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Angriff auf die freien Denker

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Quelle: Freeimages.com, pepo

Universitäten in Japan, Großbritannien und den USA verabschieden sich von ihren Geisteswissenschaften. Hält Deutschland dagegen?

Der Professor weiß noch genau, wie es ihm kalt den Rücken herunterlief, als er diesen "bösen Brief" aus seinem Postfach holte. Das Schreiben forderte Keiichi Aizawa, Leiter der germanistischen Fakultät der Universität Tsukuba auf, sein Institut solle eine "praktischere Bildung anbieten, die besser auf die Notwendigkeiten der Gesellschaft eingestellt" ist. Die Wörter "Geistes- und Sozialwissenschaften" fand er zusammen in einem Satz mit dem Verb "abschaffen". Unterschrieben hatte der damalige Bildungsminister Hakubun Shimomura. Er hatte sich nicht nur an die nördlich von Tokio liegende Universität Tsukuba gewandt, 60 weitere staatliche Universitäten erhielten den Brief.

Geht es nach der japanischen Regierung, kommt Asiens führende Forschungsnation, Heimat einer jahrtausendealten Bildungstradition, bald ohne Disziplinen wie Philosophie, Soziologie oder Linguistik aus. "Das kommt einem Selbstmord der japanischen Gesellschaft gleich", sagt Aizawa. Der Ministerbrief argumentierte kühl: Japan, umzingelt von wachsenden Schwellenländern, mangele es an Ingenieuren, Informatikern und Mathematikern, die Japans weltweit führende Robotik voranbrächten. Außerdem fehlten Pflegekräfte für die überalterte Gesellschaft.

Japanische Professoren befürchten die Aushöhlung der Gesellschaft

Das Erstaunliche: Prompt kündigten 26 Hochschulen an, den Regierungsforderungen nachzukommen. Offiziell sind Japans Universitäten unabhängig, aber ein Großteil ihres Budgets kommt vom Staat, und der hatte schon lange beschlossen, den Schwerpunkt der akademischen Ausbildung auf die Naturwissenschaften zu legen. In den geisteswissenschaftlichen Fächern der Universität Tsukuba sollen in den nächsten zehn Jahren 20 Prozent der Arbeitsplätze gestrichen werden, sagt der 60-jährige Aizawa. Wenn er in fünf Jahren in Rente gehe, verschwinde auch seine Stelle. Früher machten Leute wie er das Land schlauer, kritischer und weiser. Heute gibt man ihnen das Gefühl, sie kosteten vor allem Geld.

Der Angriff auf die Geisteswissenschaften fühlt sich für Aizawa an wie eine Aushöhlung der Gesellschaft von innen. Eine Marginalisierung von Kultur, Ideen und Werten. In der täglichen Arbeit beobachtet er seit Längerem einen Wandel. "Früher ließ man uns ziemlich frei forschen. Wir bekamen ein festes Budget, das wir ungebunden nutzen konnten. Heute müssen wir ganz genau erklären, wozu unsere Forschung nützlich ist."

Japans Entwicklung mag extrem erscheinen. Ihr liegt jedoch ein Trend zugrunde, der international zu beobachten ist: der Einzug des Effizienzdenkens in die Universität. Quer durch die Industrienationen der Welt lässt sich das Mantra vernehmen: Möglichst kleiner Input bei größtmöglichem Output. Ein betriebswirtschaftliches Konzept für Forschung und Lehre. Egal ob man die großen EU-Strategiepapiere des Lissabon-Vertrags oder des Bologna-Prozesses liest, die Debatten in den USA oder Großbritannien verfolgt: Überall kommen die Begriffe "Globalisierung" und "Wettbewerb" vor. Und häufig bedeutet dies, dass gerade die Geisteswissenschaften unter Legitimationsdruck geraten.

