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24 Jahre Single

Anfang, Angst, Karrierestart [Quelle: tempus corporate, Getty Images]

Quelle: tempus corporate, Getty Images

Sina ist normal hübsch, normal beliebt, aber ihre erste große Liebe hat sie erfunden. Warum hatte sie noch nie einen Freund?

Prolog

Sina* ist 24 Jahre alt, sie studiert in Bremen.

"Auf der Zehner-Abschlussparty habe ich zum ersten Mal betrunken rumgeknutscht, mit einem Jungen aus der Parallelklasse. Der Kuss war feucht und schmeckte nach Wodka Bull. Trotzdem war er wichtig für mich, denn danach ist sehr, sehr lange nichts mehr passiert.

Ich komme aus einem kleinen Dorf in Süddeutschland, zwischen Ulm und dem Bodensee. Hier auf dem Dorf fängt man früh an: mit dem Saufen, mit dem Daten – sonst gibt es nämlich einfach nicht viel zu tun. Deshalb mache ich mir auch schon lange Gedanken über die Liebe und verstehe bis heute nicht die Gesetze, nach denen sie funktioniert. Ich habe ganze Tagebücher gefüllt, um herauszufinden, warum meine Freundinnen schon mit 15, 16, 17 einen Partner gefunden haben und ich nicht.

Ich trug die cooleren Klamotten, war weder dick noch hässlich, und ich konnte den besten Flickflack im ganzen Dorf – nur das schien die Jungs nicht zu interessieren. Es war, als wäre ich unsichtbar. Ab der elften Klasse wurde es unerträglich: Meine besten Freundinnen haben ständig Pärchenabende gemacht und sind zusammen nach Ulm zum Feiern gefahren, wo ihre älteren Freunde wohnten.

1. & 2. Semester

So weit weg wie nur möglich habe ich mir gedacht und bin zum Studieren nach Bremen gezogen. Alles war neu, alles war aufregend. Die WG mit dem Balkon und der Hängematte im Flur, das Studium, die Partys. Wir haben gefeiert, bis die Bäckerei um die Ecke wieder aufgemacht hat, stundenlang über Macht und Herrschaft bei Rotwein diskutiert und sind am Wochenende an die Ostsee gefahren. Über die ganzen neuen Erfahrungen habe ich meine eigenen Liebessorgen fast vergessen.

Ein Semester lang habe ich keinen Gedanken daran verschwendet, was mit mir eigentlich nicht stimmt, bis ich mich in den Mitbewohner meiner Freundin verliebt habe. Wir haben zusammen Silvester gefeiert, den ganzen Abend ein Raclette-Pfännchen geteilt und lustige Doppeldecker-Käsesandwiches gebastelt. Wir haben uns kurze Zeit später alleine getroffen, zum Schlittschuhlaufen. Da hat er mir von seiner Freundin in Göttingen erzählt und ich war total gelähmt, zumindest für einen Nachmittag. Mittlerweile sind wir gut befreundet, und ich habe mich damit abgefunden. 

Aber in meinem Kopf haben die Fragen nicht aufgehört: Was hat seine Freundin, was ich nicht habe? War es einfach nur Zufall, dass die beiden sich früher getroffen haben? Hätte er sich denn in mich verliebt, wenn es niemand anderen gäbe? Gesagt, was ich wirklich für ihn fühle, habe ich nie. Das habe ich überhaupt noch nie jemandem gesagt.

3. & 4. Semester

Irgendwann hat der Trott mich dann auch in Bremen wieder eingeholt. Ich habe gute, wirklich enge Freunde gefunden, aber es ist auch alles routinierter geworden. Meine beiden besten Freundinnen sind in Beziehungen, ich der Single; bei ihnen großes Liebesdrama, bei mir Flaute. Wir haben viel über Jungs gesprochen: Wer wie tickt, wie hot jemand ist, wie komisch sie sich verhalten.

Ich habe mir eine Geschichte ausgedacht, um mitreden zu können: Ein Typ, der mich früher mies hat sitzen lassen – Björn habe ich ihn genannt. Björn, meine erste große Liebe, habe mich mit einer blöden Dorftussi betrogen und sei dann völlig aus meinem Leben verschwunden. Damit kam ich ganz gut durch. Ich schäme mich sehr dafür, aber die Angst, mich zu blamieren und als Liebesloser dazustehen, war einfach größer.

Das Lügen passierte fast automatisch, als sei es ein Schutzreflex. Einfach zuzugeben, dass ich noch nie mit jemandem geschlafen habe, das hätte ich nicht gepackt, auch vor meinen engsten Freundinnen nicht. Mit 22 Jahren noch keine Beziehung gehabt zu haben, das ist ja etwa so undenkbar, wie noch nie in einem Flugzeug gesessen zu haben – dachte ich zumindest. 

