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Studier was Vernünftiges!?

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Quelle: Unsplash.com, Jake Ingle

Herr Beckmann, Sie sind Arbeitsmarktexperte. Sollte man bei der Studienwahl vor allem auf gute Jobaussichten achten?

Ralf Beckmann: An erster Stelle sollten immer die eigenen Interessen und Fähigkeiten stehen. Je besser man sich einschätzen kann und je klarer man weiß, in welche Richtung man will, desto aussichtsreicher ist eine Berufswahlentscheidung. Erst wenn man das für sich herausgefunden hat, sollte man sich den Fragen nach den Realisierungsmöglichkeiten, dem Arbeitsumfeld, den Arbeitsbedingungen und den Perspektiven widmen.

Ist es nicht vernünftiger, sich zuerst den Arbeitsmarkt anzuschauen?

Nein. Denn in einem Beruf, der gute Chancen bietet, einem aber nicht liegt, ist man eher nicht erfolgreich. Man engagiert sich nicht so stark, ist weniger bereit, sich weiterzubilden, flexibel zu sein – das sind aber alles wichtige Faktoren, die über den Erfolg am Arbeitsmarkt mitentscheiden. Ich empfehle daher, einen Beruf zu wählen, bei dem man mit dem Herzen dabei ist. Mit Blick auf die demografische Entwicklung kann man sagen: In jeder Branche werden Fachkräfte gebraucht, in jedem Beruf gibt es Nachwuchsbedarf, man hat also überall Chancen.

Aber die sind ungleich verteilt. Es gibt zum Beispiel kaum ausgeschriebene Stellen für Geisteswissenschaftler.

Das ist richtig. Bei allen Fächern, die nicht direkt für einen Beruf ausbilden, ist es schwieriger, einen Arbeitsplatz zu finden. Das gilt zum Beispiel für die Sprach- und Kulturwissenschaften und für Geschichte, aber auch für Fächer wie Politik-, Sozial- oder Medienwissenschaften. Man muss sehen, dass die Zahl der Arbeitsplätze in diesen Bereichen überschaubar ist.

Und die Absolventen sind dann arbeitslos?

Nein, das ist selten der Fall. Sie brauchen aber oft länger, um einen Job zu finden, und nur bei zwei von drei Absolventen hat die Arbeit inhaltlich etwas mit dem zu tun, was sie studiert haben. Fachfremd zu arbeiten muss aber nicht per se schlecht sein, wenn das Niveau der Stelle stimmt. Die meisten schaffen es im Laufe der Zeit, dieses Ziel zu erreichen. Bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern zum Beispiel haben fast 90 Prozent fünf Jahre nach ihrem Abschluss einen adäquaten Job. Man muss allerdings auch sagen, dass das für die restlichen gut zehn Prozent eben nicht gilt. Sie üben einen Beruf aus, der nichts mit dem Studium zu tun hat, auch nicht was die Bezahlung, den Anspruch oder die Position angeht. Zum Vergleich: Bei den Bauingenieuren haben nur vier Prozent eine solche inadäquate Tätigkeit, bei den Maschinenbauern ebenfalls vier Prozent. In der Physik sind es null Prozent.

Was bedeutet das für Studienanfänger in den Geisteswissenschaften?

Vor allem, sich nicht zurückzulehnen nach dem Motto: Jetzt habe ich eine Entscheidung getroffen, und die Sache mit dem Berufseinstieg vertage ich. Natürlich darf man sich erst mal auf sein Fach konzentrieren, sollte den Berufsstart aber immer im Hinterkopf behalten. Man sollte Praktika machen, Studenten aus höheren Semestern nach ihren Erfahrungen befragen, Messen besuchen, ein Netzwerk aufbauen.

Welche Fächer sind besonders gefragt, wenn die Studienanfänger von heute fertig sind?

Der konkrete Fachkräftebedarf der Zukunft ist kaum vorauszusehen. Deshalb geben wir von der Bundesagentur für Arbeit keine Prognosen ab. Aber natürlich können wir sagen, wo im Moment Leute gesucht werden. Wir sehen zurzeit überdurchschnittlich gute Arbeitsmarktchancen für IT-Berufe und Ingenieure. Auch Ärzte, Wirtschaftsfachleute und Sozialarbeiter und -pädagogen werden stark nachgefragt.

"Damit kann man alles machen", heißt es oft mit Blick auf BWL. Richtig gedacht?

