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Sich Namen merken durch Zuhören

Klassenzimmer, Seminar, Studenten, Schüler (Quelle: freeimages.com, Autor: cobrasoft)

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Ob Professor, Vertriebler oder Führungskraft: In vielen Jobs muss man sich unzählige Namen schnell merken können. Der Gedächtnistrainer Boris Konrad verrät seine Tricks.

ZEIT ONLINE: Herr Konrad, Sie haben den Weltrekord im Namen-Merken aufgestellt. Wie viele Namen und Gesichter können Sie sich merken?

Boris Nikolai Konrad: 201 Namen in 15 Minuten.

ZEIT ONLINE: Deutsche oder chinesische?

Konrad: (lacht) Deutsche Namen. Den Rekord habe ich bei den deutschen Meisterschaften im Jahr 2010 aufgestellt. Es gibt allerdings auch Weltmeisterschaften, da müssen dann internationale Namen gelernt werden. Hier liegen die Rekorde etwas niedriger.

ZEIT ONLINE: Wie kommt man darauf, Namenmerken als Sport zu betreiben?

Konrad: Schon in der Schulzeit und im Studium habe ich nach Techniken gesucht, um besser lernen zu können. Ich wurde auf den Verein MemoryXL aufmerksam, einem Verein für Gedächtnissport. Mir hat es Spaß gemacht, verschiedene Techniken auszuprobieren und zu lernen, wie schnell man sein Gedächtnis mit ein wenig gezielter Übung verbessern kann.

ZEIT ONLINE: Das heißt, man denkt schneller?

Konrad: Man denkt nicht unbedingt schneller, aber die Leistung ist höher, weil andere Bereiche im Hirn aktiviert werden und sich dadurch die Merkfähigkeit verbessert.

ZEIT ONLINE: Dann erklären Sie doch mal, wie das Ganze funktioniert.

Konrad: Das Wichtigste ist, dass Sie zuhören, wenn Ihnen jemand vorgestellt wird. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber viele Menschen können sich schon zehn Minuten, nachdem Sie jemanden neu kennengelernt haben, nicht mehr an dessen Namen erinnern, weil sie nicht zugehört haben. Versuchen Sie, den Namen zu verstehen und sich ihn einzuprägen. Prägen Sie sich auch das Gesicht Ihres Gegenübers ein. Am Ende verknüpfen Sie den Namen und die Person mit einem unkonventionellen Bild, das sie sich einprägen.

ZEIT ONLINE: Welches Bild haben Sie sich zu meinem Namen gemerkt?

Konrad: Bei Ihrem Namen ist es recht einfach. Zu Groll kann ich mir ein böses kleines Monster vorstellen. Und während Sie mir lächelnd gegenüberstehen und die Hand reichen, stelle ich Sie mir dabei vor, wie Sie dieses böse kleine Monster in die Flucht jagen. Dieses Bild ist absurd und prägt sich deshalb gut ein.

ZEIT ONLINE: Namen, die eine Bedeutung haben, sind doch ohnehin einfach zu merken. Aber was machen Sie mit komplizierten Doppelnamen?

Konrad: Auch zu denen findet man Bilder. Oft reicht es ja schon, wenn der Name ähnlich wie ein Wort klingt. Indem man eine visuelle Technik anwendet, werden verschiedene Bereiche im Gehirn aktiviert, als wenn man sich auf das reine Zuhören verlässt. Die Fantasie wird angeregt. Man trainiert seine eigene Kreativität.

ZEIT ONLINE: Sie untersuchen das auch wissenschaftlich, denn hauptberuflich arbeiten Sie als Neurowissenschaftler am Max-Planck-Institut. Inwieweit ist die Gedächtnisleistung denn abhängig vom Intelligenzquotienten?

 

Konrad: Es besteht zumindest ein Zusammenhang, allerdings ist die Gehirnleistung auf jeden Fall trainierbar, völlig unabhängig vom IQ. Jemand mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten kann mit wenig Training seine Lernfähigkeit und Gedächtnisleistung deutlich verbessern. Für einen Hochbegabten gilt das natürlich ebenso.

ZEIT ONLINE: Sie sind auch als Gedächtnistrainer in der Wirtschaft tätig. Wer nimmt an Ihren Seminaren teil?

Konrad: Im Prinzip jeder, der sich viele Namen merken muss. Das sind Lehrer und Professoren oder auch Ärzte, die ständig wechselnde Patienten haben. Führungskräfte mit großen Teams. Mitarbeiter im Vertrieb, Marketingleute oder Flugbegleiter, die sich für jeden Flug die wichtigsten Gäste in der ersten Klasse merken müssen. Im Prinzip kann jeder von so einem Training profitieren, der viel Kundenkontakt hat.

ZEIT ONLINE: Welche weiteren Gedächtnistechniken gibt es?

Konrad: Wenn Sie sich oft Reihenfolgen merken müssen, ist die Loci-Technik geeignet. Damit lassen sich beispielsweise Begriffe in einer bestimmen Reihe leichter merken. Sie nehmen einfach einen Ort oder einen Weg – zum Beispiel den Weg zur Arbeit oder einen Rundgang durch Ihr Haus – und legen in jedem Zimmer oder an jedem prägnanten Ort einen Begriff ab. Nehmen wir beispielsweise einen Jurastudenten, der die einzelnen Paragrafen eines Gesetzes auswendig lernt. Der erste Paragraf liegt dann an der Haustür, der letzte im Keller.

ZEIT ONLINE: Wenn ich viele komplexe Reihenfolgen lernen muss, gehen mir doch irgendwann die Orte aus.

Konrad: Keineswegs. Sie können Routen ja wiederverwenden. Dafür ist nur wichtig, dass sie die erste gut gelernt haben und die gelernte Reihenfolge ins Langzeitgedächtnis übergeht. Dann können Sie eine Route auch mit neuen Begriffen zu einem bestimmten Oberthema belegen. Der Jurastudent könnte beispielsweise auf diese Weise das Grundgesetz und das Betriebsverfassungsgesetz mit dem gleichen Weg lernen.

ZEIT ONLINE: Wie lange dauert es, bis man eine bessere Gedächtnisleistung erreicht?

Konrad: Das geht sehr schnell. Schon wenn Sie sich ein wenig mit Gedächtnistechniken beschäftigen und sie ausprobieren, können Sie eine Verbesserung merken. In einem Seminar lernt man in der Regel die wichtigsten Techniken kennen und kann sie unter Anleitung trainieren. Solche Seminare dauern meistens ein bis zwei Tage, aber es gibt auch kürzere Workshops. Danach hängt es vom Training ab. Das muss gar nicht zeitaufwendig sein. Viele trainieren Namenmerken nebenbei, wenn sie zum Beispiel Nachrichten hören oder eine Talkshow im Fernsehen ansehen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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