Eine Zeit lang habe ich auf Foren wie Absolute Beginner rumgehangen, das ist für Leute wie mich, die noch nie in einer Beziehung waren und noch nie Sex hatten. Ich habe viel gelesen, mich aber nie angemeldet. Das Ganze hat mich erst richtig deprimiert: Da waren so viele Verzweifelte, Gamer und Informatikstudenten, eben die Klischees von Typen, die mit dem echten Leben ohnehin nicht in Berührung kommen.

Das hatte einfach nichts mit mir zu tun: Ich bin ja ganz normal, irgendwie normal hübsch, normal beliebt, alles normal, außer mein Liebesleben halt. Dann habe ich mich in die Erasmus-Bewerbung gestürzt. Lissabon, mein nächstes Ziel!

5. & 6. Semester

Auch in Lissabon hat das mit der Ablenkung gut geklappt: Die Stadt und die Sprache haben mich gefangen, die Erasmus-Leute erst recht. Nach zwei Wochen hatte ich manchen Leuten mein ganzes Leben anvertraut. Claire, einer französischen Freundin, habe ich auch zum ersten Mal erzählt, was los ist. Sie ist das Gegenteil von mir: Sie rutscht von einer Beziehung in die nächste Affäre und hat zwischendrin drei Männern das Herz gebrochen. Aber sie hat einfach so ehrlich und direkt gefragt, dass es mir plötzlich leicht fiel, darüber zu sprechen. Claire hat mir das Gefühl gegeben, dass es überhaupt nicht schlimm ist, sich nicht auszukennen.

Sie hat mein Leben einfach in die Hand genommen und mich wingwoman-mäßig allen vorgestellt, wie man das aus How I met your mother kennt. Das war oft peinlich, aber wir hatten viel Spaß, und ich konnte das Flirten üben. Ein paar Mal habe ich auf Partys rumgeknutscht. Im Sommersemester hatte ich dann ein Date mit Jon, einem Engländer, ganz süß, aber eigentlich nicht mein Typ. Wir saßen am Tejo, haben eine Flasche Wein getrunken. Dann hat er vorgeschlagen, zu sich nach Hause zu gehen, und wir haben noch eine Flasche Wein getrunken. Und dann habe ich es einfach gemacht. Augen zu und durch.

Epilog

Im Rückblick war das erste Mal unbeeindruckend, aber die Erleichterung riesig, es hinter mir zu haben. Irgendwie ist es ein entscheidender Unterschied, zu wissen, was man da die ganze Zeit verpasst hat. Ich fühle mich, als gehöre ich jetzt zu diesem Club der Wissenden. Seit ich aus Lissabon wieder zurück bin, gehe ich entspannter mit dem ganzen Sexthema um. Ich habe mich auf Tinder und OKCupid angemeldet und bin nicht mehr so verkrampft mit meinem Single-Sein. Das geht nur, weil ich mich nicht mehr wie der dümmste Anfänger aller Zeiten fühle. Dafür bin ich Claire und Jon echt dankbar.

Leider kann man die Liebe nicht so einfach herausfordern wie einen One-Night-Stand. In einem Jahr werde ich 25. Manchmal denke ich, das sei eine magische Grenze, und träume davon, dass ich die kommenden 25 Jahre immer in den Armen meines Freundes einschlafen werde. Aber das würde ich niemals laut sagen, bei so kitschigen Gedanken läuft ja jeder potenzielle Freund weg."

*Name geändert

© ZEIT Online (Link zum Originalartikel)

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Kommentare (2)

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  1. Anonym

    Mich stören da ein paar Aspekte: Bei Rotwein über Macht und Herrschaft zu diskutieren - der Redakteur hat sich hier wohl einen Spaß erlaubt, es klingt dekadent und abgehoben, völlig unpassend. "Normal aussehend" und "normal beliebt" sind zwei Attribute, über die ein Werturteil ihr selbst kaum zusteht. Der Vergleich zu den Forenusern, die Verzweifelten, die nichts mit ihr zu tun haben. Quatsch. Sie ist genau wie sie. Sich gegenüber den anderen überlegen zu fühlen, ist pure Arroganz. Wahrscheinlich auch unbegründet, verzweifelt ist sie ja wohl selbst. Dann der große Sieg, sich auf Tinder und Okcupid angemeldet zu haben: Glückwunsch. Großer Erfolg hin zu dem Partner. Ist das meine Generation, die swiped und sagt "des oder"? Beziehungen entstehen über Freundschaften, Freundeskreise oder spontan wenn ich mal jemanden anspreche, an dem ich interessiert bin. Das Zurschaustellen verkennt das Ich des Artikels als Sieg. Der Fehler wiegt jedoch fatal.

  2. Anonym

    Also den Name des betrügenden Freundes hättet ihr auch ruhig ändern dürfen :D

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