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Dürrezeit im Paradies

Vertrockneter Baum (Quelle: freeimages.com, Autor: sataqvi)

Quelle: freeimages.com, sataqvi

Wenn die US-Amerikaner am 6. November ihren Präsidenten wählen, entscheiden sie indirekt auch über die Zukunft der öffentlichen Hochschulen. Denen geht es schlecht. Die Bundesstaaten sparen massiv bei den Uni-Etats. Barack Obama und Mitt Romney wollen helfen, aber auf ihre jeweils ganz eigene Weise.

Als Jeffrey Peck am 1. August 2008 als Dekan am New Yorker Baruch College anfing, freute er sich darauf, etwas gestalten zu können. Dann kam die Finanzkrise, und Peck musste seine Kreativität auf einem anderen Gebiet beweisen: dem Sparen. "In meinen ersten Jahren habe ich nur gekürzt", sagt der Literaturwissenschaftler in seinem Büro im Flatiron District von Manhattan. Es war kein Geld da für Forschungsprojekte, geschweige denn für neue Stellen. Nicht einmal eine Weihnachtsfeier gab es mehr.

Fast allen öffentlichen Hochschulen in den USA geht es so wie dem Baruch College, das zur City University of New York gehört. Weil Steuereinnahmen eingebrochen sind, kürzen die Bundesstaaten ihre Hochschulbudgets. Allen Absichtserklärungen von Präsident Barack Obama zum Trotz, der die Großmacht in Sachen Bildung weiterhin zur Nummer eins in der Welt machen will, hat das öffentliche Hochschulwesen noch nie so wenig Geld vom Staat erhalten wie heute. Das Problem könnte sich noch verschärfen, wenn Obamas Konkurrent Mitt Romney die Wahlen am 6. November gewinnt.

Der Motor ist in Gefahr

Rund 1.700 öffentliche Universitäten und Colleges gibt es in den USA, gegenüber etwa 2.800 privaten Hochschulen. Finanziert werden sie in erster Linie von den Bundesstaaten, die kommunalen Einrichtungen auch von den Städten. So jedenfalls war es früher. Heute trägt die öffentliche Hand nur noch einen Teil der Ausgaben: Bei den großen Forschungsuniversitäten sind es laut dem Beratungsgremium National Science Board durchschnittlich 23 Prozent (Stand: 2010). Anfang der 1990er-Jahre waren es noch knapp 40 Prozent.

Allein im vergangenen Jahr sanken die Zuschüsse für Colleges im Durchschnitt um fast acht Prozent, zeigt ein Bericht der Illinois State University. Staaten wie Arizona haben ihr Collegebudget seit 2007 um fast ein Drittel zurückgefahren. Besonders prekär ist das, weil die Studentenzahlen im gleichen Zeitraum stiegen. Anders als Ausgaben, zu denen die Bundesstaaten gesetzlich gezwungen sind, wie Krankenversicherung für Arme (Medicaid), sind Ausgaben für Bildung freiwillig. Viele Gouverneure kürzen genau dort.

"Wer Investitionen in die Hochschulen zurückfährt, gefährdet Amerikas Zukunft."

Damit gefährden sie den Motor, der bisher entscheidend zur Dynamik der amerikanischen Gesellschaft beiträgt. Historischer Auftrag der öffentlichen Colleges war es, Kindern aus unteren Einkommensschichten zu einer Hochschulbildung zu verhelfen. Viele Einrichtungen verstehen sich auch heute noch als Tor zur Mittelklasse, wenngleich sie im Wettbewerb mit den Privaten verstärkt um Leistungsträger und Hochbegabte werben. Der Sparkurs der Bundesstaaten macht diese Mission zunichte. "Wer Investitionen in die Hochschulen zurückfährt, gefährdet Amerikas Zukunft", sagte Obamas Wissenschaftsminister Arne Duncan im August.

Die Folgen wiegen schwer. Die meisten öffentlichen Hochschulen haben die Gebühren drastisch erhöht, um fehlende Staatszuschüsse auszugleichen. An der University of South Carolina sind sie seit 2002 von 5.024 auf rund 8.100 Euro pro Studienjahr gestiegen. Selbst das kommunale Baruch College berechnet rund 3.800 Euro. Noch viel höher liegen die Gebühren für Studenten, die aus einem anderen Bundesstaat oder aus dem Ausland kommen. Ein Studienanfänger am College of Architecture & Urban Planning der University of Michigan beispielsweise zahlt in diesem Jahr 5.600 Euro – wenn er Landeskind ist. Wenn nicht: rund 16.100 Euro.

Weil Studenten aus anderen Bundesstaaten eine so gute Geldquelle sind, schicken einige Unis hauptamtliche Rekrutierer in die Nachbarstaaten, wo sie an High Schools Reklame machen. Studenten, die die Zusammenhänge nicht durchblicken und sich von Prospekten verführen lassen, zahlen drauf.

Selbst grenzwertiges Marketing reicht nicht, um den Wegfall der staatlichen Finanzierung zu kompensieren. Bei den Forschungsuniversitäten stiegen die durchschnittlichen Gebühren 2009 um 285 Euro pro Student. Der Staat jedoch zahlte pro Kopf 581 Euro weniger. Im Ergebnis werden Stellen gestrichen, Seminare vergrößert, Fakultäten dicht gemacht und Anforderungen in der Lehre gesenkt.

