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Müssen jetzt alle studieren?

Studenten lernen Prüfung Prüfungsvorbereitung (© fotolia.com - olly)

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In Deutschland gibt es heute mehr Studienanfänger als Auszubildende. Die Akademisierung wird unsere Gesellschaft verändern. Zum Guten.

Die Hosen der jungen Männer sitzen tief, die der Frauen eng. Bunte Kopftücher und Baseballkappen drehen sich zu einem Auto, das langsam vorbeirollt, die Fensterscheiben heruntergefahren, aus dem Inneren wummern Bässe.

Eine spätsommerliche Szene – nicht vor einer Kleinstadteisdiele, sondern auf dem Campus der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen. Dass die Männer und Frauen Studenten sind, sieht man ihnen nicht an, aber man kann es hören, wenn man die Begrüßung "Ey, Alder" und das darauffolgende Geräusch aneinanderklatschender Hände abwartet. Es ist dann die Rede von "Modulen", "Professoren", "Creditpoints".

So wenig elitär ist heute das Leben an einer deutschen Hochschule. "Fack ju Göhte" statt Humboldt.

Noch nie haben in Deutschland so viele Menschen studiert. An den Hochschulen sind über 2,6 Millionen Studenten eingeschrieben, das sind rund 800.000 mehr als vor zwanzig Jahren. Im Wintersemester, das gerade begonnen hat, haben fast eine halbe Million junge Menschen ein Studium aufgenommen – mehr, als Auszubildende eine Lehre begonnen haben. Inzwischen geht die Hälfte eines Jahrgangs an die Uni, und die Studenten kommen aus allen Milieus. Es ist heute normal, dass im Hörsaal ein türkisches Arbeiterkind neben einem deutschen Professorensohn sitzt. 70 Prozent der Studenten an der Westfälischen Hochschule kommen aus Nichtakademikerfamilien, 40 Prozent haben einen Migrationshintergrund.

In atemberaubendem Tempo verwandelt sich das Land in eine Akademikerrepublik. Bei der OECD werden sie das mit Genugtuung sehen. Die Industrieländerorganisation wirft Deutschland seit Langem vor, zu wenig Akademiker zu haben. Andere Staaten wie die USA oder die Niederlande haben, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, doppelt so viele. Jetzt holt Deutschland auf.

Das klingt modern, aber ist es auch gut? Werden nun tatsächlich immer mehr Menschen immer gebildeter – oder erkaufen wir uns den Fortschritt mit sinkenden Bildungsniveaus? Erleben wir gerade die explosive Vermehrung von Aufstiegschancen – oder den intellektuellen Abstieg der Nation der Dichter und Denker? Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie aus immer mehr studierten Leuten besteht – wer macht dann noch die einfachen Arbeiten? Wenn selbst Hebammen, Altenpfleger und Erzieher einen Hochschulabschluss machen, wenn alle unsere Politiker studiert haben – fehlt diesem Land dann nicht womöglich etwas: eine gesunde Bodenständigkeit?

Heute könnten, wenn sie wollten, nahezu 70 Prozent aller Deutschen studieren. Die Berechtigung dazu kann man längst nicht mehr nur an Gymnasien erwerben, sondern auch an Gesamtschulen, Berufskollegs, Fachoberschulen. In Baden-Württemberg kommen inzwischen die meisten Studienanfänger über diese Wege an die Hochschule. Auch jeder, der einen Meistertitel oder eine abgeschlossene Berufsausbildung und Praxiserfahrung hat, darf studieren. An der Westfälischen Hochschule besitzen 60 Prozent der Studenten kein klassisches Abitur.

Man kann das als Bildungsgerechtigkeit bejubeln. Man kann sagen: Der Blick auf den Campus der Westfälischen Hochschule beweist, dass das soziale System Deutschlands endlich durchlässig wird. Oder man kann es sehen wie Julian Nida-Rümelin.