Die Lage in Großbritannien

Kai Spiekermann, Philosophieprofessor an der britischen London School of Economics (LSE), berichtet von einem ähnlichen Trend wie Keiichi Aizawa in Japan. Großbritannien verabschiedete Ende 2014 das "Research Excellence Framework", das die Richtlinien für Forschung neu festlegte. "Seitdem geht es bei unserer Arbeit immer stärker um impact", sagt Spiekermann. Es müsse immer eine Antwort darauf geben, welche direkten Auswirkungen die Forschung auf die reale Welt habe. Dahinter stehe das neue Ideal der Messbarkeit. Aber es sei eben kaum messbar, welche Auswirkungen zum Beispiel Spiekermanns Arbeit über die ethischen Dilemmata der Politik des Klimawandels wirklich hat. "In den Anträgen für Forschungsgelder sind wir immer versucht zu behaupten, dass wir genau wüssten, welche Wellen unsere Arbeit lostritt." Kai Spiekermann gesteht: "Unterbewusst achte ich bei solchen Anträgen bestimmt darauf, wie praxisrelevant meine Themen erscheinen. Grundlegende Arbeiten könnten so aus dem Fokus geraten."

Schon länger verschiebt sich in Großbritannien die Einnahmenstruktur der Unis – weg von öffentlichen Fonds, hin zur selbstständigen Mitteleintreibung. Dabei ziehen die Geisteswissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften oft den Kürzeren. Und das hat Folgen: Die Middlesex University hatte ihr Philosophieinstitut schon fast geschlossen, ehe es durch eine Unterschriftenaktion zunächst gerettet werden konnte. Der angesehenen School of Oriental and African Studies (SOAS) in London strich die Regierung die Subventionen für exotische Sprachen wie Urdu oder Indonesisch. Der Fortbestand solcher kleinerer Fächer ist ungewiss geworden. An der Universität Surrey denkt man wegen akuter Geldsorgen über die Eingliederung der politologischen Fakultät in die Wirtschaftswissenschaften nach. Überhaupt geht der Trend dahin, generalistische Masterstudiengänge anzubieten. Beliebte Kombination: Philosophy, Politics and Economics, ein inzwischen etabliertes Fach, das ursprünglich in Oxford entwickelt wurde. Inzwischen sucht man vielerorts nach immer weiteren Kombinationsmöglichkeiten – bei denen oft nur noch die Grundlagen vermittelt werden.

Schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Auch in den USA werden Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften häufig zusammen unterrichtet. In den klassischen Disziplinen wie Englisch, Geschichte, Philosophie und Fremdsprachen sinken seit Jahren die Studentenzahlen. Der Anteil der angehenden Geisteswissenschaftler an allen eingeschriebenen Bachelorstudenten im Jahr 2014 erreichte laut der American Academy of Arts and Sciences mit 6,1 Prozent den niedrigsten Wert seit 1948. Die Krise der Geisteswissenschaften ist in den USA nicht das Ergebnis eines politischen Masterplans. Das US-Bildungssystem ist derart dezentral organisiert, dass die Regierung in Washington kaum direkten Einfluss auf das Geschehen an den Universitäten hat. Dennoch sei auch die Politik dafür verantwortlich, glaubt Ellen Schrecker. Die Historikerin an der Yeshiva University in New York lehrt seit den 1970er Jahren und ist Autorin des Buchs The Lost Soul of Higher Education. "Seit Jahren streichen die Bundesstaaten ihre Bildungsbudgets zusammen, im Gegenzug steigen die Studiengebühren", sagt Schrecker. Die Zahlen geben ihr recht. Der Abschlussjahrgang 2015 war mit durchschnittlich 35.000 US-Dollar pro Absolvent so hoch verschuldet wie keiner zuvor. Kein Wunder: Die angesehenen Unis kosten heute pro Jahr um die 30.000 US-Dollar, egal in welchem Fach. Dabei stehen gerade für Geisteswissenschaftler die hohen Gebühren in einem starken Missverhältnis zu ihren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Auch deshalb erwarten die meisten Studenten und Eltern von heute vom Studium eine Berufsausbildung. "Bei dieser Prämisse wundert es mich nicht, dass die Uni-Direktoren den Geisteswissenschaften die Etats kürzen", sagt Schrecker.

