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Acht Fälle, die das Bafög-Amt nicht länger ignorieren darf

Geld in der Tasche (Quelle: freeimages.com, ilco)

Quelle: freeimages.com, ilco

Jeder soll unabhängig vom familiären Hintergrund studieren können. Doch das jetzige Bafög fördert besonders schnelle und kluge Studenten. Wir stellen die Verlierer vor.

Jahrelang warteten Studenten auf eine Erhöhung des Bafögs, zuletzt war das 2010 geschehen. 2016 gibt es endlich mehr Geld, wenn auch viel zu spät und immer noch zu wenig, sagen Studentenvertreter. Aber das ist nicht das einzige Problem am Bafög, das doch eigentlich dafür sorgen soll, dass sich jeder ein Studium leisten kann, unabhängig vom familiären Hintergrund. Dieses System zeichnet Deutschland aus und funktioniert in vielen Teilen auch sehr gut. Doch es schließt auch einzelne Gruppen aus. Es geht immer noch vom durchschnittlichen Studenten aus, der behütet aufgewachsen ist, sich direkt nach dem Abi wohlüberlegt für ein Studium entscheidet und dort ausschließlich gute Noten schreibt. Hier die acht Fälle, die das Bafög-Amt nicht länger ignorieren sollte:

1. Die Spätanfänger: Studenten über 30

Wenn das Bafög-Amt an einen Studenten denkt, sieht es einen Ersti, männlich oder weiblich, 18 oder 19 Jahre alt. Dieser Ersti umarmt seine Eltern, packt die Klamotten in die Kiste und startet ins Abenteuer Studium. Dazu bekommt er, wenn die Eltern nicht gut genug verdienen, Unterstützung vom Bafög-Amt. Aber wehe, der Ersti hat erst einmal eine Ausbildung gemacht, vielleicht noch ein paar Jahre im Job gearbeitet und ist, oh je, schon über 30 Jahre alt. Dann mag er zwar mehr Erfahrung haben, wissen, was er wirklich machen möchte, ist je nach Job aber genauso pleite wie der 18-Jährige. Geld vom Bafög-Amt bekommt er trotzdem nicht, seine Eltern unterstützen ihn in diesem Alter vermutlich auch nicht mehr. Ähnliches gilt für Master-Studenten, die dürfen zu Studienbeginn ihr 35. Lebensjahr nicht vollendet haben. Es gibt zwar ein paar Ausnahmen, in denen auch älteren Studenten Förderung bewilligt wird, aber die sind ziemlich rar. Der häufigste Grund: Verzögerung der Ausbildung, weil man ein Kind bekommen hat.

Fakt ist: Die Zahlen von älteren Studenten steigen seit Jahren, während Unternehmen gleichzeitig gar nicht mehr so zufrieden sind mit den 21-jährigen Bachelor-Abgängern. Es wird Zeit, das Studium noch attraktiver für Spätentschlossene zu machen.

Was sagt eine Betroffene?

Meile-Andrea Schroeder aus Bielefeld: "Ich musste mein ganzes Studium lang arbeiten gehen, weil meine Eltern selbstständig sind und ein sehr unregelmäßiges Einkommen haben. Zwischendurch bin ich wegen der Studiengebühren kaum zum Studieren gekommen. Außerdem kam ich durch einen Fachwechsel erst mal in eine Warteliste. Nun werde ich im Oktober 35 Jahre alt und bekomme somit kein Bafög für mein Masterstudium. Trotzdem kämpfe ich weiter; ich habe mich mit zwei Nebenjobs arrangiert und komme so über die Runden, dass ich immerhin nicht die ganze Zeit Nudeln mit Tomatensoße essen muss."

2. Die Nebenjobber: Studenten, die zu lange brauchen

Das Studentenleben war einmal ein Traum von Freiheit. Endlich mal Zeit, Dinge auszuprobieren, zu experimentieren, Neuanfänge zu wagen. Schön und gut, wenn die Eltern das zahlen. Die einen studieren lange, weil sie diese Freiheit nutzen wollen, die anderen noch länger, weil sie neben dem Studium arbeiten müssen, weil eben auch das Bafög meist nicht reicht. Doch Studenten, die zu lange brauchen, sind im System nicht vorgesehen. Wer nach vier Semestern keine ausreichenden Leistungspunkte vorweisen kann, fliegt sofort aus der Förderung. Und länger als die Regelstudienzeit ist aus Prinzip auch nicht drin, das fällt dann in die Kategorie "Überschreitung der Förderungshöchstdauer". Ein bis zwei Semester länger gehören aber zur Realität an Unis und sollten deshalb gefördert werden.

