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Smartphone lesen Bahnhof Zeitung Mann [Quelle: Unsplash.com, Clem Onojeghuo]

Quelle: Unsplash.com, Clem Onojeghuo

Das Internet beschleunigt die Arbeit. Gleichzeitig versurfen wir viel Zeit und gucken ständig aufs Handy. Ist unsere Autorin im Schreibkloster ohne Netz produktiver?

So ähnlich habe ich mir immer eine Entzugsklinik vorgestellt. Ein Haus mitten im Nirgendwo, die Natur gleich vor der Haustür, der nächste Bäcker 20 Autominuten entfernt. Der Weckgong läutet um sieben Uhr, um 23 Uhr ist Nachtruhe. Dazwischen arbeiten die Teilnehmer dieses sogenannten Schreibaschrams in einer ehemaligen Scheune, in der es keinen Empfang gibt und auch nicht geredet werden darf. Internet darf man nur eine Stunde am Tag benutzen, von 17 bis 18 Uhr. Alkohol ist verboten. Mein Handy schalte ich aus und gebe es ab.

Zur Morgengymnastik um 7.30 Uhr komme ich zu spät, weil das abgegebene Smartphone auch meine einzige Uhr ist. Die anderen 19 Teilnehmer lassen gerade ihre Arme in der klirrenden Morgenluft kreisen.

"Optimales Arbeitsumfeld mit einer klosterähnlichen Tagesstruktur" – so erklärt die Werbebroschüre das Konzept. Schon seit vier Jahren bieten Ingrid Scherübl und Katja Günther die Schreibaschrams an. Die Freie Universität Berlin und die Universität der Künste schicken regelmäßig ihre Doktoranden zu ihnen. Aber auch Professoren, Autoren und andere Schreibende kommen hierher.

"Ich habe nachgerechnet, wie oft ich im Büro auf mein Smartphone gucke. Ich kam auf 122 Mal am Tag."

Ich schließe mich ihnen einen Tag lang an, weil ich nachgerechnet habe, wie oft ich auf mein Smartphone gucke. Ich kam auf 122 Mal am Tag. Und das, obwohl ich all die Arbeitsunterbrechungen nicht mitgerechnet habe, in denen ich E-Mails abrufe, Slack- und Facebook-Nachrichten beantworte und Nachrichtenseiten aktualisiere.

53 Mal am Tag gucken Deutsche im Schnitt täglich auf ihre Smartphones, das fand ein Informatikprofessor von der Universität Bonn heraus. Alle 18 Minuten unterbrechen sie dabei das, was sie gerade eigentlich tun. Bei mir nimmt das manchmal beunruhigende Auswüchse an. Ich wechsle kurz von meinem Word-Dokument zum Browser, um ein Wort nachzuschlagen, und finde mich 15 Minuten später im Facebook-Fotoalbum einer ehemaligen Mitschülerin wieder, mit der ich seit dem Abitur kein Wort gewechselt habe. Und habe keine Ahnung, warum ich überhaupt ins Internet gegangen bin. Wie ein Trinker, der im anderen Stadtteil aufwacht und nicht mehr weiß, wie er dahin gekommen ist – oder warum er überhaupt das Haus verlassen hat. Dann kehre ich zu meinem Dokument zurück, denke: "Ahh, dieses Wort wollte ich nachgucken", mache wieder den Browser auf … und mir passiert genau dasselbe noch mal.

Macht das Internet meine Arbeit wirklich effizienter?

Lange Zeit redete ich mir ein, das sei kein großes Problem. Das Internet machte mein Arbeiten schließlich effizienter: Kollegen eine Slack-Nachricht zu schreiben, ging schneller, als ans andere Ende des Großraumbüros zu laufen. Das Internet sparte mir Zeit, die ich sonst in Bibliotheken oder mit dem Wälzen von Wörterbüchern hätte verbringen müssen. In der Schlange am Schalter anzustehen, wenn man ein Zugticket für eine Geschäftsreise kaufen möchte, oder im Telefonbuch zu blättern, um einen Kontakt rauszusuchen – all das scheint heute unvorstellbar.

Doch die Geschwindigkeit hat einen Preis: Die Tatsache, dass ich alles sofort haben konnte, hat aus meiner Konzentration ein nervöses Schoßhündchen gemacht, das bei jeder Kleinigkeit zur Tür rannte. Ein Pling einer Nachricht – und futsch war sie weg.

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