Job-Chancen nach dem Bachelor
Große Erwartungen - unerfüllt?
Sie sind im internationalen Business zu Hause, sie beherrschen die Methoden ihres Fachs aus dem Effeff, können sie praktisch einsetzen und besitzen alle Soft Skills, die man für die große Karriere braucht: die deutschen Bachelor-Absolventen. Zumindest, wenn es nach der Politik und den Unternehmen geht.
Seite 1: Bachelor und Master - Zehn Jahre nach Bologna
Seite 2: Akkreditierung: Alles eine Frage der Qualität
Seite 3: Bachelor international
Seite 4: Mit dem Bachelor in den Job
Seite 5: Master: Grundlegende Begriffe
Seite 6: Master: Zulassung und Auslandsstudium
Unternehmen wünschen sich Bachelor-Absolventen, die sich nicht nur mit wissenschaftlichen Methoden auskennen, sondern auch Soft Skills besitzen und sich auf dem internationalen Business-Parkett bewegen können. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, riefen die führenden Unternehmen in Deutschland 2004 "Bachelors welcome!". Zwei Jahre später schien schon eine gewisse Ernüchterung eingetreten zu sein – die Folgeerklärung "More Bachelors and Masters welcome!" forderte zwar weiterhin eine rasche und effiziente Umsetzung der Beschlüsse von Bologna. Zugleich stellte sie aber auch mehr Forderungen an die neuen Studiengänge.
"Kein alter Wein in neuen Schläuchen"
Bedenken hatten die Unterzeichner der Erklärung vor allem, ob sich die Ausbildung gegenüber den alten Diplom- und Magisterstudiengängen tatsächlich verbessert hat. Dass diese Sorge gerechtfertigt ist, zeigt auch das Employability Rating 2008 des Arbeitskreises Personalvermittlung (dapm) in Zusammenarbeit mit dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Während einige private Hochschulen und zahlreiche Fachhochschulen die Bestnote erhielten, ist auf den oberen Rängen keine einzige Universität zu finden.
Die Kriterien der Bewertung waren Internationalität, soziale und Methodenkompetenz sowie Praxisnähe des Studiums. Wo die Hauptschwäche liegt, ist unterschiedlich: Stimmt das methodische Wissen, mangelt es an internationaler Ausrichtung und umgekehrt. Dabei wurden die Hochschulen mit ihren BWL- Studienangeboten den Anforderungen am ehesten gerecht – die ingenieurwissenschaftlichen Fächer schnitten schlechter ab.
Paradoxon Bachelor
"Jeder Bachelor-Studiengang muss zur Aufnahme eines Berufs qualifizieren", lautete eine weitere Forderung der Unternehmen. Daran zweifeln offenbar noch immer viele Personaler. Bachelor-Absolventen einstellen "Ja" - aber in niedrigeren Positionen als ihre Kommilitonen aus Diplom oder Magister. Damit wird aber das Ziel des Bachelors ad absurdum geführt. Eines der zentralen Werbe-Argumente war schließlich die Verkürzung der Studiendauer, um mit anderen europäischen Ländern und den USA gleichzuziehen. Wenn Bachelor-Absolventen aber faktisch von besseren Positionen ausgeschlossen werden, gibt es auch keinen Zeitvorteil mehr gegenüber den alten Studiengängen.
Mittelstand – schlechtere Chancen für Bachelors
Besonders Mittelständler gehen lieber auf Nummer sicher und wählen Diplom statt Bachelor. Wer pro Jahr nur zwei oder drei Mitarbeiter einstellt, kann "Fehlgriffe" schwerer verschmerzen als ein Branchenriese mit 200 neuen Mitarbeitern. Vielleicht ist der Mittelstand in diesem Punkt aber auch einfach nicht so innovationsfreundlich, wie er gerne dargestellt wird.
Forschung: Zutritt nur für Master
In Forschung und Entwicklung zeigt sich ein ähnliches Bild. Chemie- und Pharmakonzerne stellen meistens nur Wirtschaftswissenschaftler mit Bachelor ein. Bei Ingenieuren und Naturwissenschaftlern erwarten sie dann doch eher einen Master. Das Fachwissen, das diese Absolventen nach dem Bachelor mitbringen, ist einfach zu gering für die anspruchsvolle Forschung.
Bachelors Bedenken
Auch die Studenten haben Bedenken, ob der Bachelor für eine Karriere reicht. Beim 10. Studierendensurvey der Uni Konstanz (2008) befürchtete über die Hälfte der Befragten, dass der Bachelor Absolventen zweiter Klasse schafft. Und nur zwölf Prozent glaubten, dass Bachelors gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben
| Berufseinstieg als Bachelor | |
|---|---|
| Vorteile | Nachteile |
| + schnellerer Einstieg in den Beruf | - oft niedrigere Einstiegsposition und Gehalt |
| + früher Geld verdienen und erste Karriereschritte | - eventuell eingeschränkte Karrierechancen; in wissen- schaftsnahen Branchen sind Führungspositionen ohne Master kaum zu erreichen |
| + spätere Spezialisierung oder Umorientierung per Master mit dem Wissen aus dem Beruf möglich | - gerade bei kleinen Unternehmen noch wenig bekannt |
Oder ist doch alles ganz anders?
Es sind aber auch andere Stimmen zu hören, zum Beispiel von den Wirtschaftswissenschaftlern. Weil ihre Fakultäten unter den ersten waren, die auf das gestufte System umgestellt haben, haben Unternehmen die meisten Erfahrungen mit Absolventen aus BWL und VWL. Daher gibt es für Wirtschaftswissenschaftler viele Chancen, direkt nach dem Bachelor in die Karriere zu starten. Besonders Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfungen suchen viele Bachelor-Absolventen.
Spezialisierung im Unternehmen
Was bei den Beratern funktioniert, kann auch in anderen Branchen klappen: junge Bachelors einstellen und sie dann im Unternehmen spezifisch für ihre Bedürfnisse weiterbilden. Vor allem große Unternehmen bieten immer öfter Weiterbildungsprogramme für Bachelors an. Sie sehen es als Vorteil, dass sie früh eine feste Bindung zu ihrem Nachwuchs aufbauen können.
Trainee-Programm oder Direkteinstieg?
Oft ist die Frage beim Einstieg aber nicht ob, sondern wie. Bekommen Einsteiger einen unbefristeten Vertrag? Gibt es spezielle Trainee-Programme? Gerade die stellen sich viele als zweijähriges Praktikum vor. Das muss aber nicht sein. Trainee-Stellen sind nämlich oft darauf ausgelegt, auf spätere Führungspositionen vorzubereiten. Trainees können im Programm in verschiedene Abteilungen und Aufgaben hineinschnuppern. Ein Direkteinstieg ist hingegen ein Sprung ins kalte Wasser – man steigt als vollwertiger Mitarbeiter ein und muss sich als solcher beweisen.
Dieser Text wurde ursprünglich im September 2007 von Kay Szantyr geschrieben und 2009 überarbeitet.
