Stressmanagement für Mediziner

Burn-Out , Stress (Quelle: freeimages.com, Autor: glendali)

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Stress und Burnout sind häufige Themen unserer hektischen, komplexen Zeit. Das ist in Krankenhäusern nicht anders – viele Ärzte haben selbst große Probleme mit ihrer Gesundheit. Wie es ihnen gelingt, mit ihrer stressigen Arbeitssituation positiv umzugehen, erläutert Tobias Illig, Leiter des 'Positiven Management Instituts'.

Mediziner in Kliniken haben vielfältige Herausforderungen zu bewältigen: straffe Zeitpläne, durch die es die Patienten hindurchzuschleusen gilt, ein restriktives Management, das durch Controlling die einzelnen Kliniken tiefgreifend (be)schneidet, eine strenge Hierarchie innerhalb der Ärzteschaft, die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen (Pflegekräfte, Verwaltungspersonal, etc.), die sich oft unkooperativ verhalten, belastende Schichtdienste bis tief in die Nacht, die an die eigenen Leistungsgrenzen gehen, der Umgang mit der Frage nach Leben und Tod bei eigenem Scheitern, und so weiter.

Dabei beginnt der Einstieg in den Beruf für viele Mediziner sehr ambitioniert. Man will engagiert im Dienst der Menschheit zu deren Wohl wirken. Die Ernüchterung stellt sich für viele Jungärzte meist nach der halbjährigen "Honeymoon-Phase" ein, wenn man sich enttäuscht in einem verökonomisierten Klinikbetrieb wiederfindet. Mediziner brauchen ein gesundes Stressmanagement und Psychohygiene, um den Klinikalltag zu meistern und den Sinn ihrer Arbeit nicht zu verlieren. 

Resignative Reife hilft

Einen widrigen Arbeitsplatz zu akzeptieren, fällt nicht leicht. Seit Jahren deklarieren Studien nicht nur im Gesundheitswesen eine miserable Arbeitswelt voller Arbeitslast, tyrannischer Vorgesetzer und zuviel psychischem Druck. Dabei kann es eine Strategie sein, bewusst nicht (!) mehr gegen die Widrigkeiten zu kämpfen und Stress stattdessen als normalen Bestandteil des Lebens zu betrachten.

Gleiches empfiehlt beispielsweise der Heidelberger Paartherapeut Arnold Retzer, der Paaren rät, ihre Ehe von unrealistisch-verwöhnten Ansichten zu entfrachten und wieder zu menschengemäßen, erwachsenen Anspruchshaltungen zu gelangen. Dabei prägte Retzer den Begriff der resignativen Reife. Es gelte, den Partner zu akzeptieren, wie er ist (zu resignieren). Dies soll man aber mit Würde und Achtung tun (Reife). Es könnte eine Lösung für manche Mediziner sein, sich von unrealistischen, zu idealisierten Vorstellungen zu entfrachten und sich mit der vorgefundenen Realität konstruktiv zu arrangieren. 

Die Opferrolle verlassen

Opfer fühlen sich überall und ständig hilflos ausgeliefert. Wer die Lösung ständig vom Management oder dem eigenen Chef erwartet (dem in vielen Fällen übrigens auch die Hände gebunden sind), braucht andere Strategien, die eher auf das eigene Innere und das soziale Miteinander zielen, als von anderswo die Heilung zu erhoffen. Wer also lernt, Verantwortung für sein Innenleben und sein Sozialleben zu übernehmen, ist der Lösung schon einen wesentlichen Schritt näher.  

Sinn und Salutogenese stärken

Das Konzept der Salutogenese des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky untersucht, was Gesundheit begünstigt, erhält und unterstützt. Mediziner fragen oft danach, was Menschen krank macht, Antonovsky dreht den Spieß um und untersucht, was den Menschen gesund hält. Im Wesentlichen geht es um die aktive Anpassung des Einzelnen an jeweilige dynamische Veränderungen und das konstruktive Bewältigen selbst schwer belastender Einflüsse. Besonders das sogenannte Kohärenzgefühl ist dabei wesentlich. Es beschreibt die erlebte Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz: "Ich bin am richtigen Platz. Hier werde ich gebraucht." Dass man das für sich nicht unbedingt leicht beantworten kann, ist besonders dann verständlich, wenn man sich nur als Kostenfaktor und Zahlenlieferant fühlt.

Dann braucht ein Arzt den Blick für das Wesentliche, weil er oder sie bestimmt nicht in erster Linie für den kaufmännischen Direktor dort arbeitet oder für den eigenen Chef. Ein Arzt arbeitet für die Patienten. Eine erfahrene Chefärztin formulierte es so: "Am Ende jeden Tages nehme ich mir zehn Minuten Zeit, um zu einem dankbaren Patienten zu gehen. Ich muss sichergehen, dass der Patient wirklich dankbar ist. Zu undankbaren Nörglern gehe ich nicht. Diese zehn Minuten mit einem dankbaren Patienten zeigen mir, wofür ich meinen Beruf eigentlich ausübe. Das gibt mir Kraft und Sinn für meinen stressigen Alltag." 

