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Was will ich wirklich?

Entscheidung Studienwahl [© contrastwerkstatt - Fotolia.com]

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Die Entscheidungspsychologin Katrin Fischer erklärt, warum der erste Impuls nicht immer der beste ist.

ZEIT Campus: Frau Fischer, nach dem Bachelor muss man viele Entscheidungen treffen: Raten Sie dazu, auf den Bauch oder auf den Kopf zu hören?

Katrin Fischer: Wichtige Entscheidungen sollte man immer mit dem Kopf treffen. Das Bauchgefühl ist zwar ein wichtiger Hinweisgeber, aber wenn wir uns zu sehr darauf verlassen, besteht die Gefahr, dass wir uns selbst täuschen. Wir neigen dazu, den ersten Eindruck, den wir von einer Sache haben, zu überschätzen.

ZEIT Campus: Wie sieht so eine Selbsttäuschung aus?

Fischer: In der Psychologie sprechen wir von einem Bestätigungsfehler. Wir bilden uns eine Hypothese und suchen dazu nur nach Informationen, die sie bestätigen. Wenn ein Absolvent die Vorstellung hat, dass ein bestimmter Masterstudiengang perfekt zu ihm passt, kann es passieren, dass er Argumente, die dagegensprechen, nicht mehr wahrnimmt. Oder wenn Schüler beweisen sollten, dass es nur weiße Schwäne auf der Welt gibt, würden sie spontan erst einmal nach weißen Schwänen suchen. Dabei wäre die richtige Strategie, nach andersfarbigen Schwänen Ausschau zu halten. Hypothesen zu widerlegen ist die Grundlage wissenschaftlichen Denkens. Aber das passiert bei Menschen nicht automatisch, wir müssen uns aktiv dazu entschließen.

ZEIT Campus: Gibt es weitere Fallen, die einen beim Entscheiden in die Irre führen können?

Fischer: Sehr häufig gehen wir von falschen Wahrscheinlichkeiten aus. Wenn sich junge Mädchen wünschen, Schauspielerin zu werden, dann liegt es oft daran, dass sie mit dem Beruf Ansehen, Erfolg und Reichtum verbinden. Sie orientieren sich dabei an der sehr kleinen Gruppe von Stars, die sie aus den Medien kennen. Die viel größere Gruppe von Schauspielern, die nebenbei kellnern, beziehen sie nicht in ihre Überlegungen ein. Und jemand, der BWL studieren möchte, sollte sich bewusst machen, dass nur ein sehr kleiner Teil der Absolventen später als Investmentbanker reich wird, die meisten landen in weniger spektakulären und weniger einträglichen Jobs, zum Beispiel bei der Stadt- oder Kreissparkasse.

ZEIT Campus: Wie kann man verhindern, sich bei Entscheidungen selbst zu täuschen?

Fischer: Der erste Schritt ist, sich über die eigenen Ziele eindeutig klar zu werden und sich dann alle Optionen zu vergegenwärtigen, die tatsächlich möglich sind. Bachelorabsolventen haben in der Regel sehr viele Möglichkeiten. Sie können einen Master in Deutschland oder an einer Universität im Ausland machen. Sie können das Studium unterbrechen, um Praktika zu machen oder um zu reisen. Sie können auch eine Berufsausbildung anfangen oder sich auf einen Job bewerben. Bei so viel Auswahl haben wir oft den Impuls, Alternativen, die uns auf den ersten Blick unattraktiv erscheinen, von vornherein auszuschließen. Hier lohnt es, das Sichtfeld auszuweiten, also alle Wahlmöglichkeiten aufzulisten und möglichst objektiv zu bewerten.

ZEIT Campus: Wie bewertet man etwas neu, von dem man längst überzeugt ist?

Fischer: Indem man sich zwingt, nach Informationen zu suchen, die der eigenen Einschätzung widersprechen. Wenn ich zum Beispiel die Vorstellung habe, dass ein bestimmter Master mir gute Berufschancen eröffnet, könnte ich recherchieren, ob es überhaupt Zahlen gibt, die das belegen. Oder man versucht, über das Alumni-Netzwerk der Hochschule Kontakt zu Absolventen aufzunehmen, und fragt bei ihnen nach, wie es ihnen beim Übergang auf den Arbeitsmarkt ergangen ist. Ich muss mein eigener Advocatus Diaboli sein, der Anwalt des Teufels, der alles infrage stellt. Das ist oft sehr hart, weil man in der Tat gegen seine Intuition handelt. Aber es lohnt sich.

ZEIT Campus: Mit dieser Strategie kommt man vermutlich zur rational besten Lösung. Aber könnte es nicht sein, dass man trotz aller Logik mit seiner Entscheidung hadert?

Fischer: Doch, natürlich. Und an diesem Punkt sollte man sein Bauchgefühl in jedem Fall ernst nehmen. Wenn alles für eine Entscheidung spricht und man sich trotzdem innerlich dagegen sträubt, dann ist das ein klares Zeichen dafür, dass es Ängste und Wünsche gibt, die man sich bisher nicht eingestanden hat.

ZEIT Campus: Was könnten das für Wünsche sein?

Fischer: Bei einer Entscheidungsfindung spielen immer sowohl extrinsische als auch intrinsische, sozial erwünschte und sozial vielleicht etwas weniger akzeptierte Motive eine Rolle. Sozial erwünscht sind Ziele, die vermutlich alle Studenten teilen: Sie möchten später einen interessanten Job haben, der ihnen Geld, Ansehen und Sicherheit bringt. Solche Motive sind gesellschaftlich anerkannt und daher leicht zu verbalisieren. Sozial weniger akzeptierte Motive werden dagegen eher verdrängt, etwa der Wunsch, das Studium oder der Job möge einen nicht überfordern und genügend Zeit für Hobbys und Freunde lassen. Diese Art Ziele macht man sich ungern bewusst. Sie sind für eine Entscheidung aber trotzdem sehr bedeutsam und äußern sich dann eben über das Bauchgefühl.

ZEIT Campus: Von wem sollte man sich bei wichtigen Entscheidungen beraten lassen?

Fischer: Ich halte es eher für eine schlechte Idee, sich mit seinen Kommilitonen zu beratschlagen. In einer Gruppe ist die Versuchung groß, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen und sich nur deshalb für etwas zu entscheiden, weil es alle machen. Ein guter Ratgeber sollte zudem keine eigenen Interessen verfolgen. Manchmal haben Eltern eine sehr genaue Vorstellung davon, was sie sich für ihre Kinder wünschen. Das muss aber nicht notwendigerweise mit dem übereinstimmen, was man selbst anstrebt. Wenn es um das richtige Masterstudium geht, würde ich dringend empfehlen, sich an die Studienfachberater der Hochschulen zu wenden. Die haben in der Regel jahrelange Erfahrung und wissen auch über Schwierigkeiten Bescheid, die vorherige Studenten möglicherweise hatten.

ZEIT Campus: Sind Freunde gute Ratgeber?

Fischer: Freunde, die einen sehr gut kennen, können durchaus helfen, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen. Wichtig dabei ist, dass sie wirklich ehrlich sind und einem nicht nur das bestätigen, was man hören möchte. Und man kann sich auch selbst immer wieder fragen: Was würde ich meinem Freund oder meiner Freundin in dieser Situation eigentlich empfehlen? Das ist eine Form der Distanzierung von Problemen, die manchmal helfen kann, die eigene Situation mit anderen Augen zu sehen.

© ZEIT Online (Zur Originalversion des Artikels)

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