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Das große Los als große Last

Lose Verlosung Tombola [Quelle: Pixabay.com, Autor: Hans]

Quelle: Pixabay.com, Hans

Wer bei der Vergabe der Studienplätze leer ausgegangen ist, hat noch eine letzte Chance: das Losverfahren. Gute Nerven sind wichtig. Aber auch im Erfolgsfall warten jede Menge Probleme.

Wer zu diesem Wintersemester ein Hochschulstudium beginnen will, der hat sich spätestens im Sommer beworben. Und das wahrscheinlich gleich für mehrere Studiengänge in ganz Deutschland, um seine Chancen zu erhöhen. Für einige wird er Zusagen erhalten haben, für andere Absagen. Das ist der Normalfall. Nur: Was, wenn man komplett leer ausgeht? Wenn keine der Hochschulen einen Platz für einen übrig hat - trotz Nachrückverfahren? Dann bleibt nur noch eine letzte Chance: Die Teilnahme an einem Losverfahren, das Unis in jedem Semester ansetzen, um Restplätze zu vergeben. Zwar spielt beim Losen der Numerus Clausus (NC) auch für zulassungsbeschränkte Fächer keine Rolle mehr. Doch der Weg durch diese Art Lotterie ist beschwerlich. Denn jede Hochschule hat ihr eigenes Losverfahren - mit teils sehr unterschiedlichen Bedingungen, Gewinnchancen und Terminen.

Das liegt am Auswahlverfahren für die regulären Studienplätze. Jedes Jahr gehen Hunderttausende Studienplatzbewerbungen bei Unis und Fachhochschulen in ganz Deutschland ein. Mehrfachbewerbungen sind an der Tagesordnung. Studenten wählen das passendste Angebot für sich aus. Freie Plätze, die Studentensekretariate der Hochschulen hinterher über Losverfahren vergeben, sind also so etwas wie der Ausschuss dieses Bewerbe-Marathons. An deutschen Universitäten und Fachhochschulen wird erst gelost, wenn nach Abschluss der Vergabeverfahren noch Plätze im entsprechenden Studiengang frei geblieben sind. Etwa weil sich nicht ausreichend Bewerber fanden oder weil bereits eingeschriebene Studenten es sich anders überlegt und ihre Einschreibungen zurückgezogen haben. Oft gibt es pro Fach nur ein bis fünf Plätze auf mehrere hundert Bewerber, bestätigen mehrere Universitäten auf Anfrage.

Das System ist komplex, und aus Sicht von Bewerbern unternimmt so manche Uni Alleingänge in puncto Auswahlkriterien, Berufserfahrung und Vorkenntnisse. Um die Hochschulzulassung bundesweit übersichtlicher zu gestalten, hatten sich Mitte des Jahres 2008 die Teilnehmer der Hochschulrektorenkonferenz darauf geeinigt, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) - ehemals Herrin der Medizin- und Pharmazie-Studiengänge - auszubauen. Das Ziel: Die neugegründete Stiftung für Hochschulzulassung, vielen Studenten auch als "Hochschulstart" bekannt, soll bis zum Jahr 2018 die zulassungsbeschränkten Studienplätze von 180 Hochschulen zentral vermitteln. Im Portal von "Hochschulstart" sollen sich dann Studieninteressierte für bis zu zwölf Studienplätze aller Hochschulen bewerben können.

Auch dezentrale Losverfahren sind möglich

In diesem Auswahlverfahren - im Fachjargon "Dialogorientiertes Serviceverfahren" (DoSV) genannt - ist ebenfalls eine eigene Lotterie vorgesehen. Dabei können sich Bewerber auch bei einer zentralen Restplatzverlosung anmelden. Doch die Stiftung hat längst noch nicht ihre volle Kraft entfaltet. Zwar schreitet der Ausbau voran, doch erst 89 von 180 Hochschulen, die NC-beschränkte Studiengänge anbieten, nehmen bislang an dem Serviceverfahren teil. "Es steckt natürlich eine große Chance im DoSV, wenn Prozesse und Fristen vereinheitlicht werden", sagt Christina Schoch, Leiterin des Service-Centers der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. "Solange aber nicht der Großteil der Universitäten mitmacht, bleibt eine genaue Prognose schwierig."

Erschwerend kommt hinzu: Es besteht keine Pflicht für die Hochschulen, überhaupt am Clearingverfahren teilzunehmen. "Wenn eine Hochschule stattdessen ein dezentrales Losverfahren anbieten möchte, dann kann sie das nach wie vor tun", bestätigt Hochschulstart-Sprecher Patrick Holtermann. Wann und wie die lokalen Losverfahren stattfinden, sollen Interessenten dann wieder bei den jeweiligen Hochschulen erfragen.

