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Studieren unter Palmen

Die Universität von Missouri [Quelle: Pixabay.com, Autor: skeeze]

Quelle: Pixabay.com, skeeze

Im Wettbewerb um neue Studenten investieren viele Universitäten in teure Freizeitparks.

Diane Dahlmann weiß, was ankommt. "Das ist unser money shot", sagt sie und deutet vom Balkon auf die Wasserlandschaft darunter, wo sich Kunstpalmen über Whirlpools neigen und ein künstlicher Fluss durch falsche Felsen mäandert. Money shot ist ein Ausdruck aus Hollywood. Es ist die Szene, die einen Film zum Kassenschlager macht. Und Dahlmanns Aufgabe ist es, die University of Missouri – liebevoll Mizzou abgekürzt – erfolgreich zu vermarkten. Potenzielle Studenten und deren Eltern soll sie überzeugen, dass Mizzou, eine Autostunde von St. Louis entfernt, die beste Wahl für ihre Ausbildungsdollars ist.

Mit den akademischen Lehrinhalten hat Dahlmann allerdings nichts zu tun. Sie ist die Direktorin des Freizeitzentrums der Universität.

Dahlmann, Ende 50, mit praktischem grauem Kurzhaarschnitt und dem Auftreten einer erfolgreichen Firmenchefin, ist Mizzous Wunderwaffe in einem harten Konkurrenzkampf. Um ihren immer teureren Bildungsbetrieb zu finanzieren, müssen Universitäten und Hochschulen in den USA ständig mehr Studenten anziehen. Dafür heuern die Lehranstalten Promi-Professoren und Heere von Beratungskräften an, die Studenten in ihrer neuen Lebensphase helfen sollen. Vor allem locken sie aber mit Wasserparks, Fitnessclubs und Studentenwohnheimen, die manche Nobelhotels ärmlich aussehen lassen.

Das "Wettrüsten der Annehmlichkeiten", wie es Campus-Insider spöttisch nennen, verschärft jedoch ein wachsendes Problem für Amerikas Jugend: die stetig steigenden Kosten für die Ausbildung. Schon heute belaufen sich die ausstehenden Studentenkredite insgesamt auf 1,2 Billionen Dollar – das übersteigt die derzeit ausstehenden 900 Milliarden Dollar an Autokrediten und die 700 Milliarden Dollar an Kreditkartenschulden. Diese Schulden lasten auf der jungen Generation und werden zur Gefahr für Amerikas Wirtschaft. Das ist inzwischen auch in Washington angekommen. Hillary Clinton hat schon mehrfach erklärt, dass sie Studentenkredite zu einem ihrer zentralen Wahlkampfthemen machen will.

Für Mizzou haben sich die mehr als 40 Millionen Dollar Investitionen allerdings bezahlt gemacht, glaubt Dahlmann. Sie ist überzeugt, dass der Freizeitkomplex mit ein Grund war, dass die Zahl der Studenten in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 20 Prozent auf knapp 36.000 gestiegen ist. Vor zehn Jahren wurde die Anlage auf nahezu 30.000 Quadratmeter erweitert, damit ist sie in etwa so groß wie ein Einkaufszentrum. Die Studenten zahlen zusätzlich 140 Dollar pro Semester für die Nutzung. Angeboten werden Boxen und Ballett sowie Yoga und Spinning. Gleich mehrere Fitnessräume mit den allerneuesten Geräten stehen zur Verfügung, dazu eine Sauna nebst Dampfbad. Wer will, kann sich eine Massage gönnen oder seine Runden im 50-Meter-Becken schwimmen – dort habe bereits Olympiasieger Michael Phelps trainiert, sagt Dahlmann. Höhepunkt von Dahlmanns Touren ist jedoch die Badegrotte – eine exakte Kopie der Grotte in Hugh Hefners Playboy-Villa. Der money shot. Damit, so weiß sie aus Erfahrung, bekommt sie nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern: "Da fallen die Kinnladen."

Mit 36.000 Studenten ist Mizzou eine der größeren staatlichen Universitäten. Aber das Wettrüsten findet zunehmend auch unter regionalen Colleges statt. 300 Kilometer weiter südlich in Cape Girardeau, einem Städtchen am Mississippi, liegt die Southeast Missouri State University mit rund 11.000 Studenten. Was die Playboy-Grotte für Mizzou ist, ist für Southeastern eine Kombination von Kletterwand und Wasserfall. Auch hier finden sich die Kunstpalmen, obwohl Mike Buck, Chef der Fitnessanlagen, sie heute wohl nicht mehr anschaffen würde. Die Blätter lösen sich in dem Feuchtklima der Schwimmhalle ständig auf und müssen ersetzt werden. Dabei waren die Palmen mit 25.000 Dollar pro Stück nicht billig. "Aber sie sind ein exotischer Blickfang", sagt Buck. "Hörsäle sehen schließlich überall gleich aus." Die Firma Counsilman Hunsaker aus St. Louis, die die Wasserlandschaften an der Mizzou, an der Southeastern und an Dutzenden weiteren Universitäten gebaut hat, ist jedenfalls gut im Geschäft. Nicht einmal während der Rezession sei die Nachfrage eingebrochen, sagt der Chef Scott Hester.

Badelandschaften sind aber längst nicht das Ende der Bespaßungskonzepte. Die High Point University, eine private Universität in North Carolina, war einst ein verschlafenes Provinzinstitut. Der neue Präsident, ein ehemaliger Geschäftsmann und Motivationsguru, hat das geändert: Im Rahmen einer 700-Millionen-Dollar-Renovierungsaktion habe er einen "College-Vergnügungspark" errichten lassen, spottete das Wirtschaftsmagazin Forbes. Der Campus hat ein eigenes Kino, ein Steakhouse und Plasma-Fernsehgeräte in jeder Studentenbude.

Auch die Wall Street profitiert von dem Verschönerungstrend. Um ihren Freizeitkomplex und andere Projekte zu finanzieren, hat sich zum Beispiel Mizzou stark verschuldet. Die Universität hat insgesamt Anleihen in Höhe von 1,6 Milliarden Dollar ausstehen. Gegenüber vergleichbaren Institutionen sei Mizzous Verschuldungsgrad hoch, urteilte die Ratingagentur Moody’s im Oktober vergangenen Jahres. Trotzdem vergab Moody’s die gute Bonitätsnote Aa1. Auch das kleinere Southeastern hat immerhin 191 Millionen Dollar an Bonds für Renovierungen und Baumaßnahmen ausgegeben.

Und nicht nur diese beiden. Während des vergangenen Jahrzehnts hat sich die Verschuldung der Hochschulen und Colleges in den USA von 54 Milliarden Dollar auf 151 Milliarden Dollar erhöht, hat das UC Berkeley Institute herausgefunden. Die Zinslast, die die Institutionen bedienen mussten, belief sich allein im Jahr 2012 auf elf Milliarden Dollar. Pro Student lagen die Zinskosten an den öffentlichen Colleges damit bei 900 Dollar – nahezu doppelt so hoch wie zehn Jahre zuvor. Bei privaten Hochschulen betrugen die Zinskosten sogar knapp 1.600 Dollar pro Student.

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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