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Wer will schon scheitern?

Ampel, Warnung, Halt [Quelle: unsplash.com, Tim Gouw]

Quelle: unsplash.com, Tim Gouw.

Der Ruf nach einer "Kultur des Scheiterns" in Deutschland konterkariert den Wunsch nach mehr Gründern.

Der Satz hat so eine Popularität erlangt, dass selbst die Kanzlerin ihn schon ausgesprochen hat: "Wir brauchen in Deutschland eine Kultur des Scheiterns." Nimmermüde wird er wiederholt und ist inzwischen eher eine Gewissheit als eine Behauptung. Gegen Kultur lässt sich schließlich kaum etwas einwenden. Gegen mehr Kultur erst recht nicht.

Das Wohl und Wehe unserer Gründerszene scheint geradezu davon abzuhängen, dass wir dem Scheitern seinen Dämon nehmen und dem Gescheiterten seinen Fall so angenehm wie möglich gestalten, die Chance auf die zweite Chance mit eingeschlossen. Das Silicon Valley an der amerikanischen Westküste, so die landläufige Meinung, ist uns auch deshalb so überlegen, weil es eine "Kultur des Scheiterns" besitzt.

Doch diese Debatte führt in Wahrheit am Kern des Problems vorbei. Schlimmer noch: Sie verharmlost das Scheitern und bringt uns keinen Deut näher an die Amerikaner heran. Ein Start-up, ein junges Unternehmen, in den Abgrund zu wirtschaften ist in den meisten Fällen eine Katastrophe, und oft genug hat es den finanziellen Ruin der Gründer zur Folge. Wollen wir mehr junge Menschen da reintreiben, indem wir das übertünchen mit einer Kultur, die das vermeintlich akzeptiert? Wohl kaum. Ein Unternehmen zu gründen ist kein Computerspiel, bei dem man einfach wieder neu startet, wenn man abgeschossen worden ist.

Es ist auch ein großer Trugschluss, dass Amerika eine uns überlegene "Kultur des Scheiterns" hat. In einer Gesellschaft, in der man von einem Tag auf den anderen gefeuert werden kann, gehört Scheitern zum Alltagsbild und wird allein deshalb eher geduldet. Prozentual deutlich mehr Menschen sind in Amerika davon betroffen als in Europa. Aber wollen wir den Zustand in Deutschland? Sicherlich nicht.

Die Amerikaner tolerieren zudem nicht per se das Versagen. Sie würdigen diejenigen, die wieder aufstehen und weiterkämpfen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn der überwältigenden Mehrheit gelingt das nicht. Die meisten Start-ups, auch im Silicon Valley, überleben nicht. Und es ist eine ganze Psychiater-Industrie an der Westküste entstanden, die sich um die verwundeten Seelen der gescheiterten Gründer kümmert. Der Fall in die Armut, ins Bodenlose ist eine Gefahr - schon immer gewesen. Und wir in Deutschland fangen diese Menschen weitaus besser auf als die Amerikaner, denn unsere sozialen Sicherungssysteme sind deutlich besser.

Amerikaner tolerieren nicht per se das Versagen. Sie würdigen diejenigen, die wieder aufstehen und weiterkämpfen.

Die ganze Debatte um die "Kultur des Scheiterns" setzt deshalb auch an der falschen Seite an: Wir brauchen keine höhere Akzeptanz für Gründer, die es nicht geschafft haben. Die haben wir in Deutschland in ausreichendem Maße. Wir brauchen mehr Gründer, die sich nicht entmutigen lassen und Rückschläge wegstecken. Frei nach dem Motto von Henry Ford: "Es gibt mehr Leute, die kapitulieren, als solche, die scheitern."

Denn eine Idee allein reicht häufig nicht, mag sie noch so gut sein. Bei Start-ups führen zum Teil sehr junge Menschen Unternehmen, die damit schnell auch mal überfordert sind. Hier sollte eingegriffen werden. Staatliche Wirtschaftsförderungen, Verbände, Start-up-Inkubatoren oder Investoren können diesen Menschen womöglich noch besser, frühzeitiger helfen.

In den USA gibt es Fonds, die finanzieren nur Start-ups von Gründern, die schon einmal gescheitert sind. Aber nicht, weil sie ihnen unbedingt eine zweite Chance geben wollen. Das ist pures Geschäftsinteresse: Wer zum zweiten Mal gründet, macht weniger Anfängerfehler, ist das Kalkül. Aber dieses Prinzip ist am Ende nichts anderes als ein brutales Auswahlverfahren.

Wenn wir junge Menschen ermuntern wollen, ihre Ideen hartnäckig zu verfolgen, ein Unternehmen zu gründen, dann müssen wir in Deutschland schon früher ansetzen, weit vor der Unternehmensgründung. Wir müssen schon unsere Kinder zu mehr Mut befähigen. Das ist auch der eigentliche, entscheidende kulturelle Unterschied zu den USA. Ohne Mut und Selbstbewusstsein wird man nichts. In jedem steckt etwas Besonderes, das impfen die Amerikaner schon ihren Kindern ein.

Provokant gesagt, bereiten wir unsere Kinder mehr auf die Gefahren des Lebens vor. Und machen sie damit übervorsichtig. Am Ende muss nicht ein fester Arbeitsplatz mit einem anständigen oder gehobenen Auskommen für unsere Talente das höchste Ziel sein, sondern ein eigenes Unternehmen, die Selbstständigkeit.

Aus dieser Masse an Talenten müssen wir die rausfiltern mit den besten Ideen. Und die mit dem unbedingten Willen dazu, eben nicht zu scheitern, sondern sich durchzusetzen. Solche Gründer brauchen wir. Wenn wir diesen Menschen aber suggerieren, Scheitern ist nicht schlimm, konterkarieren wir unser Ziel.

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