Nida-Rümelin ist Philosophie-Professor an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität in München. Vor zwölf Jahren gehörte er als Kulturstaatsminister zum Kabinett des Bildungsaufsteigers Gerhard Schröder. Julian Nida-Rümelin ist ein Mann der SPD, die in den siebziger Jahren den Slogan "Bildung für alle" erfand. Ausgerechnet dieser Mann hat nun ein wütendes Buch mit dem Titel Der Akademisierungswahn geschrieben. Er findet, die zunehmende Akademisierung sei ein "verhängnisvoller bildungsökonomischer Irrtum". Sie drohe die Unis zu ruinieren und die berufliche Bildung gleich mit.

An einem Abend im Oktober ist er nach Hamburg gekommen, um bei der Körber-Stiftung seine Thesen zu erklären. Er tut dies witzig und wortgewandt. Er zitiert Hegel, Aristoteles, Kant und eine Menge Statistiken, die ihn alle bestätigen. Er lobt die Ausbildung von Tischlern und Erzieherinnen, die um Gottes willen nicht zu ihm an die Uni kommen sollen.

Im Publikum sieht man häufiges Nicken. Der Professor trifft mit seinen Thesen den Nerv vieler Bildungsbürger.

Gerade ist er zurück von einem mehrwöchigen Schreibaufenthalt in Italien und wieder angekommen in den Mühen der deutschen akademischen Tiefebene. Das Semester hat begonnen, wieder einmal muss er feststellen, dass ein Großteil seiner Studienanfänger für das wissenschaftliche Arbeiten ungeeignet ist – obwohl die Anforderungen gesunken seien. Das sei von der Politik so gewollt, sagt Nida-Rümelin, und es klingt resigniert. "Die Politik", zu der er sich nicht mehr zählt, lässt ihm seine schöne Uni mit unfähigen Abiturienten volllaufen. Er findet, sie sollten stattdessen lieber einen Ausbildungsberuf erlernen.

Ist das der Dünkel eines Professors? Will er es den jungen Leuten verwehren, zu studieren?

"Nein", sagt Nida-Rümelin, "ich will sie vor dem Scheitern bewahren." Denn auch das gehört zur Hochschulwirklichkeit von heute: Jeder dritte Student bricht sein Studium ab.

Ein Dienstagnachmittag im Hörsaal 1 der Westfälischen Hochschule. "Quantitative Methoden für Wirtschaftsjuristen" heißt die Vorlesung von Ralf-Michael Marquardt, genannt "der Exmatrikulator", weil bei ihm so viele Studenten durchfallen. Marquardt steht hinter einem Pult und schreibt Zahlen und Formeln auf eine elektronische Tafel. Binomische Formeln, Berechnung von Absolutwerten, das Pascalsche Dreieck.

In Reihe sieben auf einem der Holzklappstühle sitzt die Studentin Mabel de la Rosa: Lacklederstiefel, künstliche Fingernägel, eine Flasche Mezzomix und einen Rechenblock vor sich. Mabel de la Rosa, geboren in der Dominikanischen Republik, ist 22 und kam mit acht Jahren nach Deutschland. Vor der Vorlesung hat sie von ihrem Vater erzählt, der Maurer war und Paketzusteller, und von der Mutter, die fand, das Kind müsse nicht aufs Gymnasium: "Wenn du später putzen gehst, bist du doch auch meine Tochter."

Jetzt hat Mabel keine Zeit mehr, zu plaudern, denn vorne formuliert der Professor die Aufgabe: Wenn der Radius eines Kreises um einen Meter zulegt, um wie viel legt das Volumen einer Kugel mit dem gleichen Radius zu? "Jetzt sind Sie gefordert!", ruft der Exmatrikulator und lächelt maliziös. Die Studenten machen sich ans Rechnen. Mabel kommt gut voran. Sie lässt sich nicht irritieren von ihren Kommilitonen, die immer aufgeregter diskutieren, wie diese Frage zu beantworten sei, bis Marquardt poltert: "Ich entschuldige mich bei all denen, die das können. Und ich schäme mich, das an der Hochschule machen zu müssen. Das ist Stoff der achten Klasse. Nehmen Sie Ihr altes Schulbuch zur Hand!"

