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"Ich will auch einen Studenten!"

Dass ein paar Studenten nachts um zwei bei einem Glas Wein die Probleme der Welt wälzen, ist nichts Ungewöhnliches. Dass Peer Steinbrück dabei sitzt, hingegen schon. Und dass am Ende der nächtlichen Runde eine erfolgreiche Initiative für Hauptschüler auf die Beine gestellt wird, erst recht.

Ein Dutzend Studenten, einige Gläser Wein, ein Minister, der nicht müde wird, mitzudiskutieren: Aus diesen Zutaten entstand in einer Novembernacht letzten Jahres die Idee zur Initiative "Rock your Life". Steinbrück war zu einer Veranstaltung eingeladen und hatte sich die Zeit genommen, anschließend noch mit den Studenten zu plaudern. Schnell kamen sie auf das Thema Chancengleichheit und die Frage: Wie schafft man es, Hauptschüler beim Übergang ins Berufsleben zu helfen?

Für Hauptschüler, von Studenten

Die Idee: Berufsunterstützung und Lebensberatung in Form eines Eins-zu-eins-Coachings zwischen Hauptschülern der achten und neunten Klassen und Studenten. "Wir wollten etwas an der Basis tun", erzählt Linn. Zwei Studentinnen, Christina Veldhoen und Elisabeth Hahnke, hatten bereits eine Berufsberatung für Hauptschüler ins Leben gerufen. An diese Initiative knüpften sie an. Weitere Coachs waren schnell gefunden. "An der Zeppelin-Universität werden wir selber gecoacht, je durch einen Praxis- und einen Wissenschafts-Coach. Das hilft uns sehr. Doch jetzt sind wir selber in einem Alter, wo wir weitergeben können, was wir gelernt haben."

Aufregung vor dem ersten Treffen

Die große Anfangssorge der Studenten war: Was, wenn die Schüler keine Lust haben? Sie überlegten sich, wie sie auf die Schulen zugehen sollen. "Wir haben erst mit der Schulleitung gesprochen, dann mit den Eltern." Zwei Hauptschulen in Friedrichshafen wurden schließlich für das Projekt ausgewählt. Und schon stand das erste Treffen von Schülern und Studenten an.

"Wir wollen auch einen Studenten haben!"

"Wir haben uns als erstes einer 8. Klasse vorgestellt, in Fünfergruppen in der Aula. Die Resonanz war total positiv. Fast alle sagten: "Wir wollen auch einen Studenten haben!", erzählt Linn. Da ging den Studenten auf: Wir sind viel zu wenige! Eine Woche später kamen sie mit zwanzig Coachs zurück – die bei einem Speed-Dating auf die künftigen Coachees aufgeteilt werden sollten. Doch schon nach der ersten Runde hatten sich alle Schüler entschieden: Den will ich! "Die waren total begeistert und neugierig, dass wir Studenten zu ihnen in die Schule kamen", erzählt Linn. "Alle wollten schnell 'ihren' Studenten! Das hat uns überwältigt. Wir dachten, das wird viel schwieriger. Dieses 'Ich will auch einen Studenten!', das war cool."

Neue Coachs braucht das Land

Seitdem treffen sich Coachs und Coachees alle ein bis zwei Wochen. Inzwischen gibt es schon 85 Coachs unter den Studierenden der Zeppelin Universität, weitere sollen im kommenden Schuljahr auch in anderen Städten dazukommen.

Erste Erfolge

Doch wie beraten die Studenten ihre Schützlinge? "Oft wissen die Schüler nicht, welche Berufe für sie in Frage kommen, was sie selbst gerne machen würden, oder welche Voraussetzungen sie für einen Job brauchen. Die Schulen machen hier zwar schon sehr viel, doch eine persönliche Begleitung ist besonders wichtig". Die Coachs suchen gemeinsam mit ihren Coachees nach interessanten Praktikumsstellen, machen sich über Anforderungen schlau und üben Bewerbungsgespräche mit ihren Coachees. Sie überarbeiten gemeinsam Lebensläufe oder richten vernünftige E-Mail-Adressen für Bewerbungen ein – "nicht pinky95 oder so". Linns Einsatz trägt Früchte: "Meine Schülerin hat zwei Praktika in den Ferien gemacht - freiwillig! Das war ein echter Erfolg."

Mathe pauken mit der Coachee

Aber ohne die richtigen Noten geht es natürlich auch nicht: Mindestens eine Zwei in Mathe, Deutsch und Englisch brauchen die Schüler, um zum Realschulabschluss zugelassen zu werden. Also paukt Linn auch einfach mal ein paar Stunden Mathe mit ihrer Coachee. "Natürlich gibt es auch hin und wieder Rückschläge, etwa, wenn Schüler nicht kommen und man an der Motivation arbeiten muss. Aber insgesamt haben wir überraschend gute Erfahrungen gemacht", berichtet Linn.

Coaching für die Coachs

Ihre Initiative sind die Studenten so professionell angegangen wie ein Unternehmen: Damit die Studenten nicht ins kalte Wasser springen müssen, haben die "Rock your life"-Aktivisten eine professionelle Agentur beauftragt, die die Coachs betreut und fortbildet. Und nun steht der nächste Schritt an: Aus dem Projekt soll ein bundesweites Sozial-Unternehmen werden. Die Mitgründerinnen Christina und Elisabeth wollen hauptberuflich die Geschäftsführung übernehmen. Um ihre Jobs zu finanzieren, suchen die Studenten nach Sponsoren - ein Kraftakt. "Wir waren große Visionäre am Anfang. Aber dann haben wir schnell gelernt, wie naiv wir eigentlich sind. So ein soziales Unternehmen aufzubauen ist nicht ohne. Es gibt so viel zu tun! Aber vor kurzem haben wir ein Preisgeld bei einer Ausschreibung gewonnen und wir sind auch bei "Start Social" Stipendiat – das zeigt uns, dass es voran geht."

Vorurteile abbauen

Doch auch persönlich hat Linn bei "Rock your Life" mehr gelernt, als aus so manchem Uni-Kurs: "Ich muss zugeben, ich hatte Hauptschülern gegenüber viele Vorurteile. Ich habe mich unbehaglich gefühlt, wenn mir eine Gruppe lärmender Schüler entgegen kam. Jetzt begegne ich ihnen ganz anders."

Unterstützung von der Uni

Unterstützung bekommen die engagierten Studenten vor allem von ihrer Uni. "Es wird bei uns gerne gesehen, wenn Studenten Unternehmen oder Initiativen gründen", erklärt Linn. Darum unterstützte die Zeppelin Universitäts-Gesellschaft "Rock your Life" auch mit einer Spende über 10.000 Euro. Ein Referent des Präsidiums hat bei Problemen ein offenes Ohr. Sogar einen Beirat haben die Studenten gegründet, in dem der Präsident der Uni, ein Marketingprofessor und die Geschäftsführerin der Zeppelin Universitäts-Gesellschaft sitzen. Und Peer Steinbrück, der "Geburtshelfer" von "Rock your Life"? Der ist höchstpersönlich Schirmherr der Initiative.

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