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Bis dass die Frist uns scheidet

Kalender, Frist [Quelle: freeimages.com, Autor: shadowkill]

Quelle: freeimages.com, shadowkill

Vor vier Jahren verabschiedet, teilt das Wissenschaftszeitvertragsgesetz die Gemeinschaft der Forschenden und Lehrenden bis heute in zwei Lager. Jetzt ist das umstrittene Gesetz evaluiert worden. Die Ergebnisse sind wenig überraschend – und bieten doch genügend Futter für eine neue Debatte zur Nachwuchsförderung.

Es ist wie so oft im Leben: Alles eine Frage der Perspektive. Für das Bundesforschungsministerium (BMBF) schafft das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) "Rechtssicherheit für Hochschulen, Forschungsinstitute und für die befristet beschäftigten Wissenschaftler". Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat das Gesetz dagegen die "weitere Destabilisierung der Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft begünstigt".
 
Diese unterschiedlichen Schlussfolgerungen ziehen BMBF und GEW aus einem Evaluationsbericht, den die Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) im Auftrag des BMBF Anfang März vorlegte.
 
Damit ist das Gesetz heute so umstritten wie eh und je. Für heftige Kritik sorgten von Anfang an die Befristungsregeln. Sie gelten seit 2002 und wurden 2007 in nachgebesserter Form in das Wissenschaftszeitvertragsgesetz übernommen.
 
Forscher dürfen seitdem bis zu sechs Jahre vor der Promotion und weitere sechs Jahre bis zur Habilitation (Mediziner neun Jahre) an wissenschaftlichen Einrichtungen befristet beschäftigt sein. Wer danach keine Festanstellung bekommt, muss gehen oder sich von einem Drittmittelprojekt zum nächsten hangeln.

Personalentscheider im Vorteil

Wie sich die Regelungen im Wissenschaftsbetrieb ausgewirkt haben, lässt sich nun also in einem lange erwarteten Gutachten nachlesen. Seit 2008 erforschte der Soziologe Dr. Georg Jongmanns die Folgen des Gesetzes, befragte Wissenschaftler, Personalentscheider und Arbeitsrechtler an Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Jongmanns Bilanz klingt unspektakulär: "Das Gesetz funktioniert im wesentlichen ganz ordentlich." Für die Hochschulen sei der Abschluss von befristeten Verträgen unkompliziert, aufwändige Prüfungen und Begründungen seien bei Vertragsabschluss nicht notwendig, sofern der Wissenschaftler innerhalb der Zwölf-Jahres-Frist beschäftigt ist.
 
Im Alltag durchgesetzt hat sich nach Angaben von Jongmanns auch die Regelung, die Hochschulen erlaubt, Wissenschaftler auch nach Ablauf der Zwölf-Jahres-Frist in Drittmittelprojekten befristet zu beschäftigen. Zwischen fünf und zehn Prozent der befristeteten Arbeitsverträge von Forschern werden der Studie zufolge auf dieser Basis abgeschlossen. "Den Hochschulen bringt das die rechtliche Sicherheit bei den Drittmitteln", konstatiert Jongmanns.
 
Für Nachwuchsforscher allerdings stellt sich der Fall fundamental anders dar. Karrieren in der Wissenschaft sind für junge Forschertalente in Deutschland nämlich so wenig planbar wie vor dem Gesetz. Mit hohen Risiken behaftet sind Karrieren an Deutschlands Hochschulen vor allem für Wissenschaftler mit Kindern.

Nun eröffnet das Gesetz den Hochschulen zwar die Möglichkeit, die Qualifizierungsphase bei Wissenschaftlern mit Kindern um bis zu zwei Jahre pro Kind zu verlängern. Auf dem Ticket fahren aber nur weniger als ein Prozent der Nachwuchsforscher. Gründe dafür nennt das Gutachten nicht. Die Studie lässt jedoch den Schluss zu, dass viele Jungforscher wegen der unsicheren Perspektive lieber auf Kinder verzichten.