Dass sie hier sitzen darf, hat Mabel sich hart erkämpft. Schon in der Schulzeit musste sie viel lernen, mehr als andere. Sie ist keine Überfliegerin. Aber sie will hoch hinaus, so hoch, wie sie es schaffen kann.

Nach der Realschule hat Mabel eine Lehre zur Industriekauffrau gemacht. Sie hatte Spaß an der Arbeit, aber hätte sie den 45 Jahre lang gehabt, ohne Aussicht auf Karriere oder viel mehr Gehalt? Sie sagt: "Ich hatte das Gefühl, das ist eine Sackgasse, ich muss da raus."

Also: Fachabitur neben der Ausbildung nachgeholt, lernen abends und am Wochenende. Der Vater stürzt von einem Baugerüst und sitzt fortan im Rollstuhl. Mabel besorgt ihm Anwälte, streitet sich für ihn mit der Krankenversicherung herum – und ist fasziniert von der Welt der Juristen. So kommt sie in diese Lernfabrik aus Glas und Beton im Ruhrgebiet. Ihr Studienfach: Internationales Wirtschaftsrecht. Im ersten Semester – ein Jahr ist das her – staunt sie darüber, wie viel man als Student lesen muss. Und über die lateinischen Begriffe, die sie nicht kennt. Sie mag Lacklederstiefel tragen, aber Zeit, in ihnen auszugehen, hat sie nicht. Es macht ihr nichts aus. "Wenn ich meinen Bachelor habe, bin ich der glücklichste Mensch der Welt", sagt Mabel.

Es ist nicht der Hunger nach Erkenntnis, der die Studenten von heute in die Seminare treibt – es ist der Hunger nach Aufstieg. Viele von ihnen streben nicht nach geistiger Unabhängigkeit, suchen nicht nach den großen Gedanken, hoffen nicht darauf, die Welt zu verändern. Sie hoffen auf gute Karrierechancen und ein höheres Einkommen – das erfuhren Hochschulforscher bei einer Befragung von Studienanfängern des Jahrgangs 2012.

In Gelsenkirchen kommen die Studenten mit dem Auto zum Lernen, der Parkplatz ist fast so groß wie die ganze Hochschule. Nachmittags fahren sie wieder nach Hause, zu ihren Eltern, bei denen sie wohnen. Menschen, die vor dreißig Jahren studiert haben, die in WG-Küchen die Nächte durchdiskutierten, mögen das unromantisch finden. Und wahrscheinlich ist es das auch.

Die Universitäten sind überfüllt, ein Professor kümmert sich im Schnitt um 64 Studenten. Auf die Raumnot haben die Hochschulen reagiert, indem sie Seminare abends bis 22 Uhr und samstags stattfinden lassen. Wo der Platz nicht reicht, werden Kinosäle, Kirchen und Container angemietet. Die Uni Göttingen mag aktuell ihren 14. Nobelpreisträger hervorgebracht haben, aber Erstsemester müssen in der Stadt auf Feldbetten in alten Schulgebäuden schlafen.

Trotzdem schreckt die Massenuniversität die jungen Leute nicht ab. Sie drängen in Scharen nach höheren Abschlüssen. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen.

Die Frage ist, ob diese Studenten auch bekommen werden, wovon sie träumen: einen gut bezahlten Job.

Es gibt ein Klischee, das gern bemüht wird, wenn Nichtakademiker über Akademiker lästern: das des Taxi fahrenden Germanisten oder Soziologen. Das Klischee ist so abgenutzt wie falsch, wie eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft belegt. Demnach haben lediglich 0,12 Prozent aller Taxifahrer in Deutschland einen Hochschulabschluss, davon fast alle einen aus dem Ausland, der hier nicht anerkannt wird. Wer ein Studium erfolgreich abschließt, muss keine Sorge haben, arbeitslos zu werden, noch nicht mal, wenn er Geisteswissenschaftler ist. Die Arbeitslosigkeit von Akademikern liegt bei 2,4 Prozent. Das kommt einer Vollbeschäftigung gleich. Viel spricht dafür, dass das so bleiben wird. Denn eine hochspezialisierte Volkswirtschaft braucht gebildete Arbeitskräfte.

Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) verdient ein durchschnittlicher Universitätsabsolvent im Laufe seines Lebens mehr als 2,3 Millionen Euro – rund eine Million Euro mehr als jemand, der eine Berufsausbildung hat.

Laut Berechnungen der OECD betragen die staatlichen Kosten für die Hochschulausbildung eines Mannes in Deutschland knapp 60.000 Euro, inklusive der dem Staat während des Studiums entgangenen Einkommensteuer. Auf der Habenseite stehen allerdings mehr als 255.000 Euro, die der Staat später durch Steuern und Sozialbeiträge von einem Akademiker einnimmt. Am Ende verdient der Staat 196.987 Euro. Bei Frauen ist der Effekt bei längeren Kindererziehungszeiten geringer, aber immer noch positiv.

Akademiker leben statistisch gesehen nicht nur gesünder, treiben mehr Sport und ernähren sich bewusster. Sie sind auch häufiger ehrenamtlich aktiv als andere. Alles Dinge, die nicht nur dem Einzelnen, sondern auch den Krankenkassen, dem Staat, der Gesellschaft zugutekommen.

Vor vierzig Jahren noch brauchten in Deutschland nur Lehrer, Mediziner und Juristen einen Universitätsabschluss. Das funktionierte in einem Land, das Kohle exportierte und Arbeiter benötigte, die diese Kohle aus den Minen holten. Heute ist Deutschland ein Land ohne Rohstoffe. Der Wohlstand rührt von dem, was in den Köpfen der Menschen steckt.

Die Berufswelt wird komplexer, selbst für einfache Tätigkeiten wird immer mehr Wissen benötigt. Früher reichte eine kaufmännische Lehre, um einen Betrieb zu leiten, heute muss man sich als Chef auch um Marketing und Personalentwicklung kümmern und dafür Betriebswirtschaftslehre studiert haben. Wer heute als Tischler eine Wendeltreppe fertigt, muss komplizierte Computersoftware beherrschen. Bauleiter sind mittlerweile oft keine Poliere mehr, sondern Bauingenieure, die sich mit Haftungsrecht und energieeffizientem Dämmmaterial auskennen.

Früher konnte es noch ein Müllermeister wie Michael Glos (CDU) oder ein gelernter Industriekaufmann wie Franz Müntefering (SPD) zum Minister bringen. In der jetzigen Bundesregierung sitzen erstmals nur noch Studierte. Es ist nicht gesagt, dass sie eine bessere Politik machen als ihre Vorgänger. Aber: Diese Männer und Frauen regieren ein Volk, das selbst zunehmend aus Akademikern besteht. Viele Leute wünschen sich heute mehr Politiker aus dem Volk. Sie vergessen, dass das Volk bald ein Akademikervolk ist.

Es ist nicht die erste Debatte über den Akademisierungswahn, die Deutschland erlebt. Schon in den fünfziger Jahren gab es eine große Angst vor zu vielen Hochqualifizierten. Damals bezweifelte man, dass es sinnvoll sei, Volksschullehrer oder Zahnärzte studieren zu lassen oder den Ingenieursberuf zu verwissenschaftlichen. Als an den Universitäten auch kaufmännisches Wissen gelehrt wurde, glaubte man, die Absolventen dieser Studiengänge würden später als Angehörige eines "akademischen Proletariats" ein trauriges Dasein fristen. Nichts davon ist eingetreten. Die Absolventen fanden gut bezahlte Jobs, sie sorgten dafür, dass deutsche Unternehmen weiterhin die Weltmärkte dominieren. Hätte man auf die Warnungen gehört, wäre die Bundesrepublik heute kein führendes Industrieland.

Der Bildungsforscher Manfred Prenzel, Professor an der TU München, steht dem Wissenschaftsrat vor, dem wichtigsten wissenschaftspolitischen Berater- gremium. "Wenn wir über zu viele Akademiker reden", sagt er, "erinnert mich das an den Satz: Das Boot ist voll. Das ist Unsinn." Der Arbeitsmarkt habe bislang alle Hochschulabsolventen gut aufgenommen. Schon aus demografischen Gründen müssten alle ein hohes Interesse daran haben, die weniger werdenden jungen Menschen bestmöglich auszubilden. Wer da von Akademikerschwemme spreche, so Prenzel, "schreckt damit junge Leute aus bildungsfernen Familien ab".

