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Buch vorm Kopf

Buch, Bücherstapel [Quelle: pixabay.com, Autor: Wokandapix]

Quelle: pixabay.com, Wokandapix

Jahrelang studiert und trotzdem nichts kapiert: An den Universitäten wird falsch gelernt und falsch gelehrt. Sie müssen sich verändern.

Du hast Internationale Beziehungen studiert? Wow, interessant! – Fand ich auch, ja. Leider hab ich alles wieder vergessen.

Kommunikationswissenschaft, wie war das so? – Na ja, so mittel, nach dem Bachelor hatte ich keine Ahnung, was ich damit machen soll.

Sag mal, kannst du mir als VWLer eigentlich erklären, wieso es zur Finanzkrise kam? – Öhm.

Diese Gespräche mit neuen Arbeitskollegen, unter Bekannten, wer kennt sie nicht. Man redet über die Zeit an der Uni, denkt über früher nach ("früher", das kann auch nur ein Jahr beziehungsweise zwei Semester her sein) und staunt, wie wenig hängen geblieben ist vom Wissen (und wie viel vom Gefühl; schön war es). Selbst die Antworten aus den Hörsälen, an die man sich noch erinnert, scheinen nur leidlich zu den Fragen aus dem Arbeitsalltag zu passen. Es wirkt, als sei die Zeit an der Uni nur lose mit der Zeit nach der Uni verbunden. Zwei Verwandte, die sich selten über den Weg laufen und dann nur flüchtig grüßen.

Zugegeben, das ist etwas polemisch. Es gilt längst nicht für alle Studenten und nicht für alle Fächer. Aber oft ist es erschreckend wahr: Wir lernen falsch an den Universitäten. Fakten, Fakten, Fakten. Schnell vor der Klausur reingeprügelt, kontextfrei. Das wird erst belohnt, mit guten Noten. Und dann bestraft: Denn so vergessen wir vieles vom Gelernten wieder oder wissen später nichts damit anzufangen. Und auch über das, was wir lernen, kann man durchaus streiten.

Bei Schülern prüft und vergleicht man schon lange ihre Fähigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen. Die Kompetenzen von Studenten hat die empirische Forschung dagegen erst vor Kurzem als Thema entdeckt. Deshalb weiß man nur wenig darüber, was Studenten wirklich draufhaben, wenn sie "fertig ausgebildet" von der Uni abgehen. Die Wissenschaftler Olga Troitschanskaia und Hans Anand Pant wollen das ändern. Sie leiten seit 2011 ein mit circa 25 Millionen Euro vom Bundesbildungsministerium gefördertes Forschungsprojekt namens KoKoHs (Kompetenzmodellierung und Kompetenzerfassung im Hochschulsektor), das die Inhalte, die Lehre und die Prüfungsformen an Hochschulen untersucht.

Klar: Die entscheidenden Kompetenzen von Studenten sind viel komplexer als bloß Lesenschreibenrechnen: kritisch denken, Zusammenhänge verstehen, Probleme lösen. Die Fähigkeiten fürs 21. Jahrhundert. Wie soll man die messen, am besten in Verbindung mit dem spezifischen Wissen aus dem jeweiligen Fach?

Zumindest nicht mit jenen Klausuren, die momentan geschrieben werden. Die laut KoKoHs beliebtesten Formate, Multiple-Choice-Tests oder Fragen zum Vorlesungsskript, begünstigen Auswendiglerner und messen oft nur das Faktenwissen, das ein Student zum Zeitpunkt x gerade hat. Das ist zwar auch wichtig, reicht aber nicht aus. Mündliche Prüfungen wiederum werden stark von Faktoren beeinflusst, die nichts mit dem zu tun haben, was eigentlich geprüft wird: Sympathie, Präsentationstalent, sprachliche Fähigkeiten. Manchmal gibt es für Frauen oder Migranten negative Effekte, etwa bei schriftlichen Prüfungen in den Mint-Fächern. Vor allem aber lautet das Urteil der Forscher: Die Handlungskompetenzen kommen in den Prüfungen zu kurz. Genau das sollten sie aber auch leisten: zu testen, ob die Studenten abstraktes Wissen praxisnah anwenden können.

All das führt dazu, dass Uni-Zeugnisse und Abschlussnoten nicht viel aussagen. Eine Studie aus dem Forschungsprojekt von Troitschanskaia und Pant zeigt beispielsweise, dass es bei Absolventen der Wirtschaftswissenschaft oft keinen Zusammenhang zwischen ihrem ökonomischen Fachwissen aus dem Studium und den Abschlussnoten an ihren Hochschulen gibt. Anders gesagt: Ob jemand die entscheidenden Inhalte verstanden hat oder nicht, kann man nicht unbedingt an der Note erkennen. Keine Ahnung? Ganz egal!

Keine Ahnung? Ganz egal! Nicht immer hängen Fachwissen und Note zusammen

Das erscheint umso dramatischer, weil zwei banale Ziffern – 1,1 oder 2,7 oder 3,9 – noch immer der wichtigste Code dafür sind, um zugelassen zu werden: zum Masterstudium, zur renommierten Uni, zum Bewerbungsgespräch.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Halleluja! So langsam scheint sich etwas in diesem System zu bewegen. Ich bin gespannt, wie sich dieses Projekt entwickelt. PS: Dieses Bulimie-Lernen beschränkt sich übrigens nicht nur auf das deutsche System: In den Niederlanden, wo ich studiere, ist es genau das Gleiche - leider!

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