Hinzu kommt, dass Wissenschaftler auf die Verlängerungsoption keinen Rechtsanspruch haben. Auch sind die Spielräume groß, die das Gesetz den Hochschulen bei der Anwendung lässt. Wie das Beispiel der Technischen Universität Chemnitz zeigt, muss eine Hochschule das Gesetz nicht immer zum Vorteil der Nachwuchsforscher anwenden. Jongmanns zufolge wird die Drittmittelbefristung auch dann angewandt, wenn Wissenschaftler eigentlich noch innerhalb der Zwölf-Jahres-Frist eingestellt werden könnten.
 
Auch bei der Einordnung der Beschäftigten in Personalkategorien gibt es Ungereimtheiten. Das betrifft vor allem befristet Beschäftigte, die laut Ländergesetzen als wissenschaftliches Personal gelistet sind, de facto aber vor allem als Lehrkräfte für besondere Aufgaben eingesetzt werden. "Es ist schwer nachzuvollziehen, wie sich diese Lehrenden - insbesondere wenn sie Berufseinsteiger sind - mit einem Lehrdeputat von zwölf Semesterwochenstunden und mehr noch angemessen ihrer Doktorarbeit oder Habilitation widmen können", sagt Jongmanns und legt damit den Finger auf die wohl größte Wunde.
 
Der Gesetzgeber müsse präzisieren, in welchem Maß sich Forscher innerhalb der Zwölf-Jahres-Frist qualifizieren sollen, um unter die Qualifizierungsphase zu fallen. Präzisionsbedarf sieht Jongmanns zudem bei den wissenschaftlichen Hilfskräften: Denn ob deren Arbeitsverträge während des Masterstudiums Teil der Qualifizierungsphase sind oder nicht, wird bundesweit unterschiedlich gehandhabt.
 
Neu aufflackern dürfte mit der gut hundert Seiten starken Studie auch die Diskussion über die Attraktivität des Forschungsstandorts Deutschland für junge Talente: "Die seit 2007 zusätzlich geltenden Vorschriften sind nicht geeignet, die Grundlage der Entscheidung für die Wissenschaft zu verbessern", heißt es diplomatisch formuliert in dem Bericht. Statistiken zufolge verstärkt sich der Trend zur befristeten Beschäftigung in der Wissenschaft: Im Jahr 2009 waren von 146.100 Wissenschaftlern 83 Prozent befristet angestellt, 1995 waren es lediglich 75 Prozent. Zudem wird jeder zweite Arbeitsvertrag in der Qualifikationsphase für eine Dauer von weniger als einem Jahr abgeschlossen.
 
Für Andreas Keller, als GEW-Vorstandsmitglied für Hochschule und Forschung verantwortlich, ist das alarmierend: "Extrem kurze Vertragslaufzeiten untergraben Kontinuität und Qualität wissenschaftlicher Forschung und Lehre." Ähnlich urteilt Psychologieprofessor Dr. Cornelius König von der Universität des Saarlandes: "Wenn Nachwuchswissenschaftler nach kurzer Einarbeitungszeit schon wieder nach einem neuen Projekt Ausschau halten müssen, wird das die Motivation für wissenschaftliche Arbeiten nicht fördern." 

Ministerium zeigt Zurückhaltung

Dass diese Rahmenbedingungen die Zufriedenheit nicht fördern, liegt auf der Hand. Das belegen auch Zahlen des Online-Panels WiNbus von HIS und BMBF. Zwar sind 83 Prozent aller Postdocs mit ihrer Forschungstätigkeit zufrieden, allerdings sind nur 13 Prozent mit den Aussichten zufrieden, einen Folgevertrag zu bekommen (siehe Grafik). "Die große Diskrepanz hat ihre Ursache in der Befristungspraxis", sagt Jongmanns. Welche Folgen das BMBF aus der Erkenntnis ziehen wird, ließ das Ministerium offen. In einer ersten Reaktion kündigte es lediglich an, die aus den "Ergebnissen resultierenden Handlungsnotwendigkeiten" zu erörtern.

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