Promotion
Abgehobenes Angebot
Graduiertenschulen sollen zu wissenschaftlicher Exzellenz führen. Doch nur wenige Betriebswirte promovieren, um wirklich zu forschen.
Christoph Sextroh ist über Norwegen nach Mannheim gekommen. Seit September 2008 arbeitet und forscht der Doktorand der Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der Mannheim Graduate School of Economic and Social Science. An der norwegischen Uni "hat es mich fasziniert, dass es die Lehrstuhl-Promotion gar nicht gibt", sagt der 25-Jährige. Dort arbeiteten Professoren und Doktoranden gleichberechtigt an ihren Themen.
"Etwas Vergleichbares wollte ich auch in Deutschland finden." Nach langer Suche wurde er fündig. Sextroh ist einer der ersten Betriebswirte, die in Deutschland eine Graduiertenschule besuchen.
Noch sind strukturierte Programme für Doktoranden in der deutschen BWL eine große Ausnahme. Nur wenige Hochschulen organisieren die Ausbildung ihrer Doktoranden nach US-Vorbild. In vielen anderen Fächern, auch in der Nachbardisziplin Volkswirtschaftlehre, sind "Graduate Schools" schon weiter verbreitet. Unter anderem, weil Bund und Länder sie im Rahmen der Exzellenzinitiative gezielt fördern.
Fragt man deutsche Betriebswirte nach derartigen Programmen, fallen immer gleich mehrere Namen: Köln, Mannheim und die Humboldt-Universität in Berlin gehören zu den Vorreitern.
Wer an diesen Hochschulen als Betriebswirt ein Graduiertenprogramm besucht, hängt nicht mehr vom Wohl und Wehe seines Doktorvaters ab, sondern wird von vielen Professoren betreut und ausgebildet. Zusätzlich - und anders als bei der klassischen Lehrstuhl-Promotion - pauken die Institute den Doktoranden massenhaft Methoden- und Grundlagenwissen ein. Von Ökonometrie, Makroökonomie, Mathematik - wer während Grund- und Hauptstudium darin nicht schon spitze war, muss nun in den Grundlagenkursen beweisen, dass er wirklich das Zeug zum Wissenschaftler hat. Geforscht wird an den Graduiertenschulen erst, wenn die Methoden sitzen.
Für die Doktoranden der alten Schule, die an einen einzelnen Professor gebunden sind und die als Einzelkämpfer an dessen Lehrstuhl versuchen, etwas wissenschaftlich Relevantes zu verfassen, kann das eine echte Bedrohung bedeuten. "Wer eine akademische Karriere anstrebt und wirklich international konkurrenzfähig forschen möchte, wird es ohne eine strukturierte Ausbildung in Zukunft sehr schwer haben", sagt Joachim Gassen, BWL-Professor in Berlin und Sprecher der Humboldt Graduate School.
Ein Vorläufer der Graduiertenschulen waren Doktoranden-Kollege, die in den 1990er-Jahren entstanden waren. Mehrere Professoren und Doktoranden forschten dabei zusammen am selben Thema, tauschten sich untereinander aus und förderten sich gegenseitig.
Doch diese Kollegs sind zeitlich begrenzt und an den Unis nicht so verankert wie die neuen Graduiertenschulen. Zudem bewegen sie sich in einer kleinen Nische: In den Wirtschaftswissenschaften besuchen deutlich weniger als zehn Prozent aller Doktoranden solch ein Kolleg, schätzt das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn.
Die Graduiertenschulen gelten wegen ihrer längerfristigen Ausrichtung, ihrer strukturierten Grundlagenkurse und ihres institutionalisierten Austauschs unter den Doktoranden und mit den Professoren als die konsequente Fortführung der Kolleg-Idee.
Der Anteil derer, die an Graduiertenschulen promovieren, ist bislang aber minimal. Selbst an großen Fakultäten wie Köln oder Mannheim ist die Zahl der Doktoranden in den Programmen pro Jahrgang auf acht bis zwölf begrenzt. Zurzeit gibt es nur fünf Graduiertenschulen in Deutschland - allerdings befinden sich einige noch im Aufbau, andere weichen vom Grundmodell ab.
Du promovierst in einem Kolleg und möchtest es bei e-fellows.net vorstellen? Mehr Infos gibt es auf der Übersichtsseite für Promotionsprogramme.
Eine Hürde beim Aufbau von Doktoranden-Programmen in der BWL ist das geringe Interesse bei den Nachwuchswissenschaftlern - nur wenige potenzielle Doktoranden bewerben sich bei den Schulen.