Die Gesellschaft braucht Studenten wie Mabel de la Rosa. Und deshalb ist es gut, wenn gerade diejenigen, für die es nicht einfach ist, zu studieren, besonders unterstützt werden.

Als Mabel zum ersten Mal in ihrem Leben eine Hochschule betrat und in der Schlange vor dem Studierendensekretariat darauf wartete, sich einzuschreiben, zog eine Uni-Mitarbeiterin sie zur Seite. Die Frau hielt den Lebenslauf in der Hand, den Mabel samt Passfoto eingereicht hatte. Sie sagte, Mabel habe eine Chance, in die Talentförderung der Uni aufgenommen zu werden und ein Stipendium zu bekommen. Ob sie sich nicht bewerben wolle. "Das wirkte alles unwirklich", erinnert Mabel sich. Jemand glaubte, dass sie Talent habe und dass dies gefördert werden solle?

Die Mitarbeiterin war von Suat Yilmaz geschickt worden. Yilmaz ist von Beruf Talentscout – der bislang einzige an einer deutschen Hochschule. Der ehemalige Streetworker geht in Schulen, 170 Mal im Jahr, manchmal auch in Familien und versucht, begabte Jugendliche für ein Studium zu begeistern. "Wir können es uns nicht leisten, sozial benachteiligte Kinder links liegen zu lassen", sagt er. "Viele von denen haben Potenzial, man muss es nur freischaufeln."

Talent hat für Suat Yilmaz nicht allein der Einser-Abiturient, sondern auch jemand, der mit fünf Geschwistern aufwächst, für seine Eltern die Behördengänge macht und trotzdem die Fachhochschulreife mit einem Schnitt von 2,5 schafft.

Auch Mabel passte in Yilmaz’ Beuteschema: Einwandererkind, die Eltern Arbeiter, das nachgeholte Fachabitur, seit Jahren beim Deutschen Roten Kreuz – auch gemeinnütziges Engagement sieht er gern. Und die Noten waren gut.

Yilmaz hat Mabel de la Rosa ein Stipendium der Mercator-Stiftung vermittelt, sie erhält 300 Euro im Monat, das Programm nennt sich Studienpioniere. Mittlerweile gibt es viele solche Förderprogramme, um Kinder aus bildungsfernen Familien zu einem Studium zu ermuntern. Das Bundesbildungsministerium fördert den Aufstieg durch Bildung mit 250 Millionen Euro im Jahr. Doch dass eine Hochschule gezielt junge Leute auswählt und sie mit Stiftungen und staatlichen Stellen in Kontakt bringt, ist einmalig.

Suat Yilmaz sieht sogar Talente bei Studenten, die jemand wie Julian Nida-Rümelin gar nicht als studierfähig ansehen würde. Yilmaz betrachtet das pragmatisch: Dann holt die Hochschule eben nach, was die Schulen versäumt haben. Wie bei dem kasachischen Aussiedlerjungen, der brillant ist in Physik, aber die Textaufgaben nicht versteht. An der Westfälischen Hochschule in Gelsenkirchen kann er einen Deutschkurs besuchen. "Sollen wir den wieder wegschicken?", fragt Yilmaz. Gerade in den sogenannten Mint-Fächern – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – fehlen derzeit nach Berechnungen der Arbeitgeberverbände rund 50.000 Fachkräfte. Da will Yilmaz niemanden zurückweisen.

Es mag absurd klingen: Die Hochschulen müssen mit viel Aufwand und hohen Kosten ihre Studenten fit machen für das Studium, während Unternehmen händeringend qualifizierte Bewerber für eine berufliche Ausbildung suchen. Wäre mancher Studienanfänger in einem Betrieb nicht besser aufgehoben? Oder anders gefragt: Nimmt Suat Yilmaz den Betrieben die Lehrlinge weg?

