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Geisteswissenschaften [Quelle: freeimages.com, Autor: vaag]

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Promovierte Geisteswissenschaftler finden keinen Job und verdienen schlecht? Fünf Mythen – und was man wirklich weiß.

1 Die sind häufig arbeitslos

Der Mythos: Geisteswissenschaftler mit Doktortitel stellt keiner ein. Nach langen Jahren im Elfenbeinturm der Forschung fehlen ihnen die praktischen Fähigkeiten, die sie bei Unternehmen oder Kultureinrichtungen brauchten. Womöglich haben sie mit ihrer Dissertation sogar die Zeit totgeschlagen, weil sie sich nicht in die "freie Wirtschaft" getraut haben. Heillos überqualifiziert sind sie zudem. Wer will die denn bitte haben?

Die Wahrheit: Generell ist die Arbeitslosigkeit unter Akademikern gering, und unter den Promovierten ist sie noch geringer. Rund 95 Prozent aller Promovierten im Alter von 35 bis 45 Jahren sind erwerbstätig, und die restlichen fünf Prozent sind nicht nur Geisteswissenschaftler. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den Fächern, und Geisteswissenschaftler haben es generell schwerer auf dem Arbeitsmarkt. Von den Doktoren sind 18 Monate nach der Promotion circa drei Prozent erwerbslos, das zeigt der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs, den das Bildungsministerium 2013 veröffentlichte. Die Zahl ist etwas höher als in anderen Fachrichtungen – aber immer noch sehr niedrig. Der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs verzeichnet zwar, dass promovierte Geisteswissenschaftler geringfügig seltener erwerbstätig sind als nicht promovierte – er berücksichtigt allerdings nicht, dass auch die Familiengründung in diesem Alter eine Rolle spielen könnte.

Schwierig wird es für Geisteswissenschaftler nur, wenn ihre Promotion sehr lange dauert oder wenn sie noch viele Jahre auf Postdocstellen verbringen. Dann werden sie außerhalb der Uni tatsächlich schwerer vermittelbar

2 Die machen danach erst einmal Praktika

Der Mythos: Mit einem geisteswissenschaftlichen Studium kriegt man sowieso erst mal keinen festen Job – welchen Unterschied sollte eine Promotion da machen?

Die Wahrheit: Der Übergang vom Studium in die erste Beschäftigung ist bei Geisteswissenschaftlern tatsächlich länger und holpriger als bei Absolventen anderer Fächer. Sie nehmen häufiger Übergangsjobs an, wechseln die berufliche Richtung oder müssen sich selbstständig machen. Für Promovierte ist diese Phase aber nach absehbarer Zeit zu Ende: Nach rund einem Jahr sind über 90 Prozent von ihnen beschäftigt, Differenzen zu anderen Fachrichtungen sind beinahe ausgeglichen. Für knapp 16 Prozent der Geisteswissenschaftler gelten allerdings die ersten fünf Jahre nach der Promotion als instabil, das heißt, ihre Erwerbstätigkeit wird immer wieder unterbrochen.

Die Frage bleibt, ob die Promovierten einen Job haben, der ihrer Ausbildung angemessen ist. Geisteswissenschaftler arbeiten oft außerhalb ihrer Branche. Laut dem Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs sind promovierte Geisteswissenschaftler aber häufig adäquat beschäftigt. Nur diejenigen, deren Promotion noch nicht lange zurückliegt, vermissen einen deutlichen fachlichen Bezug zwischen ihrer Tätigkeit und ihrer fachlichen Qualifikation.

3 Die werden auch nicht besser bezahlt

Der Mythos: Während sich der Erwerb eines Titels bei BWLern und Naturwissenschaftlern sofort auf dem Kontoauszug niederschlägt, profitieren Geisteswissenschaftler finanziell gesehen überhaupt nicht von ihrer geleisteten akademischen Mehrarbeit.

