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Mit Rosmarin zum Elefantenhirn

Foto: Nils Schwarz

Möglichst viel Wissen in möglichst wenig Zeit im Gehirn verankern – welcher Student wünscht sich das nicht? Gedächtnisweltmeisterin Christiane Stenger verrät im Interview, wie du in Zukunft mit wahrhaft sinnlichen Lerntechniken schneller ans Ziel kommst.

Du bist als Gedächtnisweltmeisterin mit Ratgebern für Gedächtnistraining bekannt geworden. Dein aktuelles Werk heißt "Wer lernen will, muss fühlen". Klingt ein bisschen esoterisch – wie bist du zu diesem Thema gekommen?

Mir ist während des Gedächtnistrainings aufgefallen, welch große Rolle Bilder beim Merken spielen. Und gerade während der Meisterschaften habe ich bemerkt, dass das Bild zwar die Grundlage der Erinnerung ist. Die Bilder haben sich aber im Lauf der Zeit auch zu einem Gefühl entwickelt. Wenn ich mir knapp 300 Ziffern in fünf Minuten gemerkt habe, dann hatte ich zu jeder Zahl ein Bild. 10 ist bei mir eine Tasse, 90 ist der Bus, 50 ist das Lasso. Und wenn das Einprägen ganz schnell gehen muss, habe ich zwar das Bild gesehen – also zum Beispiel die Tasse. Aber viel wichtiger war das Gefühl, das ich dazu hatte. Und so habe ich den Zusammenhang zwischen Fühlen und Merken kennengelernt.

Eine weitere zentrale Technik im Gedächtnistraining ist die Routentechnik – auch Loci-Methode genannt. Die ist 2.000 Jahre alt und wurde schon von den alten Griechen genutzt, um Reden einzustudieren. Die haben sich in den Säulenhallen zu jeder Säule ein Bild vorgestellt, über das sie sprechen wollten. So konnten sie sich an jeder Säule das nächste Thema "abholen" und ihr Publikum mit einer gänzlich frei gehaltenen Rede beeindrucken. Heute muss man natürlich keine Säulen mehr nehmen, sondern kann zum Beispiel eine Route in der eigenen Wohnung erstellen. Am besten funktionieren nämlich vertraute Orte. Man kann auch den Weg zur Arbeit oder zur Uni nutzen. Dann legt man entlang der Route markante Punkte fest. Das können jeweils zwei, drei Punkte im Abstand von einem Meter sein. Anschließend prägt man sich zunächst diesen Weg ein – geht also zum Beispiel rechts in der Wohnung herum, mit der Tür als Startpunkt. Nach der Tür kommt vielleicht ein Stuhl, eine Kommode und so weiter. Im Bad ist es der Handtuchhalter, der Spiegel und das Waschbecken. Diese Route prägt man sich zuerst als Basis ein. Sie dient dann als bekanntes Wissen, an das man neue Informationen anknüpfen kann, indem man lustige Bilder baut und den Lernstoff in einem merkwürdigen, verrückten Bild mit dem jeweiligen Routenpunkt verknüpft.

Mein Gedächtniscoach hat immer darauf gepocht, dass wir bei dieser Technik auch unsere Sinne einbeziehen. Konkret kann das zum Beispiel so aussehen: Wenn eine Regenrinne auf dem Weg zur Uni der Routenpunkt ist, stellt man sich vor, sie hochzuklettern. Bei der Eisdiele wird natürlich ein Eis gekauft. Durch diese Ansätze ist die Idee für das Buch gewachsen.

Worin besteht der Zusammenhang zwischen unserem Verstand und unserer Gefühlswelt?

Wir denken ja immer, wir sind rationale Lebewesen – das stimmt natürlich auch. Aber oft genug entscheiden wir intuitiv und können gar nicht erklären, woher dieses Gefühl eigentlich kommt. Diesen Gegensatz zwischen Verstand und Gefühl finde ich sehr spannend. Die Gefühle verstecken sich immer ein bisschen und wir meinen, klar, wir entscheiden logisch und ganz rational. Aber im Grunde genommen haben diese Gefühle sehr viel Macht über uns. Umso interessanter ist es dann, wenn man sie für das Lernen nutzen kann. So wird das Lernen auch weniger kalt und stupide. Man kann es aktiv selbst gestalten und seine Erfahrungen und Erlebnisse einbauen. Wenn man zum Beispiel mit einem schönen Urlaubsort eine Route macht und sich anhand dieser Route den Prüfungsstoff einprägt, kann man auch noch schöne Dinge mit dem Lernen verbinden – seine eigene Kreativität und seine eigenen positiven Gefühle.

In deinem Buch beschäftigst du dich mit jedem der fünf Sinne. Wie kann denn zum Beispiel der Geruchs- oder Tastsinn beim Lernen helfen?

Zunächst geht es mir darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass diese Sinne da sind und Lernen damit besonders gut funktioniert. Das Riechen ist sehr spannend – es ist oft ein Schlüssel zu unserem Gedächtnis. Wenn man einen bestimmten Duft wahrnimmt, kann es passieren, dass man sofort ein Bild aus der Vergangenheit geliefert bekommt. Bei mir sind das zum Beispiel Zimtschnecken. Wenn ich Zimt rieche, dann ist da sofort eine Zimtschnecke. Und dann kommen neben der Erinnerung an einen Moment in der Kindheit auch wieder die ganzen Gefühle zum Vorschein. Das gehört alles zusammen. Wenn man im Gedächtnistraining mit Bildern arbeitet, kann man sich dazu also vorstellen, wie etwas riecht. Wenn ich mir eine Rose merken will, dann stelle ich mir neben dem Bild auch vor, wie diese Rose riecht. Eine andere Möglichkeit, den Geruchssinn beim Lernen zu nutzen ist aber auch, Düfte zu verwenden, die einen entspannen. Man kann sich also einfach ätherische Öle hinstellen, um besser zu lernen. Studien belegen, dass man sich mit bestimmten Düften Dinge besser merken kann. Rosmarin zum Beispiel soll beim Lernen sehr gut unterstützen. Den Tastsinn setzt man ein, indem man sich vorstellt, wie sich die Dinge anfühlen. Je mehr Sinne man anspricht, desto mehr Gehirnareale erreicht man. Das Netz der aktivierten Gehirnzellen wird größer, deshalb ist auch die Chance größer, sich zu erinnern.

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