Da ist was dran. Das Spektrum an Arbeitsplätzen für Betriebswirte geht über eine Vielzahl an Branchen und Standorten. Man hat einen großen Markt mit über zwei Millionen Arbeitsplätzen in Deutschland und kann auf Schwankungen gut reagieren. Gibt es im Rechnungswesen wenig freie Stellen, geht man eben in den Vertrieb. Allerdings muss auch ein BWLer ein Profil entwickeln und legt sich damit ein Stück weit fest.

Zahlt sich ein Studium eigentlich aus?

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat errechnet, dass Hochschulabsolventen im Laufe ihres Berufslebens im Schnitt fast eine Million Euro mehr verdienen als Facharbeiter mit Berufsabschluss. Aber nur im Schnitt! Man kann nicht pauschal sagen, wer studiert, verdient automatisch gut. Es gibt Akademiker, die weniger bekommen als Fachkräfte mit einer Berufsausbildung. Aber wenn man fragt, ob das Studium die richtige Entscheidung war, sagen die meisten: Ja, das würde ich wieder machen. Daran sieht man, dass ein Studium nicht nur für den Arbeitsmarkt qualifiziert, sondern einen auch persönlich weiterbringt. Und in diesem Sinne kann man auf jeden Fall sagen: Es lohnt sich.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Und die Absolventen sind dann arbeitslos? Nein, das ist selten der Fall. Doch, das ist sehr häufig der Fall. Klar, irgendwie verdient man schon sein Geld, im Zweifel als Kellner oder was auch immer (Vertrieb eines Onlinehandels als Germanist ist ein Beispiel in meinem Bekanntenkreis), aber das kann doch nicht der Lebensplan sein? Außerdem ist man dann als Akademiker de facto "arbeitslos", auch wenn man irgendeinem Job nachgeht und sein Geld verdient. Das Studium ist doch dann eine persönliche und volkswirtschaftliche Fehlinvestition, denn meistens zahlt es sich noch nicht mal gesellschaftlich aus. An seinem Traum zu scheitern, frustriert und deprimiert auch in erster Linie. Also ich finde solche Ratschläge ehrlich gesagt verantwortungslos. Wenn man ein Fach studiert, das wenig nachgefragt ist, muss man darin super, super gut sein, damit man etwas damit anfangen kann. Dagegen gibt es eine Menge Fächer, wo man eben auch als Mittelmaß einen adäquaten Akademikerjob finden kann. Diese beiden Sachen muss man gegeneinander abwägen unter einer realistischen Einschätzung, ob man eher super, super gut im Traumstudiengang ist oder doch leichter ordentliches Mittelmaß im Vernunftstudiengang 2. Ob man unglücklicher ist, wenn man am Traumstudiengang scheitert oder wenn man in einem nicht ganz so begeisternden Fach realistische Erfolge einfährt. Ob man als studierter Germanist im Onlinevertrieb glücklicher ist als als halbgarer Informatiker in der Software-Entwicklung? Nur weil man 5 Jahre lang eher seinen Interessen nachgegangen ist? Das Berufsleben geht 45 Jahre oder länger, das darf man nicht vergessen. Zusätzlich wird man ja älter und mit dem Alter verliert sich der Idealismus, dafür will man sein Leben realistisch gut gestalten. Man verändert sich ja. Am besten ist es natürlich, wenn man die Extreme so miteinander verbinden kann, dass man relativ sicher anständige Jobaussichten hat und dennoch die Chance, mit den eigenen Talenten richtig viel aus sich rauszuholen. Wenn man die richtigen Nischen findet. Durch die Flexibilität und die Interdisziplinarität der Hochschulen heutzutage ist es sehr einfach geworden, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Niemand hindert einen mehr daran, Informatik mit Nebenfach Literaturwissenschaften zu studieren oder BWL mit Nebenfach Mathematik oder Maschinenbau mit Nebenfach Musikwissenschaften. Sowas kann man an vielen Universitäten organisieren, man muss ich nur etwas anstrengen. Wenn dann ein Autobauer einen Sound für seine Elektroautos sucht (weil man die hören soll aus Sicherheitsgründen) oder Verlage eine neue IT-Struktur brauchen oder die BWL immer quantitativer wird, wird man glücklich und hat ein gutes Auskommen. Oder man hat eben ein gutes Auskommen.

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