Die Wahrheit: Promovierte Akademiker stehen im Allgemeinen weit oben auf der Gehaltsliste. Der Unterschied zu Nichtpromovierten vergrößert sich über die Jahre zunehmend und ist vor allem im späteren Berufsleben relevant. Allerdings spielt auch hier die Fachrichtung eine Rolle. Geisteswissenschaftler verdienen im Vergleich zu anderen unterdurchschnittlich; ob sie mit Titel mehr verdienen, zeigen Untersuchungen nicht eindeutig: Der bayerischen Studie Verbessert der Doktortitel die Karrierechancen von Hochschulabsolventen? (2013) zufolge verdienen promovierte Geisteswissenschaftler geringfügig besser als nicht promovierte – allerdings wurden hier nur regulär erwerbstätige Geisteswissenschaftler erfasst. Selbstständige blieben außen vor – unter den Geisteswissenschaftlern gibt es davon aber überdurchschnittlich viele.

Laut Personalmarkt.de macht die Promotion gegenüber dem Masterabschluss einen Unterschied von 8.000 Euro im Jahr für Geisteswissenschaftler. Die Hälfte von ihnen bleibt allerdings an der Universität, und im öffentlichen Sektor macht sich eine geisteswissenschaftliche Promotion nicht unbedingt am Gehalt bemerkbar. Bei Sprach- und Kulturwissenschaftlern wurde sogar generell kein Effekt gemessen.

4 Für eine Führungsposition ist der Titel egal

Der Mythos: Der Dr. vorm Namen mag ja in anderen Branchen die Beförderung begünstigen. Für die Karriere von Geisteswissenschaftlern ist er irrelevant.

Die Wahrheit: Generell nehmen Akademiker mit Doktortitel häufiger Führungspositionen ein als Akademiker ohne Doktortitel. Eine Differenzierung zwischen den einzelnen Fachbereichen liegt allerdings auch hier bisher nicht vor. Daher lässt sich nur vermuten, ob diese Beobachtungen auch für Geisteswissenschaftler gelten.

Was man aber sagen kann, ist, dass sich auf Führungsposten im öffentlichen Dienst und im Privatsektor viele Titelträger finden. Zwar werden wenige Stellen dezidiert für promovierte Geisteswissenschaftler ausgeschrieben, doch der Titel scheint bei der Vergabe von Führungspositionen in Deutschland insgesamt eine nicht unwichtige Rolle zu spielen. So weist die links genannte bayerische Studie bei angestellten promovierten Sprach- und Kulturwissenschaften einen leichten Vorteil nach, wenn es darum geht, in leitende Positionen zu kommen.

5 Eine Promotion bringt nichts

Der Mythos: Nachteile haben promovierte Geisteswissenschaftler also nicht – aber Vorteile lassen sich auch schwer belegen. Dann kann man die Dissertation doch auch gleich bleiben lassen, oder?

Die Wahrheit: Fragt man Promovierte verschiedener Fachrichtungen, warum sie eine Promotion beginnen, nennen sie als Motive vorrangig die persönliche Weiterbildung, eine fachliche Neigung sowie den Wunsch, ihre Berufschancen zu verbessern. Darin unterscheiden sich Geisteswissenschaftler nicht von anderen Fachbereichen, das zeigt eine Studie des Hochschulinformationssystems. Das HIS hat Nachwuchswissenschaftler auch gefragt, wie sie ihre Promotion im Nachhinein beurteilen. Hier schätzten die Geisteswissenschaftler vor allem die Arbeit an einem interessanten Thema und die persönliche Weiterbildung hoch ein. Eine Verbesserung ihrer Berufschancen sahen jedoch nur 30 Prozent; über 15 Prozent konnten gar keinen Nutzen erkennen. Promovierte aus anderen Fachrichtungen äußerten sich dazu deutlich positiver. Die Studie stammt allerdings von 2011; Umgestaltungen im Promotionswesen wie die Zunahme der Graduiertenkollegs wurden hier noch nicht berücksichtigt.

So kann man sagen: Allein wegen des beruflichen Nutzens ist Geisteswissenschaftlern nicht unbedingt zur Promotion zu raten. Aber sollte das der einzige Grund sein, sich für einige Zeit in ein spannendes wissenschaftliches Thema zu vertiefen?

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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