von Melanie Grell

Promotion an der Universität

Lehrstuhl oder Graduiertenkolleg?

Als Doktorand an einem Lehrstuhl ist man abhängig vom Wohlwollen des Betreuers, am Graduiertenkolleg muss man zahlreiche Wünsche und Meinungen unter einen Hut bringen.

 

 

 

 Promotion am Lehrstuhl

Der Großteil der Doktoranden arbeitet während der Promotion immer noch als wissenschaftlicher Mitarbeiter an einem Lehrstuhl oder Institut. Inhaber von Drittmittelstellen arbeiten meist ebenfalls an der Hochschule, die Stelle wird aber zum Beispiel von der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder von einem Unternehmen finanziert.

 

 

Wissenschaftliche Mitarbeiter haben einige Vorteile. Sie...

  • sind eingebunden in Forschungsprojekte und arbeiten meist im Team mit Kollegen
  • haben damit Zugang zu wichtigen Informationen und sind in das Netzwerk an der Uni eingebunden
  • haben meist regelmäßigen Kontakt zu Doktorvater oder Doktormutter
  • können auf Ressourcen des Lehrstuhls zurückgreifen
  • können wichtige Erfahrungen sammeln, indem sie selbst Lehrveranstaltungen halten, an Kongressen teilnehmen oder mit dem Betreuer zusammen Bücher und Aufsätze verfassen.

Es gibt aber auch Nachteile. Wissenschaftliche Mitarbeiter...

  • arbeiten üblicherweise auf halben Stellen, also zum halben Gehalt bei meist voller Arbeitsbelastung
  • übernehmen oft viel Arbeit am Lehrstuhl, die Zeit kostet
  • haben in der Regel befristete Verträge, die oft schon vor dem realistischen Ende der Promotion auslaufen
  • sind in vielen Fällen stark von einer Person abhängig, die Doktorvater /-mutter und Chef in einem ist. 

Große Falle Abhängigkeit

Nicht jede Promotion führt zum ursprünglich geplanten Ziel. Und auch wer bereits eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter hat, muss noch einen langen Weg beschreiten. Der endet nicht immer mit einem Doktortitel. Hier sind die Abbruchquoten zwar nicht so hoch wie bei externen Promotionen neben dem Job. Dennoch gibt es eine Vielzahl von Gründen, die zum Abbruch oder zum Wechsel der Stelle führen. Oft liegt es dabei nicht an mangelnder Fachkompetenz des Doktoranden, sondern an der Schwierigkeit, berechtigte, eigene Interessen durchzusetzen. Die von vielen Doktoranden einseitig wahrgenommene Abhängigkeit, zum Beispiel gegenüber dem Doktorvater und Chef, spielt dabei eine große Rolle.

Promotion

e-fellow Hartmut (27) promoviert seit Dezember 2005 am Lehrstuhl für Human Resource Management der European Business School in Oestrich-Winkel. Seine Dissertation schreibt er über den Einfluss von Diversität auf die Leistung von Arbeits- und Management-Teams. Vor eineinhalb Jahren wurde sein Chef und Doktorvater Prorektor. Seitdem gehören weniger die Vorbereitung von Lehrveranstaltungen und die Betreuung von Diplom- und Bachelorarbeiten zu seinen Aufgaben, sondern überwiegend Projekte zur Weiterentwicklung der Studienprogramme.

Warum hast du dich für eine Promotion und die Mitarbeit am Lehrstuhl entschieden?
Ich habe mich für eine Promotion entschieden, weil ich den Wunsch hatte, mich mit einem – meinem – Thema intensiv und wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Die besten Möglichkeiten dazu habe ich im akademischen Umfeld gesehen, besonders weil ich auch die Arbeit an einer Hochschule kennen lernen wollte. Diese Einschätzung stellte sich für mich als richtig heraus, weil einige externe Kollegen ihre Dissertation nur nebenbei vorantreiben können, da sie zu sehr in den Job eingebunden sind. Viele Aspekte der Arbeit am Lehrstuhl begünstigen meine Dissertation. Ich kann mich regelmäßig mit meinem Doktorvater austauschen und auf Wunsch auch mal eine kurze Auszeit nehmen um ein Kapitel zu schreiben.

Ist dein Arbeitsaufwand außerhalb der eigentlichen Promotion sehr hoch?
Das kommt darauf an. Der Arbeitsaufwand der Lehrstuhlarbeit ist saisonal sehr hoch. Da ich im Prorektorat projektbezogen arbeite, kann ich mir meine Zeit einteilen, muss aber dennoch Deadlines einhalten. Dann ist es schwieriger, gleichzeitig bei der Dissertation am Ball zu bleiben. Es gibt aber auch Abschnitte, in denen ich mich nach Absprache voll meiner Promotion widmen kann.

Welche Tipps hast du für angehende Doktoranden?
Wenn ihr die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Themenkomplex sucht, entscheidet euch für eine interne Promotion. Die Möglichkeiten an der Hochschule, die eurem Promotionsvorhaben helfen können, solltet ihr von Anfang an nutzen. Sucht den regelmäßigen Austausch mit eurem Doktorvater, mit Kollegen und Forschern von anderen Hochschulen. Nehmt Feedback zu eurer Arbeit konstruktiv an, lasst euch aber nicht davon aus der Bahn werfen. Jeder hat mal eine kleine Krise, aus der man sich aber wieder herausarbeiten kann. Auch wenn euch am Anfang die Zeit für die Dissertation ewig vorkommen mag, macht einen Plan mit vielen kleinen Zielen, die ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben müsst. Denn die Lehrstuhlarbeit kann viel Platz einnehmen und plötzlich promoviert ihr nur noch nebenbei.

