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Mit der gähnenden Schildkröte nach Harvard

Eine Schildkröte [Quelle: freeimages.com, Autor: asura]

Quelle: freeimages.com, asura

Er beobachtet Schildkröten beim Gähnen, arbeitet mit neuseeländischen Papageien und säubert auch mal Ställe: Professor Ludwig Huber ist Biologe und Kognitionsforscher. Darüber hinaus hat er einen Nobelpreis inne – den 'IG Nobel Prize' für die Erkenntnis, dass Gähnen bei Schildkröten nicht ansteckend ist. Im Interview erzählt er von der Preisverleihung und verrät, was ihn an seiner Forschung so begeistert.

Es ist der große Traum eines jeden Forschers: Einmal den Nobelpreis verliehen zu bekommen. Stimmt das?

Ja, absolut. Allerdings wird der Nobelpreis in der Kategorie "Biologie" nicht verliehen. Ausnahmen sind Karl von Frisch, Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen, die 1973 den Nobelpreis in "Medizin" für ihre Studien zur vergleichenden Verhaltensforschung bekamen. Lorenz und von Frisch sind außerdem Österreicher – so wie ich. Das ist schon ein gewisser Ansporn, wenn auch nahezu unerreichbar.

Wie hat sich die Nominierung für den IG-Nobelpreis für Sie angefühlt? Haben Sie sich gefreut oder waren Sie eher pikiert?

Einige Kollegen stehen der Veranstaltung sehr kritisch gegenüber. "Nimm das nicht an, damit machst du dich doch lächerlich." Meine Assistentin, die von der Nominierung durch das IG-Nobelpreis-Komitee als Erste erfuhr, hat den Preis aber ebenso wie ich als Chance begriffen, unsere Forschung bekannter zu machen. Gerade in unserem "Orchideenfach" ist eine gute Berichterstattung viel wert. Also haben wir den Preis angenommen. Außerdem haben manche Forscher erst den IG-Nobelpreis und Jahre später den "echten" Nobelpreis verliehen bekommen. Und wir hielten uns an das Motto des Preises: Zuerst schmunzeln, dann nachdenken.

Wofür haben Sie den IG-Nobelpreis bekommen?

Wir haben das soziale Verhalten von Köhlerschildkröten erforscht und dabei auch überraschende Erkenntnisse (zum Beispiel über soziales Lernen) gewonnen. Den IG-Nobelpreis haben wir für eine Publikation mit dem Titel "Kein Hinweis auf ansteckendes Gähnen bei der Köhlerschildkröte Geochelone carbonaria" verliehen bekommen. Ein Jahr lang haben wir eine Schildkrötengruppe getestet und konnten in mehreren Versuchen feststellen, dass Gähnen bei diesen Tieren nicht ansteckend ist. Damit hatten wir ein Ergebnis – allerdings ein negatives. Und das wird in der Wissenschaft selten publiziert. Letztlich haben wir uns aber doch für eine Veröffentlichung in einer chinesischen Fachzeitschrift, der Current Zoology, entschieden. Diese Zeitschrift muss dem Auswahl-Komitee irgendwie in die Hände gefallen sein. 

Sie waren sogar bei der Preisverleihung an der Harvard University. Wie lief das ab?

Das war eine große Show. Betagte Nobelpreisträger saßen auf der Bühne und ließen sich mit Konfetti bewerfen. Bei der Preisverleihung habe ich unser Forschungsprojekt vorgestellt und erntete neben vielen Lachern auch Beifall und gute Fragen. Darüber hinaus kam ich mit Studenten und Wissenschaftlern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Kontakt. Dieser Austausch war sehr interessant.

Was reizt Sie an Ihrer Forschung besonders?

Einen vergleichenden Kognitionsforscher wie mich treiben folgende Fragen um: Welche Mechanismen greifen in der Evolution? Unter welchen Bedingungen entwickeln sich kognitive Fähigkeiten? Wie kommt der Mensch zu seiner Intelligenz und was ist das spezifisch Menschliche? Ich bin überzeugt, dass erst der Vergleich verschiedener Tierarten eine Antwort auf diese Fragen ermöglicht. Um ein Beispiel zu nennen: Als besonders menschliche Eigenschaften werden meistens Sprache, Bewusstsein oder auch Religion genannt. Aber auch viele Tierarten verfügen über Formen von Kommunikation. Vögel beispielsweise verständigen sich über Gesänge, auch finden sich symbolische oder abstrakte Entitäten in so mancher tierischen Kommunikation. Soziale Lernprozesse bei Tieren zu beobachten finde ich daher unheimlich spannend und lehrreich.

Wenn Sie im Alltag so viel mit Tieren arbeiten, halten Sie sich privat dann eher von ihnen fern?

Nein, ganz und gar nicht! Zuhause warten die Spitz-Hündin Ally und die Kater Karotti und Luna auf mich.

Was raten Sie jungen Forschern, die von der Wissenschaft ebenso fasziniert sind wie Sie? Wie können sie ihre  Leidenschaft zum Beruf machen?

Wer in die Wissenschaft möchte, sollte sich seine Leidenschaft auf jeden Fall bewahren. Du darfst nicht die Stunden zählen, die du investierst und musst dir ein dickes Fell zulegen, weil oft ein Experiment nicht so funktioniert, wie es soll. Wissenschaftler sind Multitalente: Sie müssen analytisch denken können, sie müssen kommunikativ fit sein und für ihre Veröffentlichungen gut schreiben können. Ein Veterinärmediziner muss außerdem gut mit Tieren umgehen können – und auch mal Ställe säubern. Genau diese Aufgabenvielfalt finde ich an der Forschung so reizvoll, sie motiviert mich jeden Tag aufs Neue.

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