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Büffeln ohne Ballast

Beim Lernen überfordert - ein Lernplan hilft [© Nicola_Del_Mutolo - Fotolia.com]

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Wenn die Prüfung naht, beginnt für viele der Ausnahmezustand. Die richtige Lernstrategie und ein paar Tricks lindern das Leid und führen zum Happy End.

Die Freunde hat man schon lange nicht mehr gesehen, die Nachrichten auch nicht, und in der Küche stapeln sich Berge von Geschirr. Am Badezimmerspiegel kleben Notizzettel, und auf dem Küchentisch steht der Kaffeenachschub – noch vier Wochen bis zur Prüfung. So viel Fleiß war nie: Zehn Stunden am Tag hinter den Büchern! Nicht immer folgt auf das Bemühen auch die Belohnung. "Studenten, die in Prüfungen nicht bestanden haben, berichteten oft, dass sie sehr viel gelernt hätten – in den letzten Wochen sogar fast ohne Pausen", sagt Martin Schuster, Psychologe und Experte für Lerntechniken von der Universität Köln. Nur Büffeln reicht eben nicht. Um eine schwere Prüfung zu überstehen, müssen gute Lernstrategien mit einer vernünftigen Zeitplanung zusammenkommen.

Statt Auswendiglernen lieber Reden schwingen

Lernen fängt mit dem Verstehen an. Gerade wenn die Zeit knapp ist, ist es verlockend, nur noch zu pauken, um den Stoff "wegzubekommen". Ein Fehler. "Auswendiglernen hat zwar seinen Platz im Lernprozess", sagt Andreas Gold, Lernforscher und Professor am Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Frankfurt am Main. "Aber nur zur Festigung dessen, was vorher verstehend gelernt wurde." Der Stoff muss am Anfang regelrecht durchdacht und innerlich durchdiskutiert werden. Zwei Arten von Strategien helfen dabei: Reduktiv geht derjenige vor, der mit dem Textmarker in der Hand das Wichtigste unterstreicht. Aber auch, wer sich eine Skizze oder ein Schaubild anfertigt, wirft überflüssigen Ballast fort.

Das Gegenstück zum Vereinfachen und Aussortieren ist das so genannte elaborative Lernen. Dabei soll das neue Wissen mit dem bereits vorhandenen Vorwissen verknüpft und so besser verankert werden. Elaborativ lernen bedeutet zum Beispiel, Fragen an den Text zu stellen und dort Antworten zu suchen, nach Beispielen zu fahnden oder zu überlegen, wo das neue Wissen praktisch eingesetzt werden könnte. Nützlich ist es auch, eine Zusammenfassung in eigenen Worten zu schreiben – eine Mischung aus Reduktion und Elaboration. Ebenfalls ergiebig, wenn auch anfangs oft frustrierend, ist der Versuch, das Gelernte einem Laien in einfachen Worten zu erklären. Eine ungewöhnliche Methode empfielt die Psychologin Helga Knigge-Illner, die Studenten an der Berliner FU bei der Examensvorbereitung berät. "Halten Sie doch einfach einmal eine flammende Lobrede auf eine Theorie, die Sie gerade lernen müssen."

Einfach mal den Klappentext lesen

Beim Lesen und Verstehen von Fachliteratur helfen eine Reihe von Techniken dabei, nicht an Nebensächlichkeiten hängen zu bleiben oder den Stoff nur oberflächlich wahrzunehmen – zum Beispiel die so genannte SQ3R-Methode: SQ3R steht für Survey – Question – Read – Recite – Review. Am Anfang kommt der Survey. Nicht gleich vorne anfangen zu lesen, sondern sich erst einmal einen Überblick verschaffen: Was verraten Vorwort, Klappentext, Inhaltsverzeichnis und Überschriften? Was steht in der Zusammenfassung? Anschließend formuliert der Leser Fragen an den Text. Dazu muss er sich klar werden, welche Informationen er diesem eigentlich entnehmen will. In welchem Verhältnis steht der Text zum Thema, an dem er gerade arbeitet? Dann wird abschnittsweise gelesen: Wie lauten die Hauptaussagen? Was ist unklar? Werden die Fragen beantwortet, die ich am Anfang formuliert habe? In diesem Abschnitt können auch neue Fragen aufgenommen werden. Anschließend rekapituliert man das Gelesene, fasst den Text in eigenen Worten zusammen, notiert die wichtigsten Aspekte und die Antworten auf die vorher gestellten Fragen. Beim fünften und letzten Schritt, dem Rückblick, prüft man schließlich, ob man die Aussagen richtig zusammengefasst hat, und geht unklare Stellen noch einmal durch.

