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Kaffee, Becher, Kaffeebecher [Quelle: freeimages.com, Autor: singing]

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In einigen Bundesländern ist es möglich, einen Master ohne Bachelor zu machen. In einem Hamburger Fall soll ein sechsmonatiger Kurs ein ganzes Bachelorstudium ersetzen.

Sechs Monate "Einstiegsprogramm" statt sechs oder sieben Semester Bachelorstudium – derart verlockend wirbt eine Hamburger Fachhochschule für ein berufsbegleitendes Fernstudium General Management (MBA). Anstelle des ersten akademischen Abschlusses sind zehn Jahre Berufserfahrung nötig, davon sechs Jahre mit Führungsverantwortung. Eine Eingangsprüfung im Anschluss an das Einstiegsprogramm entscheidet, ob der Bewerber über die nötigen Qualifikationen zur Zulassung für das Masterstudium verfügt.

Master ohne Bachelor - und manchmal sogar ohne Berufserfahrung. Ist das eine gute Lösung oder ungerecht denen gegenüber, die einen Bachelor machen?

An der Uni der Hansestadt geht es manchmal sogar noch schneller: Etwa beim Masterprogramm zur Therapie von Lernstörungen im Lesen, Schreiben, Rechnen. Erzieher, Lehrer und andere Fachkräfte müssen zur Aufnahmeprüfung kein Pflichtpropädeutikum vorweisen können und brauchen nicht mehr als ein Jahr Berufserfahrung. Tatsächlich schreibt das Hamburgische Hochschulgesetz gar keine Berufserfahrung vor.

Ähnliche Regelungen für Weiterbildungs-Master in verschiedenen Fachrichtungen gibt es mittlerweile in 11 von 16 Bundesländern. Private und staatliche Hochschulen bieten die Kurse meist als Fernstudium an. Dahinter stehen Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) aus dem Jahr 2010. In denen heißt es: "Die Inhalte des weiterbildenden Masterstudiengangs sollen die beruflichen Erfahrungen berücksichtigen und an diese anknüpfen." Dabei ist das Master-Studium so stark vom Erfahrungswissen geprägt, dass die berufliche Aus- und Weiterbildung so viel wie ein Bachelor gelten kann. Beide Varianten des Masters, die eher theorielastige für traditionelle Studenten und die neue, speziell für die Zielgruppe Praktiker, sind für die KMK gleichwertig.

Kostendeckende Gebühren

Allerdings verlangen private wie staatliche Hochschulen für die Weiterbildung stets kostendeckende Gebühren, durchweg rund 10.000 Euro. Zulassungsbeschränkungen mangels Studienplätzen gibt es deshalb nicht. Aber wem ist der Master soviel Geld wert? Barbara Wohldorf zum Beispiel, einer gelernten Erzieherin. Sie leitet eine Kindertagesstätte und sagt: "Um den Hortkindern mit Lernschwierigkeiten zu helfen, muss ich selbst mehr über das Thema wissen."

Wie Wohldorf sind viele Bewerber für weiterbildende Masterprogramme um die vierzig Jahre alt. Als die Berufstätigen vor rund zwei Jahrzehnten etwa als Verwaltungsangestellte in den Beruf gingen, war dafür kein Hochschuldiplom nötig. Heute aber hängt ihre weitere Karriere oft von einem akademischen Grad ab – deshalb ist der berufsbegleitende MBA so gefragt.

Der neue Weg zum Master gehört in eine ganze Reihe von politischen Öffnungsbeschlüssen für einen vom Schulabitur unabhängigen Hochschulzugang. Eine erste Maßnahme war die Hochschulreife dank Berufsqualifikation (etwa zum deutschen Meister), eine zweite die Anrechenbarkeit beruflicher Erfahrung etwa in der Ingenieurausbildung. Dadurch kann sich die Studienzeit um die Hälfte verkürzen.

Dem Weiterbildungs-Master am nächsten kommen neuerdings "berufsbegleitende Bachelor-Studiengänge" für Nichtabiturienten in einigen Bundesländern. Solche Angebote mögen etwa für Pflegekräfte im Gesundheitswesen attraktiv sein, sind es aber nicht unbedingt auch für IT-Dienstleister oder ähnliche Berufe. "Berufspraktische Weiterbildung in der Informatik erreicht heute Bachelorniveau wie in einem Studium", sagt das amtliche Bundesinstitut für Berufsbildung. Weshalb dann noch Zeit und Geld für ein Erststudium aufbringen?

Was sind "Ausnahmefälle"?

Der Direkteinstieg ins Masterprogramm ist bildungspolitisch umstritten. So gibt es in Nordrhein-Westfalen, dem Land mit den relativ meisten Hochschulen, und in Baden-Württemberg überhaupt keinen Master ohne Bachelor. Ein maßgeblicher Staatssekretär, der lieber ungenannt bleiben will, sieht in der Reform gar ein Erdbeben in der Bildungslandschaft: "Das ist ein weiterer Schritt auf der nach unten offenen Richterskala für die Hochschulzulassung." Selbst die KMK befürwortet den großen Sprung über den Bachelor hinweg nur halbherzig, lediglich in "definierten Ausnahmefällen". Allerdings streitet man bei der KMK mittlerweile darüber, ob mit den "Ausnahmefällen" einzelne Bewerber oder Studiengänge gemeint sind.

Die meisten Bundesländer wie etwa Hamburg verzichten in ihren Gesetzen einfach auf jede Einschränkung. Sie folgen damit der Akademisierung der Berufsbildung in ganz Europa, sagt der Pädagogikprofessor Gernot Graessner, ein Befürworter der wissenschaftlichen Weiterbildung. Gegen die Öffnung sprechen für ihn nur noch ein "akademischer Dünkel und der Willen zur Erhaltung großer Qualifikationsdistanzen".

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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