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Endlich ankommen

Reise, Weg, Koffer [Quelle: pixabay.com, Autor: josealbafotos]

Quelle: pixabay.com, josealbafotos

Alle suchen den Ort, der zu einem passt. Woher weiß man, ob man ihn schon gefunden hat? Kommt man eigentlich irgendwann an? Und was ist überhaupt Heimat?

Die hässlichen Nachkriegshäuser, Kölsch in zu kleinen Gläsern, Junggesellenabschiede auf den Ringen, in der Luft der Geruch von 4711 – und dann nur 25 Kilometer entfernt von Bonn, meinem Zuhause: Niemals wollte ich in Köln studieren. Ich wollte bloß mal testen, wie ein Bewerbungsverfahren an einer Journalistenschule so abläuft, deshalb hatte ich mich dort beworben. Ich wollte vorbereitet sein auf die Aufnahmegespräche an den Schulen in München oder Berlin. Vor allem aber wollte ich in eine Stadt weit weg von zu Hause ziehen.

Dann kam der Brief mit der Zusage, und ich nahm den Platz an. Weil ich stolz war, es unter mehr als 300 Bewerbern geschafft zu haben. Und weil es bequem war. Anders als meine Freundinnen musste ich nach dem Abi kein WG-Zimmer finden, ich musste keine neue Stadt und keine neuen Freunde kennenlernen. Ich hatte in Bonn einen Nebenjob im Café Göttlich, das es heute nicht mehr gibt, und blieb erst mal in meinem alten Kinderzimmer. Die Entscheidung, wo ich in den nächsten Jahren leben sollte, traf ich nicht aktiv. Ich überließ das einfach jemand anderem, der Leiterin meiner Journalistenschule.

Später bekam ich ein Jobangebot aus Frankfurt, dann eins aus Hamburg. Wieder traf ich nicht für mich eine Entscheidung, sondern zog dem Job hinterher – erst nach Frankfurt, dann nach Hamburg. Hier lebe ich seit vier Jahren und viele beneiden mich um den Wohnort (Elbe! Reeperbahn!), wenn auch nicht um den Regen. Aber was wäre, wenn ich mich wirklich selbst entscheiden müsste: Bin ich hier richtig?

Wie findet man den Ort, an dem man zu Hause sein kann? Ist man angekommen, wenn der Bäcker einem ohne zu fragen das Franzbrötchen einpackt? Könnte es woanders schöner sein?

1. Was passt zu mir?

Viele meiner Freunde mieteten den Sprinter für ihren ersten Umzug im Oktober nach dem Abi. Die Fahrt dauerte meist fünf Stunden auf der Autobahn und führte direkt zum Studium. Einmal fuhr ich mit: als Theresa nach Freiburg zog. Zuerst war Theresa sehr melancholisch – klar, wenn die Eltern einem hinterherwinken. Aber als wir die Musik laut drehten, ich glaube es war zur Wir-sind-Helden-Zeit, war da nur noch Abenteuerlust. 58 Prozent der Studenten ziehen für ihr Studium um, das geht aus einer aktuellen Umfrage der Wirtschaftsprüfung Deloitte hervor. Für viele ist die Frage, wo man studiert, mindestens so wichtig wie die Frage, was man studiert. Doch welcher Ort ist der richtige?

Wem wichtig ist, dass man jederzeit alles haben kann, der sollte in die Großstadt ziehen. Dorthin, wo man bis 22 Uhr bei Penny einkaufen kann. Wo man auf Ausstellungseröffnungen umsonst schlechten Wein trinken kann. Und wo die Auswahl an Kneipen, die schon am Montagabend voll und verraucht sind, unübersichtlich groß ist, genauso wie die Zahl möglicher Tinder-Dates. Ich finde das toll – in Bonn gab es das nicht.

