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Aus der Vorlesung freigekauft

Mitschrift Manuskript Schreiben [Quelle: Pixabay.com, Autor: tookapic]

Quelle: Pixabay.com, tookapic

Tausch und Verkauf von Mitschriften florieren. Das hilft Studenten, kann aber Dozenten verprellen. Und ist der Mitschriften-Handel eigentlich legal?

Thomas ist ein durchschnittlicher Student. Er studiert im sechsten Semester Betriebswirtschaftslehre mit Nebenfach Politik an der Uni Köln, arbeitet an zwei Nächten pro Woche in einer Tankstelle und wohnt in einer WG. Dienstags ab 8 Uhr müsste er eigentlich in einer Vorlesung sitzen, "Vergleichende Analyse Politischer Institutionen", Aula 2. "Das ist für mich beim besten Willen nicht machbar", sagt der 24-Jährige. "Ich müsste die Nacht komplett durchmachen, würde mich dann in der Vorlesung keine Sekunde mehr konzentrieren können und wahrscheinlich halb einschlafen." Das Fach ist für ihn aber Pflicht, er muss die Prüfung am Ende des Semesters ablegen und bestehen. Sonst schafft er seinen Abschluss nicht.

Studenten wie Thomas sind auf die Hilfe von Kommilitonen angewiesen. Sie schreiben Rundmails, bitten um Unterstützung, um Mitschriften und Unterlagen. Und es gibt sie ja auch überall: Studenten, die jede Woche vor Ort sind, den Stoff vor- und nachbereiten, mitschreiben, sich akribisch und langfristig auf Klausuren vorbereiten. Für Leute wie Thomas, die aus diversen Gründen nicht kommen können oder wollen, aber trotzdem gerne ihre Prüfungen bestehen, gibt es an der Uni Köln die Mitschriften AG. "Die ist jeden Cent wert", sagt er.

Die AG sitzt am Ende eines Glastunnels hinter der Studiobühne Köln, zwischen zwei Kopierern, meterhohen Regalen voller Unterlagen, einer kleine Holztheke. Vor der Theke warten Studenten auf ihre Unterlagen, dahinter kopieren Kommilitonen Mitschriften von Vorlesungen, Übungen, Tutorien für sie. Auf einem Aushang stehen die aktuell empfohlenen Mitschriften - also jene, die von anderen bereits gute Bewertungen erhalten haben. Es gibt insgesamt etwa 2000 Aufzeichnungen aus früheren Semestern und etwa 30 vom laufenden. Wer ganz aktuelle Aufzeichnungen haben möchte, kommt einmal pro Woche und holt sich jeweils die Mitschrift der vergangenen Woche ab. Vier bis zehn Euro kosten die Unterlagen pro Fach und Semester, je nach Zahl der Seiten. Das deckt die Unkosten. Etwa 80 Studenten arbeiten hier. "Wir wollen in erster Linie den Studenten helfen, nicht profitieren", sagt Berit Czock, eine von 13 Geschäftsführern. "Wir haben wirklich viel zu tun. Oft bildet sich eine lange Schlange. Manche nutzen uns, um gar nicht in die Vorlesung zu gehen, andere nehmen die Mitschrift als zusätzliche Hilfe im Hörsaal."

Die Unterlagen gibt's auch im Webshop

Entstanden ist die Einrichtung im Jahr 1971. Damals hatten Studenten zweier benachbarter Wohnheime untereinander ihre Aufzeichnungen getauscht - bis sich andere beschwerten, dass der Austausch für sie nicht zugänglich war. Seitdem ist die Mitschriften AG stetig gewachsen, hat sich professionalisiert, das Angebot erweitert. Inzwischen können sich Kunden die Unterlagen über einen Webshop bestellen und per Post zuschicken lassen. Die Unterlagen sind schon lange nicht mehr handschriftlich. Die Mitschreiber erhalten etwa 500 Euro sowie einen Gutschein über 50 Euro pro Mitschrift, den sie wiederum für Mitschriften anderer einlösen können. Die Mitarbeit ist ehrenamtlich, falls mal ein kleiner Beitrag übrig bleibt, investieren die Studenten das Geld in neue Ausstattung. "Wir wollen und dürfen ja gar nicht gewinnbringend arbeiten", sagt Berit Czock. Die Mitschriften AG ist Teil der Fachschaft. Damit verpflichtet sie sich, keine Gewinne zu erwirtschaften.

Ähnliche, mehr oder weniger professionelle Organisationen gibt es inzwischen an vielen anderen deutschen Hochschulen - die Kölner waren aber vermutlich die Ersten. An der Uni Passau beispielsweise nutzen Studenten eine Facebook-Seite, um Unterlagen zu verkaufen oder gegen ein paar Flaschen Bier und Tafeln Schokolade zu tauschen. An der TU München vertreiben die Fachschaften Mathematik, Physik und Informatik Skripte, Mitschriften und Prüfungsprotokolle für bis zu vier Euro pro Stück. Ähnlich macht es auch das Studierendenwerk der Hochschule Karlsruhe. Einige Fakultäten betreiben Foren, in denen Studenten in Tauschbörsen mit Unterlagen und Büchern handeln, anderswo organisieren sich Studenten über soziale Medien. Zudem gibt es bundesweit einige Plattformen, die Studenten den Austausch von Unterlagen erleichtern, allen voran stuvia.de, unidog.de und uniturm.de.

