistet seit 16 Semestern politische Arbeit – und hält wenig von der These, dass sich der Campus gerade politisiere. "Der 08/15-Studi verspürt keinen Druck, sich engagieren zu müssen. Es gibt keinen echten Anlass." Die Studiengebühren sind abgeschafft, der Rechtsstaat ist intakt, noch sitzt kein Trump im Kanzleramt. Außerdem hätten viele das Gefühl, ihnen fehle die Zeit, sagt Hansmann. In der Regelstudienzeit fertig werden, schnell einen Job finden, das habe Priorität. "Ständig geht es um den Lebenslauf." Hansmann selbst studiert im zweiten Mastersemester Geschlechterforschung. Für ihren Bachelor hat sie wegen ihrer vielen Ämter acht Jahre gebraucht. Das System stürzen wollen und Creditpoints hinterherhecheln – beides gleichzeitig funktioniert nicht. Auch deshalb sei es "sehr anstrengend", Studenten langfristig für politische Arbeit zu motivieren. Der Asta sitzt in einem Haus leicht abseits des Hauptcampus. An der Fassade prangt ein Graffito auf LSD: alle Farben, keine Orientierung. Innen sind die Wände mit Plakaten tapeziert, von links bis ganz links ist alles dabei: "Refugees welcome". "Grenzenlos feministisch kämpfen". "AKP und ihre faschistischen Banden stoppen". "Ich bin nix, ich kann nix, gebt mir eine Uniform". "Ihr Antifas, kommet, oh kommet doch all".

Hansmann sagt, sie sei dafür, Rechtsextreme zu outen. "Aber Mobbing oder gar Gewalt ist nicht meine Form. Es geht darum, ihnen demokratische Positionen entgegenzusetzen." Vereint denn der Kampf gegen Rechtsaußen die Studenten? Jein, sagt Hansmann. "Rechte Umtriebe politisieren, klar, Neonazis finden wir alle nicht cool. Gegendemos funktionieren sehr gut. Aber es führt nicht dazu, dass eine Bewegung entsteht, die ganz grundsätzlich etwas ändern will."

Der Asta, sagt sie, müsse konkrete Anlässe schaffen, um Studenten zu aktivieren. Eine Demo für einen bestimmten Zweck wie Mieterhöhungen. Ein Projekt für Geflüchtete. Ein Festival.

Der politische Student der Gegenwart hockt nicht in Arbeitskreisen, sondern geht auf Events.

Es ist ein Mittwoch Ende Mai, als ein älterer Herr das Audimax der Freien Universität Berlin rockt. Trotz herrlichen Wetters drängeln sich tausend Studierende in dem Hörsaal, um "The Bern" zu erleben: Bernie Sanders. Der gefeierte Politrebell und Ex-Präsidentschaftskandidat der USA ist auf Welttournee, um sein neues Buch Unsere Revolution vorzustellen. Als er bei der Veranstaltung des ZEITmagazins eintrifft, erheben sich die meisten, sie klatschen und jubeln. Dann hören sie gebannt zu, wie Sanders über den Klimawandel redet, über internationale Zusammenarbeit, über Gerechtigkeit für Homosexuelle, Frauen und Arme. Als er die Steuervermeidung von US-Konzernen anspricht, ruft ein Student: "Same here!" Als er fertig ist, sagt Sanders noch: "Ich flehe euch an, tut, was getan werden muss. Steht nicht einfach nur daneben und lasst die Dinge geschehen. Demokratie ist kein Zuschauersport wie Basketball!" Wenig später bahnt er sich den Weg zum Ausgang, Studenten schütteln ihm die Hände, klopfen auf seine Schultern. Als sei er ein Basketball-Star, dem viele Körbe gelungen sind. Die Begeisterung für Sanders – politisches Hipstertum.

"Es braucht Reize, um Hochschulen zu politischen Orten zu machen", sagt Christoph Bieber, Politik-Professor an der Uni Duisburg-Essen. "Aber wogegen sollten die Studenten protestieren? Gegen Frau Merkel? Es gibt nichts, was es zu beseitigen gilt." Die Ziele der 68er? Sind weitgehend umgesetzt oder haben sich erledigt. So findet die Generation Merkel kaum etwas in ihrem Land, was sie auf die Barrikaden treibt.

Zwar gab es Vorfälle wie die bei Baberowski oder Münkler, unakzeptabel jeder einzelne. Aber hätten nicht die Betroffenen selbst diesen Fällen große Öffentlichkeit verschafft, wäre daraus kaum Stoff für Erzählungen oder Jahrestagungen geworden. Das Medienecho zum Aufschrei der prominenten Berliner Professoren oder zu Poggenburgs verhindertem Auftritt: Es wirkt wie ein Zerrspiegel, der den Kampf einzelner radikaler Kleingruppen wie eine ganze Bewegung erscheinen lässt. Nicht einmal der Aufstieg der AfD hat für eine Vernetzung unter den Studenten gesorgt. "Widerstand flammt bisweilen auf, wenn sich Hochschulgruppen der Partei etablieren", beobachtet Bieber. "Aber die AfD hat im studentischen Milieu kaum Zulauf, daher ist auch das kein großes Thema."

Gewiss, weltweit herrscht so viel Unordnung wie lange nicht. Doch ob Putin, Erdoğan oder Trump, Brexit oder Terror: Die Reaktion darauf, die Sehnsucht der Stunde, ist nicht der Wunsch nach Umsturz, sondern nach Bewahrung des Erreichten. Während die 68er dafür kämpften, Institutionen zu schleifen, geht es nun oft darum, diese zu stützen. So gingen Tausende Studierende bei "Pulse of Europe" oder gegen TTIP auf die Straße. Oder sie engagierten sich in den vergangenen Jahren als Flüchtlingshelfer – um das Asylsystem zu stabilisieren. Selbst Parteien haben wieder mehr Zulauf von Jüngeren. Ist das alles vielleicht doch der Beginn von etwas Größerem?

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    "Man könnte glauben, es formiere sich an den Unis eine neue Apo, von Mitte-Links bis zum linken Rand. " Apo ? Es formiert sich eher eine neue SA in anderem Couleur.

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