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Ist das der Professor von morgen?

Roboter Künstliche Intelligenz [Quelle: Unsplash.com, Alex Knight]

Quelle: Unsplash.com, Alex Knight

An der Uni Marburg nimmt seit diesem Semester ein Sprachwissenschaftler einen Roboter als Assistenten mit in den Hörsaal. Er nimmt ihm lästige Arbeit ab. Wie kommt das bei den Studenten an?

Donnerstagmorgen, Viertel nach zehn, Uni Marburg, Sprachwissenschaft. Die Vorlesung beginnt mit einem Gong. Etwa 100 Studienanfänger blicken aus ihren Sitzreihen nach vorn. Noch ein Gong, dann wird der Roboter Pepper hereingerollt. Er macht eine Vierteldrehung, schaut Richtung Publikum und zwinkert kurz mit den Augen. "Hallo, hallo, darf ich um Aufmerksamkeit bitten?", sagt er. "Welcome everyone to the class linguistics and phonetics" – "Willkommen an alle zum Kurs Linguistik und Phonetik."

Auftritt Jürgen Handke. "Professor, you’re late" – "Professor, Sie sind zu spät", tadelt der Roboter. Die Studenten schmunzeln. Handke, 63 Jahre alt, hat lange auf diesen Moment gewartet. Seit vielen Jahren bemüht er sich mit Ehrgeiz darum, dass die Digitalisierung in den Uni-Hörsälen ankommt. Jetzt geht er noch einen Schritt weiter: Ab sofort soll Pepper ihn in seine Lehrveranstaltungen begleiten, als künstlicher Helfer.

Am Donnerstag war Premiere. Über Wochen hat der Wissenschaftler mit seinen Assistenten an Pepper herumprogrammiert und getestet. Er möchte seine Studenten überraschen, gucken, wie sie auf den Roboter reagieren. Die erste Vorstellung glückt. "Shall we do a small quiz?"– "Sollen wir ein kleines Quiz machen?", fragt Pepper. Und stellt eine Frage zu Vokalen im Englischen. Die Studenten machen sich an die Arbeit. Im Hörsaal herrscht absolute Stille.

Pepper soll für den Prof Fragen beantworten

Handke ist so etwas wie ein Pionier des digitalen Lehrens und Lernens. Schon im Jahr 2015 ist er vom Stifterverband mit dem Ars-legendi-Preis in diesem Bereich ausgezeichnet worden. Einen Namen gemacht hat er sich aber vor allem, weil er konsequent das sogenannte Inverted-Classroom-Modell anwendet: Eine umgekehrte Reihenfolge von Unterricht und Nachbereitung. Normalerweise hören Studenten neuen Stoff in einer Vorlesung zum ersten Mal und vertiefen ihn anschließend im Selbststudium.

Im "Inverted Classroom" bringen sie sich dagegen mit Lehrvideos und anderen Materialien die Inhalte schon vor der Uni-Veranstaltung selbst bei. Danach erst treffen sie sich im Hörsaal mit dem Professor, um das Gelernte zu vertiefen, zu diskutieren und Fragen zu stellen. Das soll vor allem dafür sorgen, langweilige Frontalvorträge zu vermeiden. Handke lässt sich regelmäßig von mehreren Tutoren in die Vorlesung begleiten, die ihn dabei unterstützen, in Kleingruppen mit den Studenten zu arbeiten.

Und da kommt der Roboter ins Spiel. Pepper ist 1,20 Meter groß, bewegt sich auf Rollen und kann sich im Raum orientieren. Er trägt einen Tabletcomputer vor der Brust, ist mit dem Internet verbunden und spricht Deutsch und Englisch. Der Roboter soll künftig zusammen mit dem Professor und den Tutoren die vielen Aufgaben erledigen, die es im "Inverted Classroom"-Modell während der Hörsaalzeit gibt. Die Tutoren freuen sich auf die neue Unterstützung. "Manche Standardfragen werden gefühlt hundert Mal im Semester gestellt", sagt Svea Krutisch, eine von Handkes studentischen Hilfskräften. "Wann findet die Klausur statt? Wie kann ich mich anmelden? Solche Dinge." Krutisch hofft, dass solche Fragen künftig vielleicht an Pepper ausgelagert werden.

Jeder Zweite hat Angst, vom Roboter ersetzt zu werden

Auch die Studenten reagierten auf die Premiere an der Universität Marburg positiv. Nach der Vorlesung kommen viele nach vorne, wollen Fotos mit Pepper schießen oder ihn berühren. "Das war mal ein komplett anderer Einstieg", sagt Joschka Schütte, der im ersten Semester Lehramt für Englisch und Deutsch studiert. "Ich glaube, dass die Entwicklung der Roboter in der Lehre schnell voranschreiten wird." Dass man in Marburg "mit der Zeit geht", begrüßt Schütte. Eine Furcht vor der Technisierung empfindet er nicht.

Manche Studenten sehen das anders. Klara Boltz studiert Englisch und Ethik auf Lehramt und war völlig überrascht vom Auftritt Peppers. Sie hält es durchaus für möglich, dass Roboter sie eines Tages als Lehrerin ihren Job kosten könnten. "Ich finde, das ist schon eine Gefahr", sagt sie. Und ist damit nicht allein. Handke hat im Vorfeld seine Studenten per Fragebogen interviewt: Etwa die Hälfte gab an, Angst davor zu haben, eines Tages von Robotern ersetzt zu werden. Handke selbst glaubt das nicht. "Während unserer Lebenszeit wird kein einziger Lehrer oder Professor von einem Roboter verdrängt", sagt er. Den künstlichen Kollegen Assistenzaufgaben zu geben sei etwas anderes: "Das Betreuungsverhältnis zwischen Dozenten und Studenten ist so schlecht, da ist jede Hilfe willkommen."

Der Marburger Roboter ist auch Teil eines Forschungsprojekts, in das das Bundesbildungsministerium 137.000 Euro steckt. Bis Mai 2018 soll Handke mit seinem Team untersuchen, wie die Studenten Pepper akzeptieren und wie sie emotional auf ihn reagieren. Die zuständige Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen ist überzeugt: "Der Einsatz digitaler Technologien kann dabei helfen, die Hochschullehre zu verbessern."

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