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"Dein Heimatgefühl wäre kein Konzept für mich"

Freiheit Abenteuer Heimat [Quelle: Unsplash.com, Dino Reichmuth]

Quelle: Unsplash.com, Dino Reichmuth

Der eine ist 26, seit drei Jahren verheiratet und nie rausgekommen. Der andere ist 24 und ständig im Ausland. Zwei Brüder über Heimat und Lebensentwürfe.

Was ist Heimat? Nach der Bundestagswahl diskutierten das sogar die Grünen. Wir haben zwei junge Menschen gefragt, was Heimat und Zuhause für sie bedeutet – in einer Zeit, in der Auslandssemester und Reisen völlig normal geworden sind und gleichzeitig nicht alle diesen Lebensstil leben oder leben wollen. Eric, 26, studiert Grundschullehramt in NRW. Er ist seit drei Jahren verheiratet und lebt dort, wo er früher zur Schule gegangen ist. Tim, 24, macht nach dem Bachelor in Ethnologie und Psychologie ein Praktikum bei Bosch in Hangzhou in China. Nach der Schule war er ein Jahr in Thailand und hat zwei Semester seines Studiums in Kalifornien verbracht.

Eric: Heimat ist für mich der Ort, an dem ich mich zu Hause fühle. Ich muss ich selbst sein können. Und mich auskennen. Ich fühle mich nicht heimisch, wenn mir meine Umgebung und die Menschen um mich herum nicht vertraut sind.

Tim: Ich benutze das Wort "Heimat" eigentlich nicht und habe über das Wort bisher nicht viel nachgedacht. Wenn ich Heimat beschreiben müsste, wäre das für mich kein konkreter Ort. Mein Heimatgefühl ist Vertrautheit. Das sind Menschen, die ich an bestimmten Orten wiedertreffe. Wenn ich zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, in Fullerton in Kalifornien oder in Korat in Thailand bin, habe ich immer das gleiche Gefühl – ich kenne mich dort aus. In Thailand, wo ich nach der Schule ein Jahr beim Weltwärts-Freiwilligendienst gearbeitet habe, habe ich mittlerweile auch eine Familie. Ich nenne das Paar, bei dem ich gelebt habe, im Thailändischen Papa und Mama. Heimat ist daher eher etwas Emotionales. 

Eric: Hm, das wäre kein Konzept für mich. Für längere Zeit ganz woanders zu leben und mich dort heimatlich zu fühlen, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Warum, kann ich gar nicht sagen. Ich bin wahrscheinlich einfach sehr bodenständig und hier verwurzelt. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie wirklich rausgekommen bin, weil ich immer ein bisschen Angst davor hatte – vor allem Angst davor, mich nicht verständigen zu können. Mein Englisch ist nicht unbedingt das Beste. Irgendwann habe ich meine jetzige Frau kennengelernt und wir hatten nicht die Möglichkeit, zusammen länger wegzugehen. Schließlich haben wir uns entschieden, hierzubleiben.

Tim: Zu Hause ist für mich einfach dort, wo ich aktuell lebe. Ich sage überall "ich gehe nach Hause", egal in welchem Land, in welcher Stadt. Gegenüber Heimat ist Zuhause eher geografisch und praktisch. Mit Zuhause verbinde ich nichts Emotionales, weil ich quasi seit fünf Jahren unterwegs bin. Das ist gerade völlig ok für mich. Aber ich stelle nie Deko auf in meinen Zimmern – weil es sich nicht lohnt.  

Eric: Du bist einfach zu faul, Fotos aufzuhängen (lacht). Ich kann Tims Definition schon verstehen, aber für mich gehören Heimat und Zuhause zusammen. Hier in meiner Wohnung ist für mich mein Zuhause, hier kann ich abschalten. Schon wenn ich den Bahnhof von meinem Heimatdorf sehe, entspanne ich direkt und fühle mich ruhiger.

Tim: Klar, das kenne ich auch, aber eben an unterschiedlichen Orten. Als ich 2015 noch einmal nach Thailand zurückgekommen bin und durch die Marktstraße meines Dorfes gelaufen bin, hatte ich das gleiche Gefühl wie damals, als ich Jahre zuvor jeden Tag diesen Weg gegangen bin, an den Marktständen vorbei, durch die Menschenmassen. Aber ähnlich fühle ich mich auch in Viersen, wenn ich den Weg vom Bus zum Haus meiner Mutter entlanglaufe. Den Weg bin ich jahrelang von der Schule nach Hause gegangen, vorbei an den alten Häusern in unserer Nachbarschaft.

Eric: Heimat ist auch ein bisschen Erinnerung. Ich brauche dieses Gefühl und diese Verbindung zu meiner Heimat. Klar komme ich nicht jeden Tag nach Hause und sage: Wow, meine Heimat. Aber wenn ich schon ein paar Tage weg bin, merke ich, dass mir diese Vertrautheit fehlt.

Tim: Puh, das geht mir eher weniger so, wenn ich nach Viersen komme. Ich freue mich eher darüber, woanders zu sein und Dinge aus meiner Heimat zu entdecken. Dann treffe ich jemanden aus Kempen oder Krefeld, spreche über Dinge oder Orte, die wir kennen. Ich habe eher das Gefühl von Fernweh. Als ich zum Beispiel nach einem Jahr aus den USA wiedergekommen bin und wieder in Heidelberg war, wollte ich sofort wieder weg. Keine Ahnung warum. Das habe ich auch, wenn ich wieder in Viersen bin. Aber dort liegt es eben genau daran, dass niemand mehr da ist. Dich sehe ich nicht so oft, Mama ist viel arbeiten und die meisten Freunde sind auch weg. Deshalb hält mich dort nichts. Ich war immer eher flügge und viel unterwegs, habe Zeit bei Freunden verbracht und bin schon vor dem Abi zu Hause ausgezogen.

Eric: Bei mir ist es fast genau umgekehrt. Ich hatte immer eine feste Vorstellung davon, was ich machen wollte und wie meine Zukunft aussieht. Klassisches Modell mit Abi, studieren, guten Job finden und Haus und Kinder. Ich brauche einfach eine Sicherheit und kann nicht in den Tag leben oder einfach umziehen. Dafür sichere ich mich zu gern doppelt ab. Das zeigt sich auch in meiner Art, die Zukunft zu planen. Wenn ich im kommenden Jahr mit dem Studium fertig bin, haben wir schon für die nächsten fünf Jahre geplant: Wir sparen auf ein Haus und wollen auch Kinder. Damit fühle ich mich wohl und sicher.

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