Bei der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen, zwei Kilometer von der Westfälischen Hochschule entfernt, tun sie sich schwer mit der Antwort. "Wir sehen das problematisch", sagt Carsten Taudt vorsichtig. Er ist bei der IHK für Bildung zuständig. Taudt sitzt im Haus der IHK an einem riesigen blank polierten Holztisch, an dem vor fünfzig Jahren die Zechendirektoren ihren Platz hatten. Damals, als in Gelsenkirchen noch die Kohle für Arbeitsplätze sorgte. Heute verliert die Stadt jedes Jahr rund 2.000 Einwohner. Die Menschen ziehen weg. Hoch sind nur die Arbeitslosigkeit und die Schulden. "Die Betriebe brauchen gar nicht so viele Akademiker", sagt Taudt, "uns fehlen die beruflich Gebildeten."

Was Taudt nicht sagt: Es gibt gar nicht genug Lehrstellen im nördlichen Ruhrgebiet; viele Betriebe bilden nicht mehr aus. Ein Studium ist für manche Jugendliche die einzige Perspektive nach der Schule. Und: Die Betriebe machen sich ungern Mühe mit Jugendlichen, die nur einen einfachen oder keinen Schulabschluss haben. Die gelten als nicht ausbildungsreif. Während die Hochschule Gelsenkirchen es auf sich nimmt, schlecht vorbereitete Studienanfänger in ihr System einzugliedern, lassen viele Unternehmen schwache Jugendliche links liegen. Vielleicht brauchte die IHK einen Suat Yilmaz, der in die Schulen geht und den Schülern sagt, welche spannenden Ausbildungsberufe es gibt?

Die IHK sammelt lieber die Studienabbrecher von den Hochschulen ein und vermittelt ihnen eine Berufsausbildung. Modellprojekte wie "Und morgen: Meister!" und Speed-Dating mit Firmenvertretern sollen Abbrecher in die Praxis locken. So sollen beide Seiten profitieren. Aber selbst wenn das gelingt, empfinden viele den Studienabbruch als Scheitern.

Christian Ebert möchte deshalb nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Wie Mabel de la Rosa hat er Internationales Wirtschaftsrecht an der Westfälischen Hochschule studiert. Das Fach fand er "richtig spannend". Erst lief alles gut, er machte Praktika, ging ins Ausland. Doch dann verpatzte er die vorletzte Prüfung, Arbeitsrecht. Da stand er da, 31 Jahre alt, exmatrikuliert, ohne Abschluss.

Christian Ebert fiel in ein Loch. "Ich habe Panik bekommen, ich hatte Angst um meine Zukunft", sagt er. Die IHK hat ihm dann eine Lehrstelle vermittelt. Jetzt lernt Ebert bei einem Modeunternehmen das Handwerk des – Industriekaufmanns. Eine Karriere wie die von Mabel de la Rosa, nur in umgekehrter Reihenfolge. "So eine Ausbildung ist etwas Solides", sagt er, "zum Geldverdienen." Nur die Berufsschule findet er "bizarr". Zwischen all den um die 20-Jährigen kommt er sich vor, "als wenn ich seit Jahren nachsitzen muss". Er musste sich wieder daran gewöhnen, dass ihm das Wissen so vorgefertigt vermittelt wird wie in der Schule. Ihm fehlen das selbstständige Arbeiten, der breite Horizont. Während seines Studiums war Ebert mit einem Professor mehrere Male in den USA, er hat ein Jahr in Irland studiert. "Solche Erfahrungen macht man in der Ausbildung nicht."

Christian Ebert ist ein Kind der Bildungsexpansion. Seine Geschichte zeigt, dass die Akademisierung Risiken hat. Aber dass sie nicht aufzuhalten ist.

Ebert nimmt jetzt einen neuen Anlauf, er hat sich an der Fernuni Hagen eingeschrieben, berufsbegleitend, für Jura. "So schnell gebe ich nicht auf", sagt er. Mit der Berufsausbildung sichert er sich ab, mit dem Studium strebt er nach mehr.

Der Traum vom Studium – er ist nicht einmal bei jemanden totzukriegen, der die Universität als Ort des Scheiterns erlebt hat.

Mitarbeit: Martin Spiewak

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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