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"Ich krieg die Krise!"

Stressfaktor Arbeitseinstellung [Quelle: Fotolia]

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Etwa 200.000 Doktoranden gibt es aktuell in Deutschland. Das meldet das Statistische Bundesamt. Viele von ihnen haben Probleme. 47 Prozent der Promovierenden überlegten schon mehrfach, alles hinzuschmeißen, ergab eine Befragung des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung. Jeder dritte fühlt sich nicht gut betreut. Jeder zweite hat nicht genug Zeit. Wir haben vier Doktoranden gebeten, uns ihre Probleme zu schildern. Anschließend fragten wir Gudrun Behm-Steidel, Promotionscoach, nach Lösungen.

Problem 1: Ich bin lost! Wie lerne ich Leute kennen?

Das sagt die Doktorandin: Zu Beginn meiner Promotion war vieles neu für mich: Ich kannte die Abläufe und Strukturen an der Uni nicht. Auch die Vielfalt der Angebote überforderte mich anfangs. Welche zusätzlichen Workshops machen Sinn? Hinzu kam, dass ich anders als viele Kommilitonen, die am Institut promovierten, als Stipendiatin meist zu Hause arbeite. Deshalb hatte ich keinen routinierten Arbeitsalltag, und es fiel mir teilweise schwer, mich zu motivieren. Mir wurde klar, wie wichtig es ist, dass ich mir ein Netzwerk aufbaue. Zum Glück hatte ich schon früh die Möglichkeit, zu wissenschaftlichen Konferenzen zu fahren, um meine Forschung vorzustellen. Das war anfangs auch nicht einfach: Auf der ersten Konferenz, die ich besuchte, kam ich mir ziemlich verloren vor. Alle schienen sich zu kennen, nur ich kannte fast niemanden. Was gut lief: Ich engagierte mich in der Fachgruppenvertretung und lernte dabei andere Doktoranden kennen. Bei Promotionsstammtischen oder während Workshops konnten wir uns gegenseitig Tipps geben. Heute habe ich die Informationskanäle und Zuständigkeiten an der Universität durchschaut. Die Uni ist heute ein Ort voll bekannter Gesichter für mich. Die Konferenzen fühlen sich inzwischen an wie eine Klassenfahrt.

Eva Kern, 29, ist Medieninformatikerin und forscht an der Uni Lüneburg, und in Kooperation mit dem Umwelt-Campus Birkenfeld, zu umweltfreundlicher Software.

Das sagt der Coach: Frau Kern hat schon eine Menge richtig gemacht! Die Promotion ist eine Lebensphase, in der man weitgehend auf sich allein gestellt ist. Umso beruhigender ist es, wenn man sich mit anderen austauschen kann. Dann erfährt man, wie sie arbeiten, wie sie sich strukturieren und organisieren. Zu erkennen, dass sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben, macht schon mal Mut. Fortgeschrittene Doktoranden können Tipps für die ersten Wochen geben oder wissen, wie lange man nach Einreichen eines Papers bei einer Fachzeitschrift auf das Gutachten warten muss. In einem Gespräch mit neuen Doktoranden sieht man, wie viel man schon gelernt hat. Trotzdem tickt jeder Doktorand anders. Der eine erstellt vor jedem Absatz Mindmaps, der andere hangelt sich von Kapitel zu Kapitel. Einer arbeitet in der Ruhe der Bibliothek am konzentriertesten, der andere ist effektiver, wenn er daheim sitzt und wenn nebenbei Musik läuft. Wer weiß, wie er gut arbeiten kann, ist schneller und kann sich besser motivieren. Was gut funktioniert, sollte man deshalb zur Routine machen. Egal ob andere vielleicht ganz anders arbeiten. Was im Gespräch mit anderen wichtig ist: Sich daran zu messen, wie weit andere mit ihrer Arbeit sind, bringt nichts, sondern baut nur unnötig Druck auf.

Gudrun Behm-Steidel, 58, coacht zu Themen wie Zeitplanung und Organisation in der Promotion. Sie lehrt Informations- und Wissensmanagement an der HS Hannover.

Problem 2: Ich bin pleite! Wie kriege ich Geld?

Das sagt die Doktorand: Finanzielle Vorteile einer Promotion? Die gibt es: ein Semesterticket, Vergünstigungen in der Bibliothek und bei der Krankenversicherung. Trotzdem war es die größte Herausforderung, mich finanziell über Wasser zu halten. Mein Plan, das erste Promotionssemester zu nutzen, um ein Stipendium zu ergattern, scheiterte. Ich war quer durch die Republik gefahren und hatte mein Thema bei Dutzenden Stiftungen vorgestellt. Niemand fand es relevant genug. Nach einem Dreivierteljahr bekam ich zum Glück einen Assistentenjob am Institut meiner Uni. Zum Leben reichte das Geld dann gerade so. Weil es nur eine Vertretungsstelle war, zitterte ich aber jedes Semester, ob sie verlängert wird. Fünf Stunden am Tag erledigte ich Verwaltungsarbeit oder leitete Kurse, überwiegend für Lehramtsstudenten. Dazu kamen Workshops und Kolloquien an der Graduiertenschule, einer Einrichtung für Doktoranden, die es an vielen Unis gibt. Erst nach Feierabend schrieb ich an meiner Dissertation. Richtige Existenzangst bekam ich noch mal zum Schluss: Ein Mitglied meines Promotionskomitees befand, ich müsste meine 450 Seiten umfassende Arbeit komplett umbauen. Für den Job am Institut hatte ich jetzt kaum noch Zeit und musste teilweise auf meine Ersparnisse zurückgreifen.

Julius Goldmann, 33, ist Romanist und schrieb an der Universität Würzburg über das Lebenswerk des italienischen Schriftstellers Carlo Emilio Gadda.

Das sagt der Coach: Um die Promotion zu finanzieren, sollte man eine gezielte Strategie entwickeln und sich fragen: Warum promoviere ich? Wo will ich hinterher arbeiten? Wer in die Wissenschaft einsteigen will, macht mit einer Tätigkeit am Institut alles richtig. Dort kann man schon Beziehungen pflegen, sich als zuverlässige Kraft beweisen und frühzeitig von neuen Projekten erfahren. Wer in die Wirtschaft will, sollte dort nach einem Nebenverdienst Ausschau halten. Je mehr Sinn man in seinem Nebenjob sieht, desto leichter verkraftet man die Doppelbelastung. Auch nach Stipendien sucht man besser ganz gezielt, anstatt sich überall zu bewerben. Die Beratungsstelle für Studienfinanzierung der Uni kann meist passende Stiftungen empfehlen. Denn die Stipendienlandschaft ist unübersichtlich: Manche Stifter wünschen sich Bewerber ausschließlich aus speziellen Wissenschaftsdisziplinen. Andere fördern Doktoranden mit einer bestimmten Glaubensrichtung, zum Beispiel das katholische Cusanuswerk. Wieder andere legen Wert auf politisches oder soziales Engagement, so etwa die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Beratungsstellen können auch bei der Antragstellung helfen oder Kontakte zu Stipendiaten herstellen. So erhält man Tipps, worauf man bei der Bewerbung achten sollte. Den Doktorvater und seine Kollegen am Institut sollte man ebenfalls nach Kontakten fragen: Vielleicht gehören sie ja sogar selbst einer Stiftung an. Im Idealfall sichert man sich die Unterstützung, bevor die Promotionsphase losgeht, damit man den Kopf frei hat für die Arbeit.

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