Partner von:

Macht Schlausein einsam?

Frau, einsam, alleine [Quelle: unsplash.com, Autor: Cagatay Orhan]

Quelle: unsplash.com, Cagatay Orhan

Hochbegabte strengen sich an, dümmer zu erscheinen, als sie wirklich sind, und fragen und antworten entsprechend, obwohl sie die Lösung doch schon längst kennen.

Stereotypen vom unsozialen Hochbegabten haben Konjunktur. Von Sherlock bis Sheldon Cooper – es scheint, dass Hochbegabten, quasi als "gerechter Ausgleich" für ihre weit überdurchschnittliche Intelligenz (so die Definition von Hochbegabung) jede soziale Kompetenz abgesprochen wird. Nervtötende Egomanen, besserwisserische Freaks, die anderen ständig Vorschriften machen ... die Liste der Klischees ist lang. Von einer Schweizer Kolumnistin hieß es Anfang 2017 gar, die plausibelste Erklärung, warum Hochbegabte weniger Freunde hätten, sei die, dass es ihnen zu anstrengend sei, sich an die weniger Klugen anzupassen, und sie sich deshalb "nicht vermischen" würden mit dem Rest der Gesellschaft. Das klingt ein bisschen so, als wären Hochbegabte so etwas wie Harry Potters Erzfeind Draco Malfoy mit seiner Abneigung gegen "Schlammblüter". Und weil das doch ein bisschen nach Nazi klingt, stieß mir das auf. Man liest leider sehr wenig darüber, was die Hochbegabten selbst zu dem Thema sagen (außer natürlich in der Fachliteratur, aber wo kämen wir da hin, wenn man die lesen müsste).

Das mag daran liegen, dass Hochbegabte laut Fachliteratur meist nicht besonders machthungrig sind. Was andere über sie schreiben, mag viele gar nicht mehr besonders interessieren, schließlich haben sie es sich zwangsläufig schon in jungen Jahren abgewöhnen müssen, darüber nachzudenken, was andere von ihnen halten. Und meistens haben sie ohnehin andere Interessen, nach dem Motto: Ja, ich bin hochbegabt. Aber nicht hauptberuflich. Reden wir über Quantenteleportation.

Ich gebe zu, ich gehöre zu diesen rund zwei Prozent, die als die intelligentesten ihres Jahrgangs definiert sind. Der Einfachheit halber mache ich es wie alle anderen Mensa-Mitglieder und nenne keinen exakten IQ-Wert. Und ich möchte euch gern sagen, was meiner Erfahrung nach der Grund ist, dass Hochbegabte oft nur wenige Freunde haben (und mehr davon tatsächlich nicht vermissen).

Dass Hochbegabung einsam macht, ist schon ein richtiges Stereotyp. Nach dem Motto: "I'm a high functioning sociopath." Immer wieder wird uns, nicht nur von besagter Kolumnistin, vorgeworfen, es sei uns zu anstrengend, uns immer anzupassen, weshalb wir so unsozial seien und uns seltener fortpflanzen würden. Im Ernst, wir tun unser ganzes Leben lang kaum etwas anderes, als uns permanent anzupassen. Die einschlägige Literatur zu dem Thema verweist sogar immer wieder auf die Theorie, dass Hochbegabte nicht mehr und nicht weniger unter sozialen Problemen litten als alle anderen Menschen. Nicht selten seien sie sogar ziemlich gut im sozialen Bereich – woher auch die Tatsache rühre, dass vor allem Mädchen trotz Hochbegabung oft deutlich schlechtere Schulleistungen bringen, als sie könnten. Manche schrieben sogar mit Absicht schlechte Noten, nur um akzeptiert zu werden. Letzteres kann ich bestätigen. Intelligente Frauen verwenden bis heute einen nicht geringen Teil ihrer Intelligenz darauf, dass niemand von ihr erfährt. Aktuell beschäftigt sich etwa der Roman "Jasmin und Bittermandeln" (Julia Freidank) mit der Problematik. Womit wir auch gleich beim Thema Fortpflanzung wären. Aufgrund gängiger Rollenmuster suchen viele Männer, selbst hochintelligente, eben nicht gerade eine Frau mit IQ 160, auch dann nicht, wenn sie aussieht wie Angelina Jolie. Das ist aber weniger ein Problem der sozialen Kompetenz als der Gleichberechtigung.

Auch hält sich unser Interesse, andere Leute zu erziehen, gewöhnlich in überschaubaren Grenzen. Wie gesagt, vielen Hochbegabten ist Macht völlig gleichgültig. Anders als es manchem offenbar vorschwebt, kommen wir gewöhnlich nicht auf die Idee, dass irgendjemand die Katze in den Wäschetrockner stecken könnte und dass man ihm das mit tausend Vorschriften auszureden oder abzuerziehen hätte. Unsachgemäße Verwendung, die sich Hochbegabte besser vorstellen können, sieht eher so aus, dass jemand den Wäschetrockner umfunktionieren könnte, um damit dunkle Materienachzuweisen, aber nicht in der Katze.

