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IT Informatik Programme (© Julien Eichinger)

© Julien Eichinger

CHE-Ranking: Informatiker verändern die Welt. Über die Wirkung ihres Tuns lernen sie im Studium aber zu wenig.

Informatik ist die neue Universalwissenschaft. Wer ein Auto bauen, Alte pflegen, ein Fußballspiel analysieren oder Literatur erforschen will, nutzt Informatik. Früher war der Universalgelehrte ein Mann, der sich in vielen Disziplinen auskannte. Morgen wird es jemand sein, dessen Disziplin in allen steckt: Der neue Universalgelehrte wird Informatiker sein. Was aber bedeutet das für das Studium?

"Wir werden überwältigt von der Entwicklung in unserem Fach", sagt Hans-Ulrich Heiß, Informatikprofessor an der TU Berlin. Industrie 4.0, Internet der Dinge oder Big Data sind nur einige der Stichworte, die Informatiker aktuell beschäftigen.

Die vielen Anwendungsmöglichkeiten schlagen sich in neuen Studiengängen nieder. Neben den etablierten Doppelwissenschaften wie Wirtschaftsinformatik, Medieninformatik, Geoinformatik und Bioinformatik spaltet sich das Fach besonders im Masterbereich zu spezialisierten Studiengängen auf.

Professoren stehen vor der schwierigen Aufgabe, abzuschätzen, was ein Modethema ist und was bleiben wird. Sie können das Curriculum nicht ständig ändern. Müssen sie auch nicht. Wichtiger als die neueste Anwendung zu kennen sei es, das Grundlagenwissen zu vermitteln, sagt Heiß: "Wir müssen die Studenten so ausbilden, dass sie sich auch in zwanzig Jahren noch leicht neues Wissen aneignen können."

Die Gesellschaft für Informatik arbeitet gerade an einer neuen Empfehlung zum Informatikstudium. Die letzte stammt aus dem Jahr 2005. Die neue soll noch 2015 erscheinen. Zum ersten Mal wird sie kompetenzorientiert sein. Das heißt, der Fokus liegt nicht mehr auf den Inhalten, sondern darauf, was ein Informatikstudent bis zum Abschluss können muss.

"Das Bild vom Informatiker, der im Zimmer sitzt und allein arbeitet, trifft schon lange nicht mehr zu", sagt Thomas Waas, Professor an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH). "Ohne ein breites kommunikatives Verständnis geht es nicht", sagt auch Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts, "am Ende arbeiten Informatiker immer für andere." Schon im Studium müssten sie daher lernen, sich in die Anwender hineinzuversetzen.

Das scheint angekommen zu sein, längst ist Informatik keine Wahl mehr für Nerds. Die Zahl der Studenten steigt rasant, pro Jahr fast um 10.000. Das ist mehr als in jedem anderen Mint-Fach. Im Wintersemester 2013/14 waren laut Statistischem Bundesamt rund 170.000 Studenten für ein Informatikfach eingeschrieben. Besonders stark war der Anstieg in Bayern, wo das Fach an naturwissenschaftlichen Gymnasien zum Fächerkanon gehört. An der OTH Regensburg beispielsweise hat sich die Zahl der Studenten in nur sieben Jahren verdoppelt, von 700 auf 1.400.

Für die Hochschulen ist das eine schwierige Situation. Spielt doch die Betreuung der Studenten eine entscheidende Rolle bei der Frage, wie viele von ihnen das Studium am Ende erfolgreich abschließen. Immerhin schneiden die OTH Regensburg wie auch das Hasso-Plattner-Institut im gerade veröffentlichten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung in den Punkten Studiensituation insgesamt sowie Betreuung durch Lehrende besonders gut ab.

Generell aber gelten die Abbrecherzahlen im Fach Informatik als zu hoch. An den Universitäten studieren 43 Prozent der Bachelorstudenten nicht zu Ende, an Fachhochschulen sind es 37 Prozent. Auch deshalb sprechen Branchenverbände wie Bitkom noch immer von einem Mangel an Informatikern.

Und noch eine Herausforderung haben die beliebten Informatikstudiengänge zu meistern: Die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen. Inwieweit lernen die jungen Informatiker, zu reflektieren, was ihre Arbeit bewirkt, was neue Anwendungen verändern? "Es herrscht ein Grundkonsens, dass Ethik wichtig ist", sagt Heiß. Die große Mehrzahl seiner Kollegen würde unterschreiben, dass man als Informatiker soziale Verantwortung trägt. Gleichzeitig sei er irritiert, dass Informatiker in öffentlichen Debatten um Datenschutz nicht gefragt würden – und dass sie sich selbst nicht stärker zu Wort meldeten.

Die Hochschulen gehen unterschiedlich mit dem Thema um. Hauptaussage: Ethische Fragen werden am Beispiel von konkreten Anwendungen in der Vorlesung diskutiert. Geht es also um Programme zur Gesichtserkennung, wird erklärt, wie man Mitarbeiter auf dem Firmengelände identifizieren oder Menschen im öffentlichen Raum verfolgen kann. Somit liegt es am jeweiligen Professor, wie sehr er seine Studenten für den Missbrauch ihrer Anwendungen sensibilisiert.

Wer neue Technik entwickelt, kann Missbrauch nie ausschließen. Fast alles lässt sich zum Guten oder zum Schlechten nutzen. Mit diesem Dilemma erklären mehrere Professoren, warum es schwierig sei, ethische Fragen überhaupt zu behandeln. Hinzu kommt: Anders als gute Kommunikation ist eine eigene Haltung offensichtlich eine Fähigkeit, die auf dem Arbeitsmarkt nicht gerade gefragt ist.

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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