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Feiern, als sei man einer der Trumps

DJ Feiern Party Musik [Quelle: Unsplash.com, Kevin Horstmann]

Quelle: Unsplash.com, Kevin Horstmann

In Sachen Abiball hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert einiges geändert. Über wilde Partys von damals und die Visionen der Zeremonienmeister von heute.

Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht mehr an alle Einzelheiten meines Abiballs erinnern. Diese Festivität liegt ja nun auch schon über fünfundzwanzig Jahre zurück. Was aber nicht der einzige Grund sein dürfte, warum sich große Teile des Abends einigermaßen im Diffusen verlieren.

Die Aktion fand in unserer geheiligten Schulaula statt, in der normalerweise unter gar keinen Umständen herumgetobt werden durfte. Irgendein ambitioniertes Schülerteam hatte dafür gesorgt, dass ein paar Leute Kartoffel- oder Nudelsalat fürs Buffet mitbringen und genügend Kisten Bier und Wein vor Ort sind. Der Einfachheit halber bin ich in einem ziemlich knappen Minikleid erschienen, während die Jungs in glänzenden Sakkos und hochgekrempelten Ärmeln herumflanierten. So à la Axl Rose im Video zu "November Rain".

Selbstverständlich sahen meine 68er-Lehrer am Abiball-Abend auch nicht bewusst eleganter aus. Wenn überhaupt, dann waren ihre schulterlangen Haare frisch geföhnt, die Jeans noch ein bisschen abgetragener und sie selbst bereit und partyhungrig, um mit uns Schülern im Strobolicht auf der Tanzfläche kräftig "abzuhotten". Die Einzigen, die sich herausgeputzt hatten, waren unsere stolzen Eltern

Das heißt nicht, dass wir Abiturienten mit Hilfe unseres Abiballs nicht total gewürdigt hätten, dass unsere Schulzeit für immer vorbei ist. Dass wir genau jetzt in ein neues, erwachseneres Leben mit viel Verantwortung und Vernunft und so weiter eintreten würden. Selbstverständlich war uns klar, dass wir von nun an – wie man so schön sagt – auf eigenen Beinen würden stehen müssen. Aber genau darum feierten wir ja noch einmal so heftig unsere Jugend, unsere Freiheit, aus Furcht, dass es das jetzt für immer mit der Wildheit gewesen sein könnte.

Angeblich sollen Stühle vom Schuldach geschleudert worden sein, jemand hatte sich im Lehrerzimmer ins Klassenbuchregal übergeben, und zum Schluss war wohl noch jemand durch die verglaste Eingangstür geflogen. Die Schule, der Platz, an dem wir zur Ordnung, zur Konzentration und Ruhe ermahnt worden waren, gestattete uns zum Abschied großzügig, einmal alles rauszulassen. Das war ja das Feierliche daran!

Die Jugend geht die Feierei inzwischen ganz gediegen an

Da ich das Ganze also als durch und durch positives Erlebnis abgespeichert habe, freue ich mich natürlich riesig, dass jetzt der Abiball meiner Tochter vor der Tür steht und ich die wilden, alten Zeiten noch einmal emotional aufleben lassen kann. Ich erwarte definitiv einen lustigen Abend.

Doch als mein Mann und ich dafür online bei einer Eventagentur die Tickets kaufen sollen, kommt der totale Downer. In Sachen Abiball hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert so einiges verändert. Heutzutage wird anscheinend im Fünf-Sterne-Hotel gefeiert! Mit Red Carpet und Security! Man zerlegt jetzt wohl gar nicht mehr zur Feier des Tages die Schulaula? Offenbar nicht! Inzwischen geht die Jugend das Ganze total gediegen an. Es wird kein selbstgemachter Kartoffelsalat mehr in Plastikschüsseln gereicht, stattdessen gibt es ein Mehrgänge-Menü inklusive DJ.