 

 Graduiertenkollegs und Graduiertenschulen

Gemeinsam forschen

Im Zuge von Studiengebühren, Exzellenzinitiative und Bologna-Reform hat sich auch die Promotionslandschaft in Deutschland weiterentwickelt. Wer direkt an der Uni promovieren möchte, muss nicht auf den Lehrstuhl zurückgreifen. Auch die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Graduiertenkollegs oder die Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative sind sehr gute Alternativen. Beide sind Teil einer Entwicklung, die die "strukturierte Doktorandenausbildung" zum Ziel hat. Sie zeichnet sich aus durch ein interdisziplinäres Forschungsprogramm und ein eigens auf das jeweilige Kolleg zugeschnittene Studienprogramm. Der undefinierte Status des Doktoranden an den Unis wurde abgeschafft, die Betreuung verbessert. Die Doktoranden sind nun eingebunden in ein Forschungs- und Lernsystem und können sich untereinander austauschen. Auch die Abhängigkeit von Doktorvater oder Doktormutter reduziert sich so.

Was ist ein Graduiertenkolleg?

Graduiertenkollegs sind Einrichtungen der Hochschulen zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Als Doktorand promoviert man dort innerhalb eines von mehreren Hochschullehrern getragenen Forschungsprogramms. Dabei ist man als Doktorand angestellt oder erhält ein Stipendium. Die Genehmigung und Teilfinanzierung der Graduiertenkollegs erfolgt durch die DFG, die Organisation und Auswahl der Doktoranden liegt bei den Hochschulen vor Ort. Oft beinhalten Graduiertenkollegs Lehrveranstaltungen, Seminare und Workshops für ihre Teilnehmer. Eine Übersicht zu den aktuellen Graduiertenkollegs gibt es auf der Website der DFG.

Die Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative

Im Jahr 2002 stellte die DFG in einer Erhebung fest, dass die Doktoranden in den Kollegs trotz der Fortschritte einiges zu bemängeln hatten:

  • die Betreuung war immer noch nicht ausreichend
  • die im Kolleg vereinten Forschungsinteressen sind zu heterogen
  • durch die geringe Teilnehmerzahl findet zu wenig Austausch statt

Die Graduiertenschulen der Exzellenzinitiative haben die Anregungen der Umfrage aufgegriffen und sich andere Schwerpunkte gesetzt. Von den Graduiertenkollegs unterscheiden sich sich vor allem in folgenden Punkten:

  • sie sind prinzipiell auf Dauer angelegt
  • sie dienen der Universität zur Profilbildung (Stichwort Leuchttürme)
  • die finanzielle Förderung ist großzügig und konzentriert sich auf einige Universitäten
  • es gibt kaum Vorgaben von außen, die Hochschulen konnten ihrer Kreativität bei der Entwicklung von Forschungsthemen freien Lauf lassen

Zu den Graduiertenschulen hat die DFG ebenfalls eine Übersicht erstellt.

Promotion

e-fellow Jan (30) promoviert am Graduiertenkolleg "Biointerface", einem von der DFG gefördertem Kolleg. Darin arbeiten Doktoranden, die sich mit den Wechselwirkungen von synthetischen Oberflächen mit Biomolekülen bzw. biologischen Systemen befassen. Am Kolleg sind Arbeitsgruppen der Universitäten Aachen, Lüttich und Maastricht sowie das Forschungszentrum Jülich beteiligt.

Warum hast du dich für die Promotion in einem Graduiertenkolleg entschieden?

Das Stipendium für das Graduiertenkolleg hatte mir mein Chef angeboten. Ich habe zugeschlagen, da ich die Interdisziplinarität des GraKos - so die lapidare Abkürzung - sehr spannend fand. Außerdem interessierte mich die Aufgabenstellung, die mit der Stelle verbunden war.

Welche Vorteile hat für dich die Promotion im Graduiertenkolleg?

Vorteile eines GraKos sind vor allem der Austausch mit anderen Doktoranden über die Fachgrenzen hinweg. Das reduziert natürlich das Fachidiotentum erheblich. Außerdem konnte ich in dem Seminar, in dem wir uns regelmäßig trafen, mein Wissen stark erweitern. Gut fand ich auch die prinzipielle Aufgeschlossenheit aller Beteiligten für gegenseitige Hilfestellungen. Dazu gehört beispielsweise der kurze Dienstweg statt ellenlanger Anträge und Formulare. Außerdem konnte ich spontan Kooperationen mit anderen Leuten gründen, ohne dass sich die Professoren lange darüber beratschlagen mussten.

Gibt es auch Nachteile?

Für die Seminare geht natürlich Zeit drauf, und nicht immer passten die Referate zum Thema meiner Promotion. Außerdem war nicht jede Kooperation, die wir mit Eifer begannen, ein Erfolg. Und das kostet Nerven. Aber echte Nachteile kann ich so nicht erkennen.


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