Die renommiertesten Unis haben diese Probleme nicht, dort genießen Fremdsprachen, Philosophie und Geschichte weiter den Ruf der Unverzichtbarkeit. Es sind die Abgänger der zahlreichen Colleges, die immer weniger geisteswissenschaftliche Bildung erfahren. "All das, was einen informierten und kritischen Bürger ausmacht und zum Verstehen fremder Kulturen befähigt, bekommt man nur durch die Geisteswissenschaften", meint Schrecker. "Wenn diese Art von Bildung zusehends zu einem Luxusgut wird, kommen auf unsere Gesellschaft große Probleme zu."

Auch die deutsche Universitätslehre verschreibt sich seit einigen Jahren stärker der sogenannten employability, der Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt. "Im internationalen Vergleich ist die Lage der Geisteswissenschaften in Deutschland aber überdurchschnittlich gut – sowohl was Geld- als auch was Personalausstattung angeht", sagt Peter Strohschneider, einer der wichtigsten Geisteswissenschaftler dieses Landes, Professor für Mediävistische Germanistik und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. "Große Verbundforschung, wie zum Beispiel geisteswissenschaftliche Exzellenzcluster, gibt es im angelsächsischen Raum überhaupt nicht." Die geisteswissenschaftliche Forschung habe zwar auch in Deutschland nicht mehr die einzigartige Qualität des späten 19. Jahrhunderts, könne aber problemlos in der Spitzengruppe der internationalen Wissenschaft mitspielen. Für Strohschneider liegt die vergleichbar gute Situation der Geisteswissenschaften in Deutschland an der Tradition der humboldtschen Forschungsuniversität. "Wir begreifen die Geisteswissenschaften als Forschungsfächer wie alle anderen auch."

Trotzdem gibt es auch in Deutschland warnende Stimmen. In einem Positionspapier von 2011 mahnte der Wissenschaftsrat, der "Infrastrukturentwicklung für die Geistes- und Sozialwissenschaften in Deutschland mehr Aufmerksamkeit zu widmen". Dabei ging es um fundamentale, vergleichsweise kostengünstige Dinge wie Bibliotheken, Archive und Sammlungen, die seit Jahren an einer chronischen Unterfinanzierung litten.

Der Anteil der Drittmittelförderung hat auch in Deutschland deutlich zugenommen, mit den bekannten Problemen. "Wenn Sie sagen: Ich brauche noch 13 Millionen, und dann habe ich in zwei Jahren den Krebs endgültig geheilt, klingt das in manchen Ohren eben plausibler als: Ich brauche noch 150.000 Euro, dann habe ich in zwei Jahren den europäischen Petrarkismus völlig neu beschrieben", sagt Strohschneider.

Entsprechend gestaltet sich die Drittmittelverteilung. Während es Deutschlands Naturwissenschaften gelingt, ihre Budgets um knapp ein Fünftel mit Zusatzbudgets aufzustocken, kommen die Geisteswissenschaften auf keine zehn Prozent.

Sind deshalb auch in Deutschland die Geisteswissenschaften langfristig bedroht? Das Interesse der Studenten ist im vergangenen Jahrzehnt jedenfalls nicht gesunken. Die Zahl der angehenden Geisteswissenschaftler wuchs gemeinsam mit der Gesamtzahl der Studenten: Waren im Wintersemester 2005 noch 420.000 Studierende eingeschrieben, waren es 2014 schon eine halbe Million.

Noch trotzt das Land von Goethe und Nietzsche dem Niedergang des freien, effizienzunabhängigen Denkens.

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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