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Abgesang auf die Akademiker

Hochschulabsolventen [© 1dbrf10 - Fotolia.com]

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Die neuen Technologien steigern die Nachfrage nach gut ausgebildetem Personal nicht – im Gegenteil. Computer übernehmen die qualifizierte Arbeit, vom Arzt bis zum Juristen.

Bisher hatte man als Akademiker in Österreich relativ sicher einen Job. Doch wer weiß, wie lang noch. Nicht nur klassische Routineberufe – vom Busfahrer bis zum Bibliothekar –, sondern auch verschiedenste Akademikerjobs – vom Arzt bis zum Juristen – könnten demnächst einer Revolution zum Opfer fallen: der künstlichen Intelligenz. Oder anders ausgedrückt: den brillanten Robotern. "In Österreich wird seit Anfang der 1990er in der hochschulischen Qualifikation kräftig expandiert, das war richtig", sagt die österreichische Volkswirtschaftlerin Dalia Marin, die an der LMU München lehrt. "Aber mittlerweile ist Vorsicht angesagt, weil es starke Anzeichen dafür gibt, dass die Technologie die qualifizierte Arbeit – also Personen mit Hochschulabschluss – ersetzt und in Zukunft die Nachfrage nach Hochqualifizierten geringer wird."

Grund: das sogenannte zweite Maschinenzeitalter, wie es die beiden MIT-Forscher Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee in ihrem gleichnamigen Buch nennen. In den vergangenen fünf Jahren seien enorme Durchbrüche erzielt worden, was die künstliche Intelligenz angehe, sagt Marin: Computer lösen mit unheimlich vielen Daten, mächtiger Computerkraft und intelligenter Software Probleme. "Bisher ist man davon ausgegangen, dass diese neuen Technologien dazu führen werden, dass die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit, also nach hoch ausgebildeten Leuten, steigen wird." Inzwischen sehe es aber anders aus.

Weniger Nachfrage

Das zeige sich etwa anhand der sogenannten Skillprämie – das ist das, was ein Hochqualifizierter mehr verdient als ein weniger qualifizierter Arbeitnehmer. Darin bildet sich ab, wie es mit Angebot und Nachfrage von Hochqualifizierten aussieht. Und in den Vereinigten Staaten, Vorreiter bei neuen Technologien, sei diese Prämie zuletzt nicht gestiegen, sagt Volkswirtschaftlerin Marin. "Hätte die Technologie die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit gesteigert, dann hätte die Skillprämie steigen müssen."

In Österreich entwickelt sich dieser Indikator zwar derzeit in die Gegenrichtung – dafür gibt es verschiedene mögliche Gründe, zum Beispiel, dass die Produktionsverlagerung derzeit eher in das niedrig qualifizierte China gehe statt nach Osteuropa. Was aber nicht heißt, dass die mittelfristige Prognose für Österreich nicht gilt. "Dass die brillanten Technologien tendenziell hoch qualifizierte Personen ersetzen, anstatt die Nachfrage nach ihnen zu erhöhen, ist ein Merkmal der Technologie und nicht länderspezifisch", sagt Marin.

Dass qualifizierte Arbeit durch Roboter ersetzt wird, ist längst keine Zukunftsfantasie mehr: In den USA gibt es eine Rechtsanwaltssoftware, die innerhalb von Sekunden alle relevanten Präzedenzfälle findet. Oder eine Software, die – basierend auf massenhaft Daten – innerhalb kürzester Zeit medizinische Diagnosen stellt und so Ärzte ersetzt. Kopfarbeit und Wissensarbeit werden durch den Computer ersetzt.

Wie weit geht das, was bleibt dann noch für den Menschen? Es gibt eine These in der Wissenschaft, wie diese neuen Technologien wirken: die sogenannte Polarisierungshypothese. "Alles, was irgendwie in Richtung Routinearbeit geht – von der Diagnose über die juristische Recherche bis zur administrativen Arbeit – wird wegrationalisiert", sagt Marin. Schlecht sind die Computer bei komplexen Aufgaben – im hoch qualifizierten Bereich wie im niedrig qualifizierten. Das bedeutet: Was bleibt, sind (auf der hoch qualifizierten Seite) etwa Jobs im Management oder solche, die ein hohes Ausmaß an Kreativität verlangen. Auf der anderen etwa Altenpfleger, Krankenpfleger, Handwerker.

Schlechter als Babys

Nicht so leicht ersetzt werden könne auch alles, was Interaktion mit der physischen Welt verlange, sagt Marin: "Das ist derzeit noch die Schwäche der Computer. Die Maschinen übertreffen bei Intelligenztests den Menschen. Aber ihre motorischen Fähigkeiten reichen nicht andie eines einjährigen Kindes heran. Es wird wohl noch einige Jahrzehnte dauern, bis sie hier an den Menschen herankommen."

Was sollen wir dann eigentlich noch lernen? Welche Fähigkeiten braucht es dann wirklich, wenn – in 20, 30 oder 40 Jahren – diese Prognosen Realität werden? Kreativität, soziale Kompetenz, intuitives Denken, meint Marin. Und bloß keine zu starke Spezialisierung. "Man sollte eine Ausbildung wählen, die nicht berufsspezifisch ist, sondern die lehrt zu lernen. Die fähig macht, analytisch zu denken", sagt Marin. "Vielleicht ist ein Studium der Philosophie nicht ganz verkehrt."

Grundsätzlich müsse man es sich aber reiflich überlegen, ob man einen akademischen Abschluss anstrebe oder nicht. "Politisch wird die Frage auf den Tisch kommen: Wollen wir eine Gesellschaft haben, in der alle einen Hochschulabschluss haben, weil das für uns einen Wert darstellt? Dann muss man aber damit rechnen, dass diese Hochqualifizierten entweder arbeitslos sind oder ein niedriges Einkommen haben.2

Szenarien, wonach es zu Massenarbeitslosigkeit kommen wird, hält Marin für möglich. "Die Frage ist, ob durch die neuen Technologien eine Nachfrage nach neuen Produkten erzeugt wird, die neue Beschäftigung schafft."

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