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Ach, wenn ich ein Adler wär'

Journal schreiben [Quelle: unsplash.com, Cathryn Lavery]

Quelle: unsplash.com, Cathryn Lavery

Wünsche, Träume und Ziele werden in Moodboards, Motivationsjournals und Notizbüchern festgehalten, der Tag minutiös in Planern notiert, jedes Tun und Handeln durchgeplant und auf Optimierungspotenzial überprüft – bei so viel Überwachung kann man nur gewinnen, oder? Ein Selbstversuch.

Bücher wie "Die Gesetze der Gewinner" oder das "Motivation Journal" werben mit einem ganz einfachen Versprechen: Erfolg ist planbar. Ergo, jeder kann erfolgreich werden. Eigentlich ja ein aufmunternder Gedanke, denke ich mir: Also warum diese Strategien zur Selbstoptimierung nicht mal ausprobieren und in 30 Schritten und genauso vielen Tagen zum Gewinner werden?

Zivilisationskrankheit "Selbstoptimierung"?

Am ersten Tag gewinnt vor allem einer: der Schreibwarenhändler von nebenan. Denn jeder Erfolg und Misserfolg, jeder Traum und jedes Tun muss schriftlich festgehalten werden. Ein Notizbuch, um den Tag zu planen, eins, um einen "Vertrag mit meinem 80-jährigen Ich" einzugehen, eins, um meine Fähigkeiten zu dokumentieren, eins, um über alle anderen Notizhefte Buch zu führen …

In den nächsten Tagen lese ich mich ein, in diese erfolgversprechenden Bücher. Wobei, so viel lesen muss man bei manchen dieser Selbstoptimierungsschinken gar nicht. Zehn Seiten Einleitung und danach kommen … Kalenderseiten, wie man sie in jedem x-beliebigen Planer findet. Gut, Motivationssprüchlein ("Diamanten werden unter Druck gemacht" – Jakob Mären) würden einem so natürlich entgehen: Und woher sollte man dann seine ganze Motivation ziehen?

Yes, we can!

Es klingt so schön, wie der Autor das Bild vom idealen, erfolgreichen, beliebten, reichen und glücklichen Menschen schreibt. Ein richtiges Hochgefühl macht sich beim Lesen breit. Ich fühle mich ein bisschen an "Bob, der Baumeister" erinnert. Der Experte fragt: "Kannst du das schaffen?" und ich brülle zurück "Yo, ich schaffe das!".

Für den ersten Motivationsschub also gar nicht so schlecht, aber als ich das Buch zuklappe, merke ich: Huch, hat das bloße Lesen dieser Erfolgsbibel etwa nicht gereicht, um mich zum Gewinner zu machen? Und außerdem ist mir die ganze Jagd nach Erfolg auch etwas zu unreflektiert: Haben der liebe Coach und ich überhaupt die gleiche Definition vom Gewinnertyp?

Ernüchterung macht sich breit.

Ressource: Anekdoten, Ausschöpfung: Maximal

Wie praktisch: Zu jedem Erfolgsgesetz gibt es die passende Anekdote. Von Gott, der Muscheln erschafft, dem Hofnarren, der plötzlich den Drang nach einem besseren Leben verspürt oder zwei Mönchen, die einer hübschen Frau begegnen. Mir ist schon klar, was die Autoren damit bezwecken: Schön anschaulich soll ihr Text sein, die Allgemeingültigkeit der Regeln soll untermauert werden. Aber wenn ich die zehnte Geschichte rund um Ralf, den Saisonarbeiter, und Ulli, den Ölmilliardär, lesen muss, wird nur einer zum Gewinner: Mein Vermieter, der, dank des Buchabdrucks an der Wand die Kaution einbehalten darf.

Mal ehrlich, irgendwie macht mich diese ganze Selbstoptimierung etwas aggressiv. Vielleicht ist das ja gerade das Ziel? So viele Binsenweisheiten über "Konzentriere dich auf deine Stärken" und "Gehe klug mit deinem Geld um" lesen, bis einem der Geduldsfaden reißt und man alle, die dem eigenen Erfolg im Weg stehen, mit einem gezielten Wurf des Buches – Verzeihung, des Erfolgsjournals – außer Gefecht setzt.