Die Universität Mainz etwa nimmt am DoSV teil, kocht aber beim Nachrück- und Losverfahren ihr eigenes Süppchen. Sie lässt Studenten so lange nachrücken, wie es nur irgend geht. In manchem Fach sogar über den Semesterbeginn hinaus. Universitäten versuchen generell, so wenige Restplätze wie möglich übrig zu behalten. Denn nur für belegte Studienplätze gibt es Finanzmittel vom Staat. Eine Garantie, dass Studiengänge überhaupt für eine Verlosung aufgestellt werden, gibt es ohnehin nicht. So entscheidet sich häufig erst kurz vor Semesterbeginn, ob es überhaupt freie Plätze geben wird. Wer kurzfristig auf der Suche nach einem Studienplatz war, musste sich im Zeitraum von Ende August bis Anfang Oktober täglich über das Angebot informieren.

Für Medizin ist das Losglück nahezu aussichtslos

Wer sich für eine Auslosung registriert, braucht dann auch noch viel Glück. Das zeigen allein schon Zahlen aus Mainz. Im vergangenen Wintersemester zogen an der Johannes-Gutenberg-Universität 13.300 Studienplatz-Bewerber ein Los. Nahezu die Hälfte der Bewerber hoffte bis zur letzten Minute auf einen Platz für Humanmedizin. "Für Medizin ist das Losglück aber nahezu aussichtslos", sagt Bernhard Einig, der Leiter der Abteilung Studium und Lehre der Mainzer Uni. "In anderen Fächern ist es schon etwas besser." So erhielten letztlich knapp über zehn Prozent derjenigen, die ein Los gezogen hatten, tatsächlich einen Platz. "Studenten sollten das Losverfahren nutzen, wenn sie eine Frist versäumt oder einen formalen Fehler bei einer Bewerbung gemacht haben", sagt Einig. "So können sie ihre Chancen wenigstens optimieren."

Doch wer alles auf diese eine Karte setzt, braucht starke Nerven. Die Vergabe der Plätze findet nämlich bis zu mehrere Wochen nach Semesterbeginn statt. Die Uni Freiburg etwa ermittelt erst am 26. Oktober, ob es für die Studiengänge Humanmedizin, Zahnmedizin und Pharmazie zu einem Losverfahren kommen wird, also zwei Wochen nach Vorlesungsbeginn. Wer dann ins erste Semester einsteigt, hat bereits rund einen Monat Stoff versäumt. In anderen Studiengängen, etwa Physik, haben die Losgewinner Mathe-Vorbereitungskurse verpasst, die bereits in den Semesterferien laufen. Und in den Geisteswissenschaften wird so manches Seminar bereits vollkommen ausgebucht sein. Zudem müssen sich Studenten Knall auf Fall in einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden. Kommen sie als Nachzügler an die Uni, sind die Einstiegswochen für Erstsemester längst gelaufen - und auch die Wohnungssuche wird zur Herausforderung.

Besonders schwer haben es angehende Studenten, die einen Zwei-Fach-Bachelor, also zwei Fächer in Kombination, im Losverfahren ergattern wollen. In den Geisteswissenschaften sind diese Kombinationen oft Pflicht. Wer also gleich mit zwei Wunschfächern starten will, braucht doppeltes Glück. Oft der einzige Ausweg: Werden Lotterie-Teilnehmer nur für ein Fach gezogen, schreiben sie sich zusätzlich für ein weiteres Fach ohne Zulassungsbeschränkung ein - nur um dann in höheren Semestern zur Wunsch-Kombination zurückzuwechseln.

Legendäre Glückspilze

Die Geschichten jener Glückspilze, die ihren Studienplatz gewonnen haben, erreichen unter Studenten oft Legendenstatus: die von der Medizinstudentin etwa, die ihren Studienplatz per Los gewann. Es türmte sich bereits Absage auf Absage auf ihrem Schreibtisch, mit der letzten Chance, dem Losverfahren, ergatterte sie aber trotzdem noch ihr Traumfach - und das auch noch in ihrer Heimatstadt Hannover. Ein Millionentreffer.

Oder die Geschichte einer Abiturientin aus Eckernförde in Schleswig-Holstein: Musik und Germanistik wollte sie studieren - und das nah der Heimat, an der Uni Flensburg. Die schwierige Aufnahmeprüfung für Musik hatte sie bereits bestanden. Nur der Numerus Clausus für Germanistik lag in diesem Jahr zu hoch. Die Studienanfängerin hatte wirklich Pech gehabt: Sie wollte unbedingt in dem Jahr an die Uni, in dem flächendeckend Studiengebühren eingeführt wurden. Die Uni Flensburg, damals Studiengebühren-Verweigerer, hatte mit einem riesigen Ansturm zu kämpfen, selbst Germanistik wurde mit einem hohen NC versehen. Zu hoch für die Abiturientin aus Eckernförde. Das Los bescherte ihr dann aber schließlich doch noch den ersehnten Zugang zum Zweitfach - wenige Tage vor dem Start des Semesters. Zwar waren da schon alle WG-Zimmer vergeben, aber das anfängliche Pendeln nach Flensburg nahm sie gerne in Kauf. Immerhin hatte sie das große Los gezogen.

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