Also, an fehlendem Willen zur Anpassung liegt es meist nicht, und Mitmenschen erziehen ist auch kein typisches Hochbegabtenhobby (Ausnahmen bestätigen die Regel). Was dann? Könnte es wohl daran liegen, dass womöglich manche aus der Mehrheit mit unserer Minderheit nichts zu tun haben wollen? Es muss leider gesagt werden, dass man mit der Lepra oder Pest noch immer weit bessere Chancen hat, integriert zu werden, als mit einer Hochbegabung. Warum? Könnte es gar sein, dass allein unsere Existenz von so manchem Vertreter der Mehrheit bereits als Arroganz und Provokation aufgefasst wird?

nach oben

Im e-fellows.net wiki kannst du dein Wissen teilen und von den Erfahrungen anderer Stipendiaten profitieren.

Verwandte Artikel
Kommentare (4)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

  1. Anonym

    Ein Problem, welchem ich hin und wieder begegnet bin, ist Neid. Ich habe nie viel tun müssen für gute Noten, weder in der Schule, noch im Studium (auch wenn es im Studium schon deutlich mehr war als die drei Tage, die ich für mein Abitur gelernt habe). Es gibt viele Menschen, die mit dieser unfair verteilten Begabung nicht umgehen können, und das an jenen auslassen, die es leichter haben. In meiner Schulzeit hat das dazu geführt, dass ich fast keine Freunde hatte. Ich habe auch mit niemandem aus meiner Schulzeit noch etwas zu tun. Im Studium dagegen fiel es mir leichter, Freunde zu finden, da hier die meisten zumindest ähnliche Interessen und auf dem Fachgebiet ähnliches Wissen aufweisen konnten. Zum Faktor Intelligenz in Partnerschaften: Es kann tatsächlich viele Probleme mit sich bringen. In meiner Beziehung habe ich den höheren IQ. Mein Freund macht Witze darüber, aber manchmal bemerke ich auch von ihm den Neid. Die Frage, warum kann mir das nicht auch so leicht fallen? An so etwas können Freundschaften scheitern, wenn das Ego zu leicht angekratzt ist und das Selbstbewusstsein zu niedrig, um damit erwachsen umzugehen.

  2. Anonym

    Ich glaube hier wird Hochbegabung mit introvertierten Persönlichkeitseigenschaften vermischt. Ich will eine gewisse Korrelation nicht ausschließen, aber es ist auch nicht das gleiche. Falls noch nicht geschehen, kann ein Studium der Myers-Briggs-Typenindikatoren recht interessante Einblicke geben ;) Vielleicht ist es einfach ein Effekt der Verhaltenspsychologie und der Statistik. Wenn man Teil der Enden einer Normalverteilung ist, ist man eben recht anders als das Gros der anderen, und Menschen scheuen andersartige einfach. Und da wir eben zu den Enden der Normalverteilung gehören, finden wir weniger Menschen mit denen wir über die Implikationen der allgemeinen Relativitätstheorie für mögliche FTL-Technoligien fachsimpeln können. Btw, ich hatte nie Probleme damit das Frauen schlauer sein könnte als ich. Nur ist es scheinbar so schwer eine solche Partnerin zu finden, erst recht eine die aussieht wie Angelina Jolie ;P Nach frühen Experimenten entwickeln wir Männer auch eine gewisse Angst vom anderen Geschlecht als Geek abgestempelt zu werden, aus Erfahrungen dass einen die Ladies ansehen als hätte man gerade eine zweite Nase auf dem Gesicht bekommen, wenn man voller Enthusiasmus erklären will warum Gravitation eine Scheinkraft ist, die aus der Raum-Zeit-Geometrie entsteht. Der Unterschied scheint zu sein, dass wir Männer generell weniger Hemmungen haben uns dann doch mit einer weniger intelligenten Frau zufriedenzugeben als es andersherum der Fall wäre. (Dazu kann ich übrigens Bernhard Ludwigs Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit empfehlen, sehr unterhaltsam und nicht ganz unwahr) Letztendlich ist es nun mal so wie es ist und wir müssen uns durch die Kombination von Eigenschafen, die sozialen Verbindungen aufbauen nicht hundert prozentig zuträglich sind, auf eine längere und schwierigere Suche nach Gleichgesinnten machen.

  3. Robert Treudler

    Pretty good & well written lines ! Described the matter in depth.. I kind of feel addressed though.

  4. Anonym

    Klasse Artikel! :)

Das könnte dich auch interessieren