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Abschluss Universität USA Abschlussfeier [Quelle: Unsplash.com, Caleb Woods]

Quelle: Unsplash.com, Caleb Woods

Vorbild Amerika: Die Abschlussfeiern an den Hochschulen werden zum großen Finale. Es kann gar nicht feierlich genug sein – und was gestern als spießig galt, ist heute cool.

Draußen wird schon der Sekt gekühlt, drinnen kocht der Saal: Eine indische Familie mit Kleinkind auf dem Arm steht ratlos im Gang vor Reihe zwanzig – wo sind bloß die zwei Plätze geblieben, die ihnen die Einladung der Hochschule versprochen hatte? "Bitte gehen Sie weiter, Sie versperren uns die Sicht", zischen Gäste auf weinroten Klappsesseln hinter ihnen, denn vorne hat längst der Einzug begonnen.

Hunderte junge Menschen betreten den Konzertsaal bei feierlicher Musik, sie tragen Schärpen in unterschiedlichen Farben. Rot steht für den Bachelor of Science, Blau für den Master, Grün für die Promotion. Dann noch das, was man in den Vereinigten Staaten als "mortarboard", Mörtelbrett also, oder auch als Barett kennt: schwarze Kappe, quadratische Platte drauf, baumelnde Quaste an einer Seite. Willkommen bei der 23. Absolventenfeier der Technischen Universität Hamburg, kurz TUHH.

Ein Festakt mit Chor

Ein Festakt, der von Pauken und Trompeten, einem A-cappella-Chor sowie studentischen und professoralen Festtagsreden begleitet wird – und sich über drei Stunden zieht. Schließlich wird jeder Absolvent namentlich auf die Bühne gebeten, von seinem Dekan per Handschlag begrüßt und von Vertretern des Vereins "Alumni und Förderer der TUHH" mit Urkunde und Kaffeebecher mit Hochschul-Logo geehrt.

Dazu noch Einzelfotos auf der Bühne und Gruppenfotos in den Musikpausen – ein durchgetakteter logistischer Kraftakt, um den der Moderator nicht zu beneiden ist: Er muss rund 350 Namen aus 23 Ländern dieser Welt möglichst richtig aussprechen. Da ist es fast schon ein Segen, dass nur gut die Hälfte der Absolventen auch tatsächlich zum Festakt erschienen sind.

Tristesse war gestern

Das Beispiel steht für einen Trend: Zentrale Abschlussfeiern für die Absolventen sind en vogue, und Vorbilder aus dem angloamerikanischen Kulturraum greifen um sich. Wer sich einen Überblick verschaffen will, sucht unter den Stichwörtern "2017" und "Absolventenfeier" nach Videoclips im Netz und findet Talare, lateinische Sprache und namhafte Sponsoren an der Universität Bonn oder Sonnenblumen und fliegende Strohhüte an der Universität Lübeck. "Das Abschlussritual wird schon sehr individuell angepasst", sagt Margaretha Schweiger-Wilhelm.

Die Ethnologin hat auf dem zweiten Bildungsweg über Leitbilder einer neuen akademischen Festkultur promoviert. Zuvor hatte die frühere Asta-Sekretärin an der Universität Augsburg jahrelang beobachten können, wie schwer sich die Absolventen mit dem formlosen Ende ihres Studentenlebens taten: "Eine muffige Mitarbeiterin des Prüfungsamtes überreicht das Zeugnis – und das war es dann."

Generation Kindergeburtstag

Für die Volkskundlerin hat die Rückbesinnung auf traditionelle Abschlussrituale zwei Triebkräfte: Auf der einen Seite sind es die Studierenden, die seit der Bologna-Reform zwar international kompatible Studienabschlüsse erwerben konnten, aber eine amtliche Würdigung erst einfordern mussten. Schweiger-Wilhelm spricht von der "Generation Kindergeburtstag". Denn: "Für alles, was man erreicht hat, wird man gefeiert, vom ersten verlorenen Milchzahn bis zum Führerschein. Aber an der Universität fühlt man sich plötzlich als Nummer." Dass es auch anders gehen kann, lernte diese Generation zunehmend über gestreamte Serien aus dem amerikanische Campusleben. "Das hat eine Vorbildfunktion entwickelt", sagt die Referentin der Bayerischen Amerika-Akademie München.

Auf der anderen Seite stehen die Hochschulleitungen selbst, die internationalen Vorbildern nacheifern. Den Absolventen ihr Diplom einfach so mit der Post zuzustellen sei lieblos und unpersönlich gewesen, sagt Jasmine Ait-Djoudi, Sprecherin der TUHH. Vor allem nahm es der Hochschule die Möglichkeit der Begegnung, des Austausches und der Verankerung. "Der Studienabschluss sollte den Absolventen in positiver Erinnerung bleiben, um so die Bindung an die TUHH zu stärken", sagt Ait-Djoudi.

Eine Feier für jedes Semester

Schon vor zwanzig Jahren hat die Technische Universität eine Absolventenfeier eingeführt, damals noch in der Hauptkirche der Stadt, zusammen mit der Handwerkskammer: "Ingenieure und Meister sind jeweils Meister ihres Faches." Zehn Jahre später waren die studentischen Absolventenzahlen so groß geworden, dass man auf eine eigene Feier pro Semester setzte. Fünf Jahre später brachte ein neuer Präsident Vorbilder für einen würdigen akademischen Abschluss aus seinem Studium an einer amerikanischen Universität im Libanon mit.

Eine Kopie, das weiß auch Margaretha Schweiger-Wilhelm. In den Vereinigten Staaten sei das College der Ort, wo junge Leute viele Jahre in Gemeinschaft lebten, lernten und selbständig würden – eine Art Zweitfamilie: "Ihre Eltern bezahlen zudem einen Haufen Geld dafür, sie sind Kunden und die Hochschule der verlängerte Arm der Familie. Das ist nicht vergleichbar." In Deutschland dagegen sei die Universität aus Sicht der Studierenden nichts weiter als eine Lehranstalt, die Wissen für die berufliche Zukunft vermittele. Die Bindung und die Bereitschaft zur ideellen und finanziellen Unterstützung seien weniger stark ausgeprägt.

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