So wiederholst du richtig

Leider reicht es nicht, den Lernstoff zu durchdringen, zu hinterfragen, umzustrukturieren und geistig durchzuwalken. Pauken muss trotz allem sein. Ausnahme: ein Aha-Erlebnis, bei dem der Groschen fällt. Wiederholungen müssen von Anfang an eingeplant werden. Es bringt nichts, immer mehr Stoff in sich hineinzufressen, sich dabei ungeheuer fleißig und schnell vorzukommen und erst nach Tagen mit dem Repetieren zu beginnen. Ebenso unsinnig ist es aber, zum Beispiel Vokabeln an einem einzigen Tag zigmal zu wiederholen und sie dann nie wieder anzuschauen. Experten raten zum so genannten verteilten Lernen. Man unterteilt den Stoff in sinnvolle Abschnitte und wiederholt jeden Abschnitt im Laufe der Zeit mehrere Male. Wichtig: Wiederholen bedeutet dabei keineswegs bloß "noch mal durchlesen". Besonders wirkungsvoll ist es, den Lernstoff auch in der Wiederholungsphase noch einmal kurz zu durchdenken und sich erneut bewusst zu machen, was die wichtigsten Aspekte sind. Auch ein altbekanntes Mittel aus Schülertagen hilft weiter. "Lassen Sie sich abfragen", rät der Lernexperte Martin Schuster.

Wer hintereinanderweg ähnlichen Stoff paukt, merkt manchmal, dass die Inhalte sich tückisch wechselseitig verdrängen. Das vorher Gelernte fällt dem später Gelernten zum Opfer oder umgekehrt. Ein kleiner Themenwechsel ab und an hilft weiter. "Das gilt aber in erster Linie fürs Auswendiglernen", sagt der Lernforscher Andreas Gold. "Beim verstehenden Lernen gibt es da meist keine Probleme. Sie können sich also ruhig ein Fachgebiet am Stück aneignen."

Lernen wie in der Antike - mit der Locitechnik

Die alten Griechen halfen ihrer Erinnerung mit den so genannten Mnemotechniken nach. Einige dieser trickreichen Merkmethoden benutzen auch professionelle Gedächtniskünstler. "Diese Techniken können für die Prüfungsvorbereitung ebenfalls sehr nützlich und wirksam sein", sagt Martin Schuster. Allerdings könne man die Methoden nur für ganz bestimmte Lerninhalte nutzen. Die Locitechnik zum Beispiel, von der auch Cicero berichtet, ist besonders geeignet, um sich Gliederungen, Reihenfolgen oder Aufzählungen einzuprägen, die Symptome einer Krankheit beispielsweise oder die Faktoren, die zur Französischen Revolution führten. Zunächst überlegt man sich eine Abfolge von Orten; das können markante Punkte auf dem Weg zur Arbeit sein, aber auch die eigenen Körperteile vom Kopf bis zur Sohle oder die Stationen einer Reise. Diesen Weg wandert man gedanklich ab, bis man ihn jederzeit parat hat. Dann entwickelt man zu jedem Stichwort, das man lernen muss, ein Bild. Dieses Bild wiederum wird mit den einzelnen Orten bildhaft verknüpft. An der Kommode hängt dann zum Beispiel ein Fieberthermometer, das erhöhte Temperatur signalisiert. "Mit der Locitechnik können Sie sich fast ohne Mühe eine Reihe von 50 Stichwörtern merken", sagt Martin Schuster. Etwas Zeit kostet das Verfahren allerdings. "Das ist keine Rettungsstrategie auf den allerletzten Drücker."

Ohne Zeitplan geht es nicht

Die besten Lernstrategien nützen wenig, wenn am Ende die Zeit zu knapp ist. Deshalb muss am Anfang des Paukmarathons ein realistischer Zeitplan stehen. Eine nur scheinbar triviale Aufgabe. "Viele verschätzen sich enorm", beobachtet Helga Knigge-Illner von der psychologischen Studienberatung der FU Berlin. Ihr Rat: Ehrlich prüfen, wie lange man wirklich konzentriert arbeiten kann, und dabei die Erfahrungen mit ähnlichen Arbeiten heranziehen. Von der realistisch eingeschätzten Arbeitszeit nur zwei Drittel konkret verplanen; und auf keinen Fall vergessen, dass Einkaufen und Arzttermine mehr als drei Minuten dauern und man ja auch die Freunde ab und an noch treffen will. Die Pläne sollten sehr detailliert sein – am besten heruntergebrochen bis auf einzelne Stunden. Wer ständig überzieht, kann so noch rechtzeitig die eigene Planung überdenken – und behält die Herrschaft über das Prüfungsprojekt.

Realistisch zu sein ist nicht nur bei der Terminplanung schwierig. Auch den eigenen Wissensstand können viele nur schwer einschätzen, beobachtet Knigge-Illner. Statt in die Offensive zu gehen und sich mit anderen Prüflingen zu vergleichen, verkriechen sie sich. "Dahinter steckt die Angst, dass das eigene Selbstwertgefühl angeknabbert wird. Aber in diesem Fall ist der Selbstschutz schädlich.“ Denn wer wirklich hinterherhinkt, hat mehr davon, wenn er es rechtzeitig merkt. Oft ist es aber auch umgekehrt. "Die Leute denken, sie wüssten fast nichts. Beim Austausch mit anderen merken sie dann: 'Ich bin ja schon richtig gut.'"

© DIE ZEIT 15.01.2004 Nr. 4 (Zur Original-Version des Artikels)

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