"Schlicht keine Zeit, Vorlesungen zu besuchen“

Der Ansatz ist unterschiedlich: Bei Stuvia und Unidog verkaufen Studenten ihre Mitschriften, bei Uniturm dagegen werden Unterlagen kostenlos geteilt. "Wir wollen Wissen für jeden frei zugänglich zur Verfügung stellen", sagt Uniturm-Gründer Dirk Ehrlich. Seine Plattform soll den Austausch von Wissen über Hochschulen hinaus ermöglichen und Studenten das Studium erleichtern. "Es gibt viele Studenten, die schlicht keine Zeit haben, Vorlesungen zu besuchen. Zum Beispiel weil sie arbeiten oder sich um ihr Kind kümmern müssen." Uniturm will diesen Studenten helfen. Schließlich gehe es nicht darum, wie oft und wie lange jemand Zeit hat, vor Ort zu lernen, sondern darum, dass er sich das Wissen aneignet, um ein Studium zu meistern.

Dirk Ehrlich gründete die Plattform mit einem ehemaligen Kommilitonen Anfang des Jahres 2008. Schon während ihres eigenen Studiums an der Uni Leipzig betrieben sie ein Forum, das den Austausch innerhalb ihres Studiengangs erleichtern sollte. "Irgendwann war fast jeder BWL-Student in Leipzig dort aktiv", sagt Ehrlich. "Wir haben Chatabende mit Professoren eingerichtet und Unterlagen aller Art getauscht." Daraus entstand die Idee, das Angebot fächerübergreifend für Studenten an allen Hochschulen Deutschlands zu erweitern. Inzwischen nutzen mehr als 250.000 Studenten Ehrlichs Plattform und stellen ihren Kommilitonen etwa 70.000 Skripte und Mitschriften zur Verfügung.

"Am Anfang hatten wir Schwierigkeiten, die Leute zu motivieren, ihre Unterlagen hochzuladen", sagt Ehrlich. Deshalb führte er ein Bonussystem ein: Für hochgeladene Unterlagen bekommen Nutzer Punkte, die sie gegen Prämien wie Notebooks, Fahrräder, Zeitschriftenabos oder Einkaufsgutscheine einlösen können. "Die Prämien werden uns von Sponsoren zur Verfügung gestellt", sagt er. "Im Gegenzug verlinken wir zu den Unternehmen." Sieben Mitarbeiter sind bei Uniturm angestellt. Die Seite lebt von Werbung für die Zielgruppe.

Urheberrechtlich eine Grauzone

Rechtlich gesehen bewegt sich der Mitschriften-Handel, egal ob online oder offline, in einer Grauzone. Denn wenn ein Professor eine Vorlesung konzipiert und hält, ist diese sein urheberrechtlich geschütztes Werk. Dozenten könnten sich juristisch gegen eine Veröffentlichung und den Verkauf der Mitschrift wehren. Wer Ausschnitte aus Büchern veröffentlicht, verstößt aus Sicht von Juristen gegen das Urheberrecht der Autoren. Und tatsächlich beschweren sich immer wieder Professoren bei den Betreibern der Tauschbörsen: "Wenn Professoren uns kontaktieren, weil sie nicht wollen, dass Unterlagen aus ihren Veranstaltungen frei verfügbar sind, dann löschen wir die Skripte", sagt Dirk Ehrlich. "Wir wollen uns ja nicht ewig vor Gericht herumstreiten." Er lässt die Autoren der Skripte, also Studenten, selbst garantieren, dass sie das Urheberrecht beachten.

Meistens passiert aber gar nichts. In der 44-jährigen Geschichte der Kölner Mitschriften AG zum Beispiel ist noch nie ein Professor juristisch gegen die Studenten vorgegangen - einige allerdings haben den Verkauf verboten und zumindest mit rechtlichen Schritten gedroht. "Manche Professoren wollen vermeiden, dass die Studenten nicht mehr in ihre Vorlesung kommen", sagt Geschäftsführerin Czock. "Andere wollen Fragen stellen und verhindern, dass Studenten die Antworten schon aus ihren Mitschriften kennen." Bei solchen Anfragen reagiert die Mitschriften AG sofort und nimmt alle betroffenen Angebote aus dem Verkauf.

"Inzwischen fragen wir direkt bei Professoren und Lehrstühlen nach, ob Mitschriften und ihr Verkauf erlaubt sind. Wir haben nichts davon, irgendwen zu verärgern", sagt Czock. Für sie ist die Mitschriften AG eine Mischung aus Netzwerk und kleinem Unternehmen, das auch ab und zu mal gemeinsame Partys feiert, aber das vor allem Studenten das Studium erleichtert. "Viele sind einfach froh, dass es uns gibt."

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