Um die Schere zu schließen, wird aus dem üblichen Fundraising ein Kampf um die Existenz. Öffentliche Hochschulen klopfen bei Alumni und großen Firmen an. In ihrem Werben um potente Geldgeber stehen sie inzwischen kaum noch hinter privaten Unis zurück. Am Baruch College machte sich auch Jeff Peck, unterstützt vom universitätseigenen Fundraising-Office, auf die Suche nach Sponsoren: "Man lernt, dass das Geld irgendwoher kommen muss."

Er hatte Erfolg. Mitten in der Krise akquirierte er unter anderem eine Millionenspende für einen Lehrstuhl für Lateinamerika-Studien. Spender, die den laufenden Etat aufstocken, sind schwer zu finden. Wer großzügig ist, will sichtbar sein, zum Beispiel auch durch einen Platz im Verwaltungsrat der Hochschule. Das bedeutet auch: Einfluss.

An der University of Virginia kam es in diesem Jahr zu einem massiven Konflikt, als der Verwaltungsrat die angesehene Präsidentin Teresa Sullivan entließ. In dem Gremium sitzt ein Gewährsmann des Hedgefonds-Managers, Alumnus und Großspenders Paul Tudor Jones. Die Vorsitzende ist Maklerin. Sie fanden die 62-jährige Soziologin zu wenig visionär. Nach Protesten von Professoren und Studenten wurde die Entscheidung zurückgenommen.

Hochschulbildung soll kein Luxus sein

Die Zukunft für Spitzenunis wie Virginia liegt womöglich in einer Privatisierung. Schon jetzt trägt der Staat bei solchen Einrichtungen weniger als zehn Prozent des Budgets. Doch was wird aus den Unis im Mittelfeld? Traditionell sind es die kommunalen Colleges, die Kinder von Einwanderern integrieren. "Es ist eine ökonomische Notwendigkeit und unsere moralische Pflicht, diese Familien zu erreichen", sagt Dan Hurley, Direktor bei der American Association of State Colleges and Universities. So sieht das auch Obama. "Hochschulbildung darf kein Luxus sein", ist sein Credo. Sein Ziel: Amerika soll bis 2020 weltweit die Nation mit den meisten Collegestudenten sein. Derzeit liegen die USA auf Platz 16.

 

Dafür schultert die Zentralregierung Lasten, die die Bundesstaaten nicht erbringen. So wurden etwa die Konditionen für Studentendarlehen erheblich verbessert; die Zahl der sogenannten Pell Grant-Empfänger – eine Art Bafög – stieg seit 2008 von sechs auf neun Millionen. Das ist eine gigantische Umverteilung. Die Studenten werden subventioniert, damit sie die höheren Gebühren zahlen können, die die Hochschulen erheben, weil sie zu wenig Zuschüsse von den Bundesstaaten bekommen. Im Studienjahr 2009/2010 verlangen öffentliche Hochschulen im Schnitt rund 14.300 pro Jahr. Das geht nicht ewig so weiter. "Die Bundesstaaten müssen Bildung zur Priorität machen, auch in schwierigen Zeiten", fordert Obama. Er kann das nicht anweisen. Doch er setzt Anreize. Für 2013 hat er ein Milliarden-Programm namens Race to the Top vorgeschlagen, das Staaten belohnt, die die Qualität ihrer Hochschulen verbessern.

Mitt Romneys Weg ist anders: Er will den Einfluss der Zentralregierung beschneiden. Die Kosten seien gerade deshalb gestiegen, weil die Bundesprogramme Verschwendung begünstigten. Mit ihm als Präsidenten werde Washington "Universitäten, die ihre Gebühren erhöhen, keinen Blanko-Scheck mehr ausstellen". Romney will "unnötige und ineffiziente" Hilfsprogramme abschaffen und Pell Grants nur noch Studenten geben, "die sie am meisten brauchen".

Deutsche Forscher wollen zurück

Unabhängig vom Wahlausgang müssen die öffentlichen Hochschulen bangen. Wenn sich Demokraten und Republikaner im Kongress nicht bis Ende Dezember auf einen gemeinsamen Plan für den Schuldenabbau einigen, treten automatische Kürzungen des Budgets 2013 in Kraft. Und die würden auch den Hochschulbereich treffen.

Aus deutscher Sicht haben die Probleme in den USA etwas Gutes. Immer mehr deutsche Wissenschaftler wollen jetzt zurück. Zumal seit der Finanzkrise auch an den privaten US-Hochschulen die Perspektiven keineswegs mehr so gut sind wie früher.

In New York kann Jeff Peck inzwischen aufatmen. In diesem Sommer einigten sich Gouverneur Andrew Cuomo und die Hochschulen auf einen Kompromiss: Der Staat hält seine Zuschüsse stabil, dafür erhöhen Colleges und Unis die Studiengebühren in den nächsten Jahren nur moderat. "Jetzt kann ich anfangen zu gestalten", hofft Peck, der vor kurzem zum Vizekanzler ernannt wurde. Daran, dass die Zuschüsse früheres Niveau erreichen, glaubt er nicht – ebenso wenig jedoch an eine flächendeckende Privatisierung der öffentlichen Hochschulen: "Wir haben immer noch ein anderes Selbstverständnis, eine eigene Mission."

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