Ich und mein Produktivitäts-Logbuch

Eigentlich hätte ich heute einfach nur Lust, mich aufs Sofa zu legen und den Erfolg Erfolg sein zu lassen. Das geht aber nicht. Ich muss nämlich noch über meinen Tag Resümee ziehen: Was sind meine drei Erfolge des Tages? Mit welchem Löwen (ja, ich weiß, darauf komme ich noch zu sprechen) habe ich gesprochen? Was habe ich heute gelernt?

Meine Seite sieht ungefähr so aus:

Erfolg 1: Ich habe das Buch nicht an die Wand gedonnert.

Erfolg 2: Ich habe das Buch immer noch nicht an die Wand gedonnert.

Erfolg 3: Auf dem Weg nach Hause bin ich einem Hund begegnet.

Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum aus meinem Sofa-Date nichts wird: Ich habe es nicht eingeplant. Denn mein Tag ist bis ins kleinste Detail durchkalkuliert. Natürlich ist auch Zeit für Spiel und Spaß, so der Experte, doch will dieses Zeitfenster auch genauestens eingeplant werden. Und heute ist dem leider nicht der Fall. Stattdessen stehen Lektionen wie "Träume und lebe deinen Traum", "Tu es einfach" und "Lerne und wachse konstant" auf meiner Liste.

Liebe Frau Merkel, ich wollte mal fragen …

Nun zu einem meiner Lieblingsratschläge: Such dir Löwen – Personen, die in deinem Gebiet erfolgreich sind - und frag sie, was sie zum Gewinner macht. Leider kann ich dazu bislang nichts sagen, da Angela Merkel, Oprah und Beyoncé meine Mails noch nicht beantwortet haben. Aber naja, sind ja auch beschäftigt, die Damen (und konnten das Antwortschreiben noch nicht in ihr Tagesjournal einplanen), sonst wären sie ja keine Löwen …

Sei ein Adler und keine Ente

Es geht weiter mit den Tiervergleichen. Am Ende kommt nämlich die Weisheit schlechthin: Wer die Vorteile eines Adlers haben will, muss dafür arbeiten, sonst bleibt er nur eine Ente.

Erstens ist die Evolution Ente > Adler nicht ganz einleuchtend und zweitens, ziemlich entenfeindlich das Ganze, würde ich mal sagen. Haben die putzigen Tiere doch einiges geleistet oder singen wir etwa "Alle meine Adlerchen" und nehmen braune Quietsche-Adler mit in die Badewanne?

Und überhaupt, was, wenn ich kein Adler sein will? Eigentlich wär ich nämlich viel lieber ein Hund. Bester Freund des Menschen (noch vor dem Adler!), Nebenbeschäftigung als Rettungs-, Blinden- oder Polizeihund (hast du schon mal einen Polizeiadler gesehen?) und alles in allem meistens ziemlich glücklich mit seinem Leben.

30 Tage Listen führen und immer noch kein Gewinner

Nun meine abschließende Meinung zum Selbstexperiment: Gewinner, das werden wohl vor allem die Autoren, die auf dem Selbstoptimierungszug aufspringen und damit ordentlich Kohle scheffeln.

Ich weiß, noch mehr en vogue als Selbstoptimierung ist es, sich über Selbstoptimierung zu beschweren und philosophische Keulen à la "Ressource Mensch" und "Selbstoptimierung schafft Kapitalismuszombies" zu schwingen.

So falsch finde ich es auch gar nicht, sich Ziele zu stecken und an sich zu arbeiten. Schließlich schrieb schon der gute Goethe fleißig Tagesbilanzen nieder: Doch ob man für so etwas Optimierungsbücher inklusive Binsenwahrheiten, Erfolgsjournals mit vielen leeren Seiten und die zehnte Tracking-App braucht?

Mal ehrlich: Ein Buch zu lesen, egal wie viele tolle Regeln es hat, macht nicht zum Gewinner. Niemand muss mir sagen, dass ein Plan immer gut ist und man vielleicht etwas arbeiten sollte, um erfolgreich zu sein.

Zusammenfassend würde ich also sagen: Weiterentwicklung ja bitte, Selbstoptimierung (inklusive all ihrer Bücher und Ratgeber) nein danke.

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