Die Schriftstellerin Ronja von Rönne ist 24 und lebt in Berlin, mehr Großstadt geht nicht. Für die Welt ist sie kürzlich aufs Land gefahren, um herauszufinden, ob es sich dort besser lebt. Sie beschreibt das Großstadtleben pessimistischer als ich: Dort lebten "Menschen, die aus lauter Langeweile Frutarier werden, schlecht bezahlte Praktika annehmen und in sehr kleinen Zimmerchen wohnen, um sich das Fixie-Bike leisten zu können." Auf dem Land gebe es keine verpassten Events, nur ein Ankommen. Sie schreibt: "Das Land ist Beschränkung und massenhaft Zeit, und selbst der dämlichste Hobbybuddhist ahnt, dass das näher am Glück sein könnte als die nächste Eröffnung eines temporären Showrooms."

Es gibt auch ein Großstadtleben außerhalb von Showrooms, aber richtig ist: Wer freitags nicht unbedingt auf fünf Partys gehen will, statt in der einen WG zu versacken, wo eh alle sind, wer zur Uni gern mit dem Rad über Kopfsteinpflaster rollt, der muss nicht in die Metropole, der kann auch in Bonn bleiben. Ich empfehle eine WG in der Altstadt. Dort ist es schön, aber ich finde auch: Das kann nicht alles sein.

2. Was verpasse ich?

Schon nach vier Jahren in Hamburg habe ich manchmal das Gefühl, dort alles zu kennen. In der Toastbar etwa, einer kleinen Bar im Schanzenviertel, in der man die Erdnussschalen auf den Boden wirft (ja, die Bar, über die auch Fettes Brot singt), war ich schon zu oft. Dort höre ich oft die gleichen Gespräche und sehe oft dieselben Menschen. Ich brauche eine neue Stammkneipe, aber vielleicht brauche ich noch mehr: nicht nur neue Menschen, sondern eine andere Kultur. Nicht nur neuen Gesprächsstoff, sondern eine andere Sprache. Und wenn meine Kollegin Laura im Nebenzimmer in einwandfreiem Spanisch (so hört es sich an) telefoniert, werde ich wehmütig.

Ich habe die Chance verpasst, in einem anderen Land ein zweites Zuhause zu finden. Im Gegensatz zu mir gehen über 30.000 deutsche Studenten jedes Jahr mit dem Erasmus-Programm ins Ausland. Dort lernen sie ein bisschen in der Uni und ein bisschen mehr die Sprache. Vor allem erlernen sie dort eine Eigenschaft, die sie im Leben wirklich weit nach vorne bringt: Durchhaltevermögen. Sie halten durch: lange Nächte, üblen Kater und Liebeskummer, das belegt meine Facebook-Timeline. Doch sie müssen es in der Ferne so toll gefunden haben, dass nur knapp ein Viertel der Befragten in der Deloitte-Erhebung sagt, sie würden für ihre Arbeit später nicht ins Ausland gehen. Nach dem Studium sind 70 Prozent bereit, in einem anderen europäischen Land als in Deutschland zu arbeiten. Knapp die Hälfte der deutschen Absolventen kann sich sogar vorstellen, für einen Job in die USA zu ziehen.

Wer sich also fragt, ob sich eine Zeit im Ausland lohnt, der weiß zumindest: Die meisten bereuen den Schritt nicht. Habe ich verpasst, das Fernweh in mir zu wecken? Und wäre das schlimm? Denn natürlich muss niemand ins Ausland: Englisch lernt man auch auf dem Sofa mit House of Cards, und Jobchancen erhöhen sich laut einer neuen Studie vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln nicht, nur weil man im Ausland gelebt hat.

Auch ich war nicht bloß in Köln. In den Semesterferien habe ich sechs Praktika gemacht, in Redaktionen in Starnberg, Hamburg (zweimal), Berlin (zweimal) und in New York. Ich habe gesehen: Landleben, Großstadt, Norden, Osten, Süden, Westen und die USA. Aber sosehr ich mir nach vier Jahren manchmal Neues wünsche: Weggehen hieße auch, alles zurückzulassen. Will ich nicht eigentlich irgendwo ankommen?

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Schöner Artikel. Danke für persönliche Note :) Mir kommt da auch Einiges bekannt vor und dabei gibt es ja auch noch all diejenigen die unfreiwillig ihre Heimat aufgeben müssen, um irgendwo anders hoffentlich etwas zu finden, was für sie "Heimat" oder zumindest ein "zu Hause" sein kann.

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