Das sagt ein Betroffener:

Felix Schwerter (Name geändert) aus Köln: "Ich habe sechs Semester Bafög und dabei keine Unterstützung von meinen Eltern bekommen. Jetzt bin im siebten Semester und damit kurz vor dem Ende meines Bachelorstudiums. Das liegt daran, dass ich ein Auslandssemester gemacht habe, von dem ich gewisse Scheine nicht anrechnen lassen konnte. Außerdem habe ich erst keinen Praktikumsplatz bekommen, den unsere Uni normalerweise uns Studenten zuteilt. Trotzdem erhalte ich kein Bafög mehr. Da ich jetzt anfange, meine Bachelorarbeit zu schreiben, ist es zeitlich sehr schwierig, arbeiten zu gehen. Nebenbei muss ich noch einen 30-seitigen Praktikumsbericht schreiben. Wahrscheinlich bin ich gezwungen, einen Kredit aufzunehmen."

3. Die Gentrifizierer: Studenten, die in einer Großstadt wohnen

Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sagte vor Kurzem, sie wolle ein Bafög, das "sich an der Lebenswirklichkeit orientiert". Bitteschön, hier die Lebenswirklichkeit: Auf 298 Euro durchschnittliche Mietkosten aller deutschen Studenten, 358 Euro in München, 359 Euro in Köln und 351 Euro in Hamburg, kommen gerade einmal 224 Euro Wohnungspauschale vom Bafög. Insgesamt müssen Studenten im Durchschnitt 794 Euro monatlich für ihren Lebenshaltungsunterhalt aufbringen – in München sogar 902 Euro, in Köln 893 Euro und in Hamburg 888 Euro. Diese Zahlen stammen von 2012, seitdem dürften sie weiter gestiegen sein. Gleich geblieben ist dagegen jahrelang die Geldsumme, "die Auszubildende nach der Vorstellung des Gesetzgebers typischerweise für ihren Lebensunterhalt und ihre Ausbildung benötigen", nämlich 670 Euro. Ab Herbst 2016 dann immerhin 735 Euro, aber selbst die nächste Erhöhung ist ungewiss. Eine automatische Erhöhung, die sich an die Lebenshaltungskosten anpasst, würde gerade den Studenten in den teuren Städten Sicherheit geben.

4. Die Bedürftigen: Studenten, die ihr Geld sofort brauchen

Nach dem Bafög-Antrag braucht es vor allem eins: Geduld. Die Formblätter sind so kompliziert, dass mehr als 90 Prozent der Anträge unvollständig eingereicht werden und nachträglich ergänzt werden müssen. Wer erst zu Semesterbeginn seinen Antrag stellt, wartet oft Monate, bis der erste Euro überwiesen wird. Die Anfangszeit des Studiums ist aber oft die schwierigste, wenn noch eine Wohnung gesucht und erste Lehrmaterialien besorgt werden müssen. Was also tun? Wenn das Amt nach zehn Wochen immer noch nicht gezahlt hat, ist es verpflichtet, wenigstens einen Vorschuss von maximal 360 Euro zu leisten – aber nur, wenn der Bafögantrag so vollständig wie möglich ausgefüllt wurde. Zahlt das Amt dennoch nicht, kann man per einstweiliger Verfügung gegen das Amt vorgehen. Dabei braucht es offensichtlich mehr Mitarbeiter im Amt.

Das sagt eine Betroffene:

Maike Schmidt aus Kiel: "Seit August habe ich kein Geld mehr vom Bafög-Amt erhalten. Was ich machen würde, wenn es endlich kommt? Zuerst würde ich zum Friseur gehen. Da war ich das letzte Mal vor zwei Jahren. Mir mal wieder etwas gönnen. Neue Klamotten wären auch schön. Schuhe zum Beispiel, denn meine jetzigen haben alle Löcher."

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