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Stau in der Unibibliothek

Bibliothek Uni Wissenschaft [Quelle: unsplash.com, Autor: j zamora]

Quelle: unsplash.com, j zamora

Die Universitäten in Deutschland sind voller denn je, in den Lesesälen werden die Plätze knapp. Besonders zu Stoßzeiten ist es eng. Jetzt sollen neue Ideen für Abhilfe sorgen. Doch längst nicht jede funktioniert.

Die einen sind in ihre Bücher vertieft, andere lassen den trüben Blick durch die hell beleuchteten Gänge oder über den grau-grünen Teppich schweifen. Es ist Mitternacht. Mitten in der Klausurphase haben sich Hunderte Studenten in der Universitätsbibliothek Köln eingerichtet. Heute findet eine der wenigen langen Lernnächte statt, an denen die Bücherei bis fünf Uhr morgens öffnet. Es ist ein Versuch, am Tag für Entlastung zu sorgen. Denn wenn alle für Abschlussarbeiten und Prüfungen pauken, platzt die Bibliothek wochenlang aus allen Nähten.

Das Problem kennt man nicht nur an der Kölner Uni. Auch an anderen Hochschulen drängen in den Wochen vor Klausuren so viele Studenten zum Lernen in die Büchereien, dass nicht alle einen Platz finden. "Vor der Uni-Bibliothek Aachen bildet sich schon morgens um sieben Uhr eine lange Schlange", sagt die 20 Jahre alte Celine Losch, die dort Geowissenschaften studiert. Der Grund: Viele kommen schon, bevor die Bibliothek öffnet, um sich nachher Stress zu ersparen. "Später ist es unmöglich, noch einen Platz zu bekommen." Zu Stoßzeiten kauern viele Studenten dann auf dem Boden, angelehnt an die Fensterscheiben und mit ihren Büchern auf dem Schoß.

Weniger Ablenkung in der Bibliothek

In den vergangenen Jahren hat sich die Lage immer weiter verschärft. Die Zahl der Studenten ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts seit dem Jahr 2002 bundesweit um fast eine Million auf nun insgesamt 2,85 Millionen gestiegen. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Studenten, die sich zu Hause kaum konzentrieren können, lernen am liebsten in der Bibliothek, geht aus einer Studie des Hochschul-Informations-Systems hervor.

Gerade einmal zwei Prozent der Befragten bevorzugten zum Lernen andere Orte abseits des Campus. Der wichtigste Grund für diese Lernvorliebe: In der Bibliothek lassen sich Studenten nicht so leicht ablenken, für viele muss es dafür auch unbedingt die auf dem Unigelände sein. "In der Stadtbücherei ist es viel zu laut", sagt eine Jura-Studentin der Uni Bochum. "Da kann ich mich nicht aufs Lernen konzentrieren." Auf dem Campus sitzen außerdem viele Kommilitonen, die ebenfalls fleißig büffeln. Das motiviert. Nicht zuletzt sind Lehrbücher und Nachschlagewerke in Reichweite. Und je mehr Stoff Studenten außerhalb der Vorlesungen aufarbeiten müssen, desto dringender sind sie auf die Lernplätze zwischen Bücherregalen angewiesen. Besonders für Juristen und Ingenieure ist die Bibliothek ein beliebter Lernort.

Lernplätze online buchen

Die Universitäten suchen auf unterschiedlichen Wegen nach Lösungen, um den Platzmangel zu beheben. Die Uni Freiburg ließ Anfang des Jahres 2016 beispielsweise 100 zusätzliche Stühle in der Bibliothek aufstellen. Die Studenten waren davon wenig begeistert: Denn an Tischen, die gerade einmal für fünf Leute ausgelegt sind, saßen sie plötzlich zu sechst. Auch die Universitätsbibliothek München ist kreativ: Hier können Studenten Lernplätze für eine bestimmte Zeitspanne online reservieren. Ein "Platzfinder" auf der Homepage zeigt, ob und wie viele Sitzplätze noch frei sind. So muss keiner mehr umsonst zur Bibliothek gehen oder lange anstehen.

Münchener Studenten dürfen außerdem in einem Pilotprojekt die Essensräume der Mensa Leopoldstraße zum Lernen nutzen. Wenn die Küche geschlossen hat, können sie nachmittags und abends an den Esstischen ihre Bücher aufklappen. Ähnliche Projekte laufen in Siegen, Kassel und Wuppertal. Viele Studenten bekämpfen ihrerseits die Platznot, indem sie sich Plätze reservieren, ähnlich wie Mallorca-Touristen ihre Strandliegen. Nachdem sie einen freien Platz mit ihren Unterlagen oder einer Jacke belegt haben, treffen sie sich zunächst mit Freunden in der Cafeteria oder verschwinden in die nächste Vorlesung. So bleiben die beliebten Lernplätze oft lange Zeit ungenutzt.

Mit Pausenuhren gegen Reservierungen

Universitäten wirken diesem Verhalten mit "Pausenuhren" entgegen: Sie ähneln handelsüblichen Parkscheiben. Ist die angegebene Pausenzeit von maximal einer Stunde überschritten, darf der nächste Student die Materialien des Vorgängers in die dafür vorgesehenen Körbe legen und den Platz selbst nutzen. Die Maßnahme soll außerdem ein faires Miteinander unter den Bibliotheksbesuchern fördern. Die Universitätsbibliothek Köln nutzt solche Pausenuhren seit etwa fünf Jahren.

Ralf Depping, Leiter des Dezernats für Forschungs- und Publikationsunterstützung an der Universität zu Köln, hält die Maßnahme allerdings für "einen Tropfen auf den heißen Stein". Es habe sich dadurch nicht viel an der Situation geändert. Der Grund: Der Bibliothek fehlt das Personal, um zu überprüfen, dass sich alle an die Pausenzeiten halten. Außerdem, sagt Depping, hätten viele Studenten Hemmungen, fremde Unterlagen vom Platz zu wegzuräumen – sie wollen keinen Streit.

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