Darum kostet das Ganze auch schlappe 57 Euro pro Person, wie wir überrascht der Website des Veranstalters entnehmen. Dieser organisiert übrigens nicht nur den Abiball meiner Tochter, sondern innerhalb weniger Wochen die Abibälle von siebzig weiteren Berliner Gymnasien. Angeboten werden Top-Locations wie die große Orangerie vom Schloss Charlottenburg oder das Palais Hotel am Kurfürstendamm.

Wie ist es denn zu diesem krassen Umschwung gekommen? Ist das heute normal oder doch nur die irre Idee eines durchgeknallten Abiball-Komitees? Warum muss es ein Fünf-Sterne-Hotel sein? Was gibt es an einer kostengünstigen Feier in der Schule zu beanstanden? Schließlich handelt es sich beim Abiball doch im engsten Sinne um eine Schulveranstaltung. Die letzte Schulveranstaltung überhaupt. Warum wollen unsere Kinder auf einmal etablierter wirken als die oberen Zehntausend, wie man die "Superreichen" in meiner Jugend noch despektierlich nannte? Bedeutet das, unseren Kindern geht es zu gut? Sind sie von uns zu sehr verwöhnt worden? Wissen sie nichts von harter Arbeit, weil wir sie zu sehr in Watte gepackt haben? Steht diese pompöse Abi-Sause für das, was sie sich von ihrer Zukunft erhoffen oder sogar für selbstverständlich halten? Leiden sie womöglich unter akutem Realitätsverlust?

Der Abiball soll mit amerikanischen Abschlussfeiern mithalten

Vielleicht haben sich aber auch einfach nur die gesellschaftlichen Vorbilder und damit das Verlangen geändert. Das Ideal des amerikanischen Prominenten, der die tollen Feste feiert, hat sich bei den Jugendlichen offenbar durch den ganzen Instagram-Bilderfluten-Wahnsinn dermaßen im Bewusstsein verankert, dass dem jetzt nachgeeifert wird. Im Vergleich zu den im Internet kursierenden Paparazzi-Fotos von Filmpremieren in Hollywood passen die Schulräumlichkeiten mit ihrem wackligen Mobiliar, der maroden Turnhalle und den Schultoiletten in ihrem teilweise gruseligen Zustand natürlich nicht mehr so recht ins Bild. Aber sind nur diese glamourösen Belegfotos daran schuld, dass wir jetzt statt in der Schulaula mit unseren Kindern gemeinsam im Nobelhotel einen auf Elton Johns Oscar-Fete machen? Diese Tendenz hätten wir zu Elizabeth Taylors Zeiten ja auch schon haben können.

Ein Mädchen aus dem Ball-Komitee, das gerade mit meiner Tochter Abitur macht, erklärt sich diese Entwicklung damit, dass immer mehr Leute in der zehnten Klasse für ein Jahr in Amerika in die Highschool gehen. Die Achtzehnjährige und das gesamte Abiball-Komitee ihrer Schule waren auch dort. Sie meint: "Da herrschte dieser große Hype um den Abschluss, mit Riesenfeier und so. Wahrscheinlich ist es uns allen deshalb so wichtig, dass wir genauso eine schöne Schulabschlussfeier organisieren."

Damit der Abiball ausstattungstechnisch mit der Homecoming-Queen-Party zumindest annähernd mithalten kann, versprechen professionelle Abiball-Veranstalter, dass die Abifeiern in Deutschland von A bis Z der absolute Kracher werden und alles bis ins kleinste Detail durchgeplant ist. Sie tragen verheißungsvolle Namen wie "Abiballdeluxe", "Abi-Stern" oder "Abiservice4you". Sie werben damit, die Sonderwünsche der jeweiligen Abiball-Komitees so gut wie möglich in die Tat umzusetzen. Dabei folgen einige Schüler-Komitees ziemlich krassen Der-große-Gatsby-Visionen und möchten gerne, dass das Ambiente original fitzgeraldmäßig rüberkommt.

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