Gesundheitskonzept: Positives Leadership

Die Effekte eines positiven Gesundheitsmanagements sind unschlagbar: Mehr Arbeitszufriedenheit, weniger Krankheitstage, mehr Produktivität, bessere Kooperation, bessere Rendite. Besonders der Ansatz des Positive Leadership des US-amerikanischen Managementprofessors Kim Cameron sucht in vier Konstellationen eine Verbesserung der Performance und erforscht positive Abweichungen von der Norm. Sein Fazit: Positive Kommunikation, Vermittlung von Sinn, ein positives Klima und positive Beziehungen sorgen für mehr soziale Stabilität, Stressreduktion und Sinnerhalt. Greifen wir die Ideen aus dem Positiven Management auf: 

Positive Kommunikation

Besonders die Arbeiten des Paarforschers John Gottman und des Führungspsychologen Marcial Losada weisen nach, dass beispielsweise mehr positive als negative Kommunikation (bei Losada mindestens im Verhältnis 3:1, bei Gottman sogar 5:1) Beziehungen langfristig stabilisiert. Das Phänomen ist für klinische Zusammenarbeit besonders interessant, wenn es darum geht, miteinander zu kooperieren und weniger zu konkurrieren. Positive, gewaltarme Kommunikation allerdings will mühsam erlernt werden. Interne Kurse und Coaching können Wunder bewirken.  

Vermittlung von Sinn

Es gilt sich selbst zu fragen, wofür und wozu man jeden Tag in die Klinik geht. Was ist der Sinn meiner Tätigkeit? Wer diese Frage für sich beantworten kann, lebt resilienter und kohärent im Hier und Jetzt. Wer die Sinnfrage für sich nicht beantworten kann, wünscht sich eine bessere Vergangenheit wieder her ("Früher war alles besser!") oder erhofft sich ein zukünftig schöneres Paradies ("Wenn ich erst mal ..., dann ..."). Beides geht an der Wirklichkeit im Jetzt vorbei. Es gilt, sich die eigene Berufsidentität mit gesundem Selbstwert und Selbststolz in Erinnerung zu rufen und in den Alltag zu transferieren.

Einige Fragen am Ende des Tages helfen: Was ist mir heute gelungen? Worauf bin ich stolz? Wofür will ich danken? Welche Begegnungen haben mir gut getan? Was hat heute mein Interesse geweckt? Was habe ich heute gelernt? Worin bin ich einen Schritt weitergekommen? Wir sollen den Fokus nicht auf die Defizite des Alltags lenken (wir werden verlieren!), sondern auf die "happy moments", die positiven Abweichungen im Alltag. Einen bessernden Effekt haben Forscher der Positiven Psychologie in Langzeitstudien nachweisen können. 

Positives Klima

Wer in einem inspirierenden Umfeld arbeitet, in dem er seine Stärken jeden Tag einbringen kann, kann sich glücklich schätzen. Das Gallup-Institut stellt im jährlichen Engagement-Index immer wieder heraus, dass sich deutsche Arbeitnehmer in ihren Firmen emotional nicht zuhause fühlen. Das betrifft auch das Gesundheitswesen. Viel zu viel wird in Organisationen gejammert und geklagt, was alles schlecht läuft, defizitär ist und nicht funktioniert. Davon kann man tatsächlich depressiv werden. Wir sollten eher die Energien bündeln und auf das Positive, Gelingende und unsere Stärken richten, wenn wir ein positives Klima finden möchten. Dann haben wir zumindest die Chance, auch etwas Anderes wahrzunehmen als immer nur das ewige Gejammer. 

Positive Beziehungen

Cameron unterscheidet in seinen Forschungen drei Typen in einer Organisation: 

  1. "Schwarze Löcher" –  diese Typen absorbieren sämtliche produktive Energie und vergiften jedes Klima. Überall sehen sie das Negative, nichts kann man ihnen recht machen, überall haben sie etwas zum Herummeckern. Werden "schwarze Löcher" zu stark in einer Organisation, wirken sie toxisch auf das gesamte Team- und Betriebsklima. Es hilft gelegentlich, sie auf ihr destruktives Verhalten anzusprechen, sie coachen zu lassen, manchmal sie an einen anderen Arbeitsplatz zu versetzen oder oft einfach freizusetzen, damit sie an anderer Stelle toxisch wirken können.  
  2. "Dezentrale Personen" wirken sich weder positiv noch negativ auf das Betriebsklima aus. Sie sind die arbeitenden Säulen, die den "Laden am Laufen" halten und sich durch eine hohe Loyalität auszeichnen. 
  3. "Energetisierende Drehkreuze" treiben das Klima mit ihrer sympathisch-optimistischen Art nach oben. In ihrer Nähe hält man sich gerne auf, sie haben inspirierende, motivierende Wirkung auf die gesamte Organisation. Sie bringen Licht ins Dunkel des Alltags und wirken sich positiv auf die Leistung aus. Es gilt in Kliniken sowohl die schwarzen Löcher, die dezentralen Personen als auch die energetisierenden Drehkreuze zu identifizieren und sich im Team zu überlegen, wie man Leistung und Betriebsklima energetisch produktiv nach oben treiben kann. 

Veränderung fängt bei einem selbst an. Sofern man keinen erweiterten Machtspielraum hat, um auch in die Managementetage zu wirken, bleibt die Arbeit im und am eigenen Umfeld, um Positivität zu ernten. Solidarisieren Sie sich mit positiven Drehkreuzen, kommunizieren wenigstens Sie konstruktiv, suchen Sie dankbar das Positive in Ihrer Klinik und stärken Sie den Sinn Ihrer medizinischen Berufung durch positives Patientenfeedback und selbstbestätigendes Mentaltraining. Sie haben nicht umsonst Ihre Berufung gewählt. 

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