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Meine Kubakrise

Havanna [Quelle: Pixabay.com, Autor: madfab]

Quelle: Pixabay.com, madfab

Als Deutscher an der Universität Havanna studieren – geht das? Benedikt Peters hat es probiert. Er fand Hörsäle voller Vergangenheit und Professoren mit ungewöhnlichen Nebenjobs.

Es riecht nach Bohnen und Schweinefleisch, als ich mit Alberto die Wohnung seiner Tante Yolanda betrete. Sie hat uns zum Essen eingeladen. Aber jetzt sitzt Yolanda wie hypnotisiert vor dem Fernseher in ihrem Wohnzimmer, mitten in Havanna. Die Töpfe auf ihrem Herd hat sie vergessen. Sie wiegt den Oberkörper hin und her. Immer wieder. "Das ist unglaublich", sagt sie. "Das ist wunderbar." Und: "Das kann alles verändern." Barack Obama redet. Der US-Präsident spricht sogar Spanisch. "Todos somos Americanos" – "Wir sind alle Amerikaner". Die USA kündigen die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Kuba an. Ein politisches Erdbeben – und ich bin mittendrin.

Das alte Kuba werde es nicht mehr lange geben, hatte ein Geschichtsprofessor von mir vor einiger Zeit gesagt. Die ersten Neuwagen mischten sich unter die Oldtimer, es habe marktwirtschaftliche Reformen gegeben. Einige Taxifahrer und Verkäufer arbeiteten bereits auf eigene Rechnung. "Wenn ihr nach Kuba wollt, dann geht jetzt." Also hatte ich mich beeilt.

Im August vergangenen Jahres kam ich an, um für ein Semester an der Universität Havanna zu studieren. Eigentlich bin ich Politikstudent, aber weil es das Fach in Kuba nicht gibt, nehme ich Kurse in Geschichte und Philosophie. Meine Uni in Leipzig hat eine Kooperation "noch aus alten Zeiten", wie man sich dort erzählt. Ich habe alles gelesen, was mir über Kuba in die Hände fiel – und war fasziniert. Dass Kuba mitten im Kalten Krieg, 90 Meilen vor Miami, den Sozialismus lebte. Dass es die Invasion in der Schweinebucht abwehrte und mehr als 50 Jahre dem US-Wirtschaftsembargo trotzte. Und dass Kuba nicht fiel, auch nicht, als es Anfang der 1990er Jahre die Sowjetunion als wichtigsten wirtschaftlichen und ideologischen Verbündeten verlor.

Ich bin im August 1989 geboren. Als in Berlin die Mauer fiel, war ich drei Monate alt. Kuba war für mich auch die Chance, etwas anderes zu erleben als Kapitalismus und repräsentative Demokratie, und das in einer Sprache, die ich durch Auslandsaufenthalte in Chile und Argentinien schon gelernt hatte.

An meinem ersten Morgen hänge ich, duselig vom Jetlag und der Hitze, in einem durchgesessenen Stoffsofa in einer kleinen Hochhauswohnung im Stadtteil Centro Habana. Unten auf der Straße schreien Avocadoverkäufer durcheinander, die Oldtimer dröhnen. Zwischen ihnen habe ich kaum Neuwagen gesehen. Ich komme also noch rechtzeitig. Im Wohnzimmerregal stehen ein paar alte Bücher, ein Flachbildfernseher und ein Holzschnitt von Che Guevara. Tamara* beherbergt mich hier für die ersten Tage. Eigentlich sei sie Sportlehrerin, aber seit einer Verletzung, sagt sie, könne sie nicht mehr arbeiten. Nun vermietet sie ihre Zimmer illegal an Touristen. Gerade läuft es richtig gut. Eine andere Studentin ist da und eine Familie aus Niedersachsen. Damit alle Platz haben, schläft Tamara mit ihren zwei Söhnen, 23 und 17, in einem Zimmer. Mit all den Leuten verdient sie umgerechnet etwa 35 Euro pro Nacht. Das Doppelte des monatlichen Gehalts eines Sportlehrers. "Wir Kubaner müssen erfinderisch sein, um durchzukommen", sagt Tamara. Die Lebensmittelpreise seien zu hoch. Und das staatliche Lebensmittelheft nütze wenig. "Es wird immer mehr gestrichen – zuerst das Rind-, dann das Schweinefleisch." Wenn die Polizei Tamara dabei erwischt, dass sie ohne Lizenz Gäste beherbergt, kann sie ihr Haus verlieren.