Ein Grund dafür ist die starke Spezialisierung der BWL in vielen separaten Fächern, für die ein jeweils eigenes Programm gebildet werden muss: Die BWL-Graduiertenprogramme der großen Universitäten gliedern sich mitunter in sechs oder sieben verschiedene Fachgebiete auf - von Management über Marketing bis hin zur Ausbildung zum Steuerexperten. Diese Spezialisierung ist fachlich notwendig, aber gerade an kleinen Universitäten nur schwer umzusetzen, da irgendwann die Einheiten einfach zu klein werden.
An kleineren Hochschulen ist es wegen der noch geringen Teilnehmerzahl deshalb fast unmöglich, eine entsprechend breite Ausbildung anzubieten. Den Universitäten bleiben nur zwei Möglichkeiten: starke Spezialisierung oder Kooperation. Für die zweite Variante macht sich der Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB) seit einem knappen Jahr stark.
In einem von den einzelnen Universitäten unabhängigen Doktorandenprogramm organisiert der Professorenverband Kurse, zu denen er renommierte Dozenten einlädt und zu denen alle Universitäten ihre Doktoranden schicken können. "Die VHB-Angebote eignen sich als Ergänzung zu einem Grundlagenprogramm, das die Universitäten schon selbst anbieten sollen", sagt der Münchener Professor Manfred Schwaiger, der das Programm federführend mitgestaltet.
Kleinere Universitäten müssen also sehr wohl Grundlagenkurse und Betreuung der Doktoranden aus eigenen Mitteln bereitstellen und können sie nur für spezialisierte Einzelkurse auf Veranstaltungen des VHB schicken. Ein richtig intensives Forschungsstudium böten trotz aller Verzahnung und überregionaler Angebote eigentlich nur die großen Universitäten, lautet daher Schwaigers Einschätzung. An den kleineren Instituten sorgten die Kooperationen zwar auch für eine breitere und intensivere Ausbildung, aber nicht in jedem Fall für einen höheren Forschungs-Output.
Genau bei der Forschung liegt zudem der zweite wichtige Grund, warum forschungsintensive Graduiertenprogramme in der BWL Seltenheitswert haben: Die Anzahl der Doktoranden mit längerfristigen Forschungsambitionen ist schlicht in der Minderheit.
"Gute BWL-Doktoranden bekommen besonders in Boom-Zeiten einfach zu viele attraktive Angebote aus der Privatwirtschaft", sagt Gassen aus Berlin. Für einen Einsatz in einem Unternehmen brauche man die methodischen Grundlagen aber nicht in dem Umfang, "wie wir sie an den Graduiertenschulen lehren".
Im Klartext: Der Aufwand, den eine Graduiertenschule bedeutet, lohnt sich für Doktoranden mit privatwirtschaftlichen Ambitionen schlicht nicht. Das bestätigt auch Doktorand Sextroh aus Mannheim: "Alle in meinem Jahrgang können sich zumindest vorstellen, in der Wissenschaft zu bleiben."
Selbst wenn sich noch weitere Graduiertenschulen für BWL gründen, wird diese Art der Promotion nach Einschätzung von Experten in Zukunft eher die Ausnahme bleiben. Wer sich als Student für eine Bewerbung entscheidet, sollte klare wissenschaftliche Ambitionen haben und sich fragen, ob das gewählte Institut zu seiner gewünschten Spezialisierung passt. Trotz Kooperationen und externen Kursangebots bleibt die standardisierte methodische Ausbildung - das Kernstück, welches die strukturierten Programme von der herkömmlichen Promotion unterscheidet - immer abhängig von der vor Ort vorhandenen Expertise des Lehrpersonals.
Diese Expertise ist sehr unterschiedlich über die BWL-Fakultäten verteilt. Für angehende Doktoranden empfiehlt es sich, Professoren und Dozenten des jeweiligen Standorts vor einer Bewerbung unter die Lupe zu nehmen.
Für Christoph Sextroh steht trotzdem noch nicht fest, ob er nach seiner Promotion als Forscher arbeiten möchte. "Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und kenne die praktische Seite der Betriebswirtschaft gut", sagt er. "Andererseits waren die Grundlagenkurse im ersten Jahr wirklich anspruchsvoll. Wer sicher weiß, dass er nach der Promotion in die Privatwirtschaft gehen möchte, sollte sich anders orientieren."
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