Postdocs in Deutschland
Dr. Unsichtbar zeigt Gesicht
Manchmal fehlen selbst den Unzufriedenen die Worte. Bei Dr. Unsichtbar zum Beispiel ist das so. Er schweigt noch nicht einmal aus Trotz, er hat schlicht keine Zeit zum Reden. Zu beschäftigt ist er, sich in der Wissenschaft und seine Familie über Wasser zu halten. Wer hat da noch einen Kopf für Lobbyarbeit?
Der Artikel ist ursprünglich im duz MAGAZIN 02/08 vom 22. Februar 2008 erschienen und von e-fellows.net übernommen worden.
Dabei wäre sie bitter nötig. Denn trotz aller Fortschritte in Bezug auf Förderprogramme, die wichtigste Frage lassen Deutschlands Unibosse hübsch unbeantwortet. "Ich vermisse bei den Universitäten einfach den Mut, feste Stellen für gute Forscher unterhalb der Ebene der Professur einzurichten", sagt Peter Fischer.
Festanstellung? Fehlanzeige
Damit spricht der Postdoc nicht nur das aus, was sich viele seiner Kollegen auf dem Weg zur Professur wünschen, er benennt auch einen handfesten Nachteil, den Deutschland im Brain-Gain hat. Ob Großbritannien, Frankreich oder auch die USA - im internationalen Vergleich leistet sich kein Land so wenig festangestellte Wissenschaftler wie Deutschland. Dem Bundesbericht für den wissenschaftlichen Nachwuchs zufolge hat in deutschen Unis nur etwa ein Fünftel der Hochschullehrer eine unbefristete Stelle. Frankreich, die USA und Großbritannien haben mehr festangestellte Hochschullehrer. In Großbritannien haben zwei Drittel und in Frankreich sogar fast drei Viertel der Hochschullehrer einen unbefristeten Vertrag.
Ist das deutsche Konzept wettbewerbsfähig? Dr. Andreas Keller zweifelt: "Die Qualität wissenschaftlicher Arbeit hängt mit der Qualität der Arbeitsbedingungen zusammen. Wenn sich der Forschermangel weiter zuspitzt, wird es darum gehen, dem Nachwuchs verlässliche Perspektiven zu geben", sagt Keller, im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zuständig für Hochschule und Forschung.
13 Jahre in der Furche
Wie unsicher wissenschaftliche Laufbahnen in Deutschland sind, lässt sich in der Studie "Wege zur Professur" nachlesen, die vergangenes Frühjahr im Waxmann-Verlag erschien. Nach dem Befund der Kasseler Hochschulforscher Kerstin Janson, Harald Schomburg und Ulrich Teichler erstreckt sich die Phase instabiler Beschäftigung für Wissenschaftler in Deutschland über durchschnittlich 13 Jahre. Und der Karriereweg bleibt in Deutschland nach der Promotion mindestens so unsicher wie davor – anders als in den USA, wo junge Wissenschaftler auf Tenure-Track-Positionen gelangen können.
Wenn deutsche Postdocs in die USA schauen, dann sind es eben diese Stellen mit der Perspektive auf eine Lebenszeitprofessur, die ihnen den Blick verklären. Davon träumen sie. Deshalb gehen sie gern in die USA. Von der Arbeit in den Instituten jenseits des Atlantiks schwärmen sie aber auch, weil sie dort Respekt erfahren und damit das bekommen, was ihnen in Deutschland fehlt: ein Gesicht.
Das Optimismus-Komplott oder: Wie Sie Ihren Frust am besten kultivieren
-
Als gestandener Postdoc trauen Sie keinem mit W3. Gutachter halten Sie für Nieten und die Typen von der Förderberatung für Witzfiguren. Wenn Sie sich die Meinung bewahren wollen, müssen Sie jetzt gut aufpassen.
-
Speichern Sie auf keinen Fall das Internetportal www.kisswin.de als Favorit auf Ihrem Computer. So minimieren Sie das Risiko, sich durch die Seiten zu klicken. Das könnte gefährlich werden, denn in dem im Auftrag des Bundesforschungsministeriums eingerichteten Portal werden alle Zahlen und Daten zur Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland zusammengeführt. Außerdem finden sich darin Informationen zu allen relevanten Förderwegen für Nachwuchsforscher. Wenn Sie sich auf die Lektüre einlassen, könnte es sein, dass Sie eine Karriere in der Wissenschaft für attraktiv halten. Das wollen Sie doch nicht, oder?
-
Suchen Sie sich Ihren Umgang in Forscherkreisen sorgfältig aus. Halten Sie vor allem Abstand zu den vielen Postdocs, die ins Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgenommen worden sind. Diese Wissenschaftler sind extrem zufrieden. Meiden Sie diese Optimismus-Herde und lassen Sie sich von ihnen bloß nicht in ein Gespräch verwickeln. Sonst fragen Sie sie am Ende womöglich noch nach Bewerbungs- oder Antragstipps.
-
Stellen Sie Ihre Zuschussanträge am besten dort, wo die Bewilligungsquote wunderbar niedrig ist. Optimal eignete sich dafür etwa die erste Vergaberunde des Starting Independent Resarch Grant des Europäischen Forschungsrates. Die Bewilligungsquote lag bei drei Prozent. Wenn Sie sich in solchen Programmen bewerben, können Sie so gut wie sicher sein, eine Absage zu bekommen. Mit dem Negativbescheid können Sie Ihren alten Frust neu kultivieren.
-
Widerstehen Sie dem Impuls, bei Förderberatungsstellen anzurufen! Denken Sie daran: Diese Leute werden nur dafür bezahlt, Sie zu ermuntern und Ihnen beim Antrag zu helfen. Auf professionelle Mutmacher mögen andere angewiesen sein, Sie ganz bestimmt nicht, oder?
-
Leisten Sie sich keine Schwäche! Die Freude, die Sie erleben mögen, wenn Ihr Drittmittel-Antrag bewilligt wird, dürfen Sie nicht genießen. Gehen zur Feier des Tages nicht aus. Bleiben Sie zu Hause und denken Sie ganz fest daran: Dieses Stipendium oder Drittmittelprojekt wird Sie nur für einen befristeten Zeitraum über Wasser halten. Es bietet Ihnen keine Garantie auf einen Lehrstuh! Wenn Sie sich das vor Augen führen, werden Sie bald zur lieben alten Perspektivlosigkeit zurückfinden.
-
Ignorieren Sie alle Medienberichte über die Exzellenzinitiative oder den Hochschulpakt. Selbst wenn dadurch 10000 Stellen geschaffen werden sollten, ist das noch lange kein Grund, plötzlich mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Schauen Sie lieber zurück in die Vergangenheit: Die war vom Sparen geprägt, genau.
- Blättern Sie nicht im ersten Monitoring-Bericht zur Umsetzung des Paktes für Innovation und Forschung. Darin würden Sie Informationen finden, die Ihrer negativen Einstellung schaden könnten: So geben alle großen außeruniversitären Forschungs- organisationen seit 2005 mehr Geld für die Postdocförderung aus. Allein vom Jahr 2005 zum Jahr 2006 erhöhten sie die Anzahl der selbstständigen Nachwuchsgruppen um 63 auf 312. Wobei: Das ist doch auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, stimmt's?
Seite 1: Postdocs zeigen Gesicht