In Havanna zur Uni zu gehen bedeutet eine Reise in die 70er Jahre. In den Hörsälen steht nichts außer einer Tafel und uralten Stühlen. Es gibt keine E-Learning-Plattform und in der Bibliothek keinen Onlinekatalog. Alles läuft über Zettelkästen und Aushänge am Schwarzen Brett. Internet gibt es nur im engen Keller der Geschichtsfakultät, wo sich die Studenten zu Stoßzeiten drängen. Der Server ist wochenlang kaputt. Und wenn er funktioniert, sind viele Internetseiten gesperrt: Twitter etwa oder die Blogs von Regimekritikern. Facebook gibt es, aber nur vor zehn Uhr morgens. Dann wird auch diese Seite gesperrt.

In meinen Kursen zu kubanischer Geschichte beginne ich zu verstehen, woher der kubanische Antiamerikanismus kommt. Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1895 an gegen die spanische Krone hatten die USA Kuba militärisch besetzt und der Insel damit die Unabhängigkeit gewissermaßen vor der Nase weggeschnappt.

Im Philosophiekurs reden wir über Neomarxisten, kommen aber nicht über das Jahr 1931 hinaus. Ich suche nach einem Seminar, das mir die Gegenwart erklärt. Am Schwarzen Brett finde ich einen Aushang für ein Soziologieseminar zu "Gesellschaftlicher Ungleichheit". Gut, denke ich. Vielleicht verstehe ich dort, warum die Kubaner im Tourismussektor so viel Geld verdienen, während andere mit den niedrigen staatlichen Löhnen abgespeist werden. Die Dozentin kündigt an, dass Auszüge aus Marx’ Kapital zu lesen seien. Danach warteten noch andere Theoretiker aus dem 19. und 20. Jahrhundert, und, ja, vielleicht, wenn dann noch Zeit sei, würden wir zum Schluss über die Gegenwart in Kuba sprechen. "In der letzten Stunde oder so. Kann ich aber nicht versprechen." Ich gehe und komme nicht wieder.

Meine Professorin heißt Marxlenin. Ich schaue nach. Sie heißt wirklich so

Egal, welche Veranstaltungen ich besuche, überall treffe ich auf die Theorie der Vergangenheit. Marx, Engels, Fidels Triumph. Meine Philosophieprofessorin stellt sich als Marxlenin Pérez vor. Ich kann es nicht glauben und schaue nach der Vorlesung in den Aushängen nach, sie heißt wirklich so.

Auch Marxlenin spricht nicht über die Gegenwart. Kritisches Denken hat in den Hörsälen und Seminarräumen keinen Platz. In einer Vorlesung bricht die Dozentin eine politisch werdende Diskussion mit den Worten ab: "Wir wollen doch keine Probleme bekommen." Eine Freundin, die in Philosophie eingeschrieben ist, erzählt mir: "Wir wissen selbst nicht so genau, wofür wir studieren."

Oft sind die Hörsäle nur halb voll, weil viele Studenten zu Hause bleiben.

Ich sehe keinen einzigen Studenten, der Zeitung liest. Als ich die Staatszeitung Granma über den Campus trage, fragt mich ein Kommilitone: "Warum liest du diesen Quatsch? Da stehen doch nur Lügen drin." Der kritische Geist ist nur dort hörbar, wo es inoffiziell ist. Auf den Straßen Havannas, in den Kneipen und Kaffeebuden, hinter vorgehaltener Hand. Zum Beispiel in der Bude rechts neben der Uni-Treppe. Hier werden Alberto*, mein Philosophiekommilitone, und ich Freunde. Bei Espresso und starken Kippen ohne Filter, für sieben Pesos die Schachtel, umgerechnet 30 Cent. Er spricht davon, wie gerne er reisen würde, obwohl er weiß, dass jedes Flugzeug für ihn unerreichbar ist, weil viel zu teuer. Und davon, wie gern er zu Hause Internet hätte. "Wollt ihr das nicht einfordern?", frage ich ihn. "Über diese Sachen kann man doch diskutieren!" Aber Alberto winkt ab. "Wir können machen, was wir wollen. Die Regierung wird das niemals ändern."

Richard ist Englischlehrer, aber als Rikschafahrer verdient er mehr

Studenten wie Alberto fehlt eine Perspektive, vor allem eine finanzielle. Seine Tante Yolanda, mit der ich später fassungslos den Worten Baracks Obama zuhöre, war zwanzig Jahre lang Philosophiedozentin an der Universität, dann musste sie die Arbeit aufgeben. Ihr Mann war gestorben, und mit ihrem Gehalt, etwa 35 Euro im Monat, konnte sie ihre drei Söhne nicht mehr durchbringen. Nun vermietet sie Zimmer an Touristen, statt zu lehren und zu forschen. Ein kubanischer Geschichtsdozent erzählt mir, so gehe es vielen Kollegen, sie suchten sich einen anderen Job oder gingen, wenn sie könnten, ins Ausland. "Die Löhne sind einfach zu niedrig."

In einer Nacht vor einer Bar in Alt-Havanna lerne ich Richard kennen. Er ist 25 und sieht aus wie Jimi Hendrix. "Hey my friend, you wanna go for a ride?", fragt er und zeigt auf seine gelb-blaue Rikscha. Ich lasse mich nicht überreden, aber wir rauchen eine Zigarette zusammen. Er erzählt mir, er sei eigentlich Englischlehrer, aber damit könne er nichts verdienen. Daher fährt er nachts Rikscha. Später treffe ich ihn in seiner Schule. Richard hat dunkle Ringe unter den Augen. Seinen Lehrerjob wolle er bald kündigen, um als Fremdenführer zu arbeiten. "Ein Kollege macht das schon, er verdient leicht 20 Dollar am Tag." Das Monatsgehalt eines Lehrers. Denn die Touristen bezahlen ihn, ebenso wie Tamara und Yolanda, in der Devisenwährung CUC, die fest an den Dollar gekoppelt ist. Als Lehrer und Dozenten verdienen sie jedoch in der entwerteten Staatswährung – und damit viel weniger.

Richard setzt große Hoffnungen auf die Veränderungen in seinem Land. "Ich hoffe, dass es leichter wird, auszuwandern. Dann kann ich in den USA vielleicht wieder Lehrer sein."

An der Uni fällt die Debatte über die Gegenwart und auch die über die Zukunft abermals aus. "Es lebe Fidel! Es lebe Raúl! Vaterland oder Tod!", schreien Studentenführer auf einer Kundgebung, mit der man die Freilassung dreier Geheimdienstagenten feiert.

Als ein paar Tage später in der Aula Magna ein Brief des Máximo Líder an die Studenten des Landes vorgelesen wird, hört jedoch kaum jemand zu. Fidel Castro warnt die Studenten vor zu großem Vertrauen in die USA. "Fidel ist für mich ein alter Mann im Trainingsanzug, ich gebe da nichts drauf", sagt mir eine Geschichtsstudentin.

Kurz vor meiner Abreise treffe ich noch einmal Yolanda, die sich ausmalt, wieder als Dozentin an die Uni zu gehen. "Wenn das US-Embargo fällt, wird der Staat mehr Geld haben und höhere Löhne zahlen können", sagt sie und strahlt mich an.

Ihre Worte begleiten mich nach Deutschland. Ich wollte das alte Kuba sehen, das habe ich gerade noch geschafft. Nun aber soll das neue kommen.

* Name geändert

© ZEIT Online ( Link zum Original-Artikel)

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