von Julia Jung

Work & Travel

Tschüss Alltag – ab ins Abenteuer

Einfach die Koffer packen und ab in die Ferne – davon träumen viele Jugendliche nach dem Abi. Warum also nicht mit "Work & Travel" ein Jahr lang dem Alltag entfliehen? Stipendiatin Julia war ein Jahr in Australien und schreibt, was ihr als Backpacker auf keinen Fall vergessen dürft.

 

Julia, e-fellow, Au Pair

e-fellow Julia (19) kommt aus Tübingen und machte 2010 ihr Abitur. Nach einem Auslandsjahr in Australien und Neuseeland will sie jetzt zum Wintersemester ihr Jurastudium in Konstanz beginnen - und natürlich auch weiterhin viel reisen.

In Sydney vor der Harbour Bridge einen Kaffee trinken, mit anderen Reisenden den nächsten Surfkurs planen und nebenbei die Stellenanzeigen in der Zeitung durchforsten. So stellst du dir deine Ankunftswoche in Australien vor? Klingt gut, doch damit dieser Plan aufgeht, solltest du den ganz großen Plan bereits vor deiner Ankunft haben.

Nicht grenzenlos über die Grenze

Nach dem Abi ein Jahr im Ausland leben und arbeiten - das ist die Idee von Work & Travel. Dabei gibt es einige Rahmenbedingungen: Wer im Ausland arbeiten will, braucht ein Visum und das gibt es in vielen außereuropäischen Ländern eigentlich nur nach Vorlage des Arbeitsvertrages. Bei Work & Travel steht der Arbeitgeber aber nicht von vornherein fest. Dafür gibt es das "Working Holiday Visa". Deutschland hat hierzu Abkommen mit Australien, Neuseeland und Kanada Japan, Südkorea, Singapur und Hong Kong.

Um größeren Aufwand vor Reiseantritt zu vermeiden, entscheiden sich die meisten Jugendlichen für eines dieser Länder. Wie der Name schon sagt, soll nicht nur gearbeitet, sondern auch Urlaub gemacht werden. Wer also nicht reist, verpasst das Beste. Spätzünder sollten außerdem beachten, dass es dieses Visum nur bis zum Alter von 30 Jahren, in Kanada bis 35 Jahre, gibt.

Work & Travel in Ozeanien

Du bist dieses Jahr Down Under oder in Neuseeland?

Dann tausche dich mit anderen Reisenden in der "Work & Travel 2011"-Gruppe aus.

Mit oder ohne Agentur?

Hier kommt es ganz auf den eigenen Geschmack an. Ich selbst habe mich entschieden, ohne Work & Travel-Organisation nach Australien zu gehen. Ich wollte Kosten sparen und auf eigenen Füßen stehen. So konnte ich mir zusätzliche Kosten in Höhe von 500 bis 600 Euro sparen. Der Vorteil einer Agentur: Du musst dich nicht selbst um Visum, Versicherung, Flug, Steuernummer oder die erste Unterkunft kümmern, bekommst Starthilfe bei der Jobsuche und hast einen Ansprechpartner. Gerade Visum oder Steuernummer lassen sich aber recht einfach über das Internet selbst organisieren. Außerdem kann man in den meisten Reisebüros Zusatzpakete buchen, wie die erste Nacht im Hotel mit Stadtführung oder einen Ausflug. Notwendig ist die Agentur also nicht, sie bietet aber zusätzliche Sicherheit.

Wie gut kennst du dein Reiseziel?

Neben den organisatorischen Details solltest du dich unbedingt mit den Gegebenheiten vor Ort auseinandersetzten. Beispiel Australien: Welche gefährlichen Tiere gibt es? Wie schütze ich mich vor Hautkrebs? Wann ist wo Trocken- oder Regenzeit? Wo fange ich mit meiner Reise am besten an? Wo ist gerade Erntezeit? Welche anderen Jobmöglichkeiten gibt es? Bei der Beantwortung dieser Fragen helfen Reiseführer. Für mich hat sich - auch wenn das alles andere als ein Geheimtipp ist - der "Lonely Planet" als bester Reisebegleiter erwiesen. Nirgends sonst findest du so viele hilfreiche Informationen in einem Buch.

Allein ins Abenteuer?

Viele Eltern haben Bedenken, ob ihr Kind allein im fremden Land zurechtkommt. An dieser Stelle, kannst du sie beruhigen. Gerade in Australien ist alles auf die Backpacker ausgerichtet. Man wird regelrecht von Angeboten überhäuft, alles gibt es für den kleinen Geldbeutel oder, wie der Australier sagt, "Low Budget". Die Kriminalität ist sehr gering, so lange man sich nicht unbedingt in einschlägig bekannte Wohngebiete begibt. Ich habe mich als alleinreisende Frau zu keinem Zeitpunkt unsicher oder bedroht gefühlt. Horrorgeschichten über entführte Backpacker kann man meist schnell als schlechten Scherz entlarven.

Gerade Deutsche gibt es übrigens in Australien wie Bier auf dem Oktoberfest. Man müsste sich nur mit dem Schild "Ich bin Deutscher, wer noch?" an die Straße stellen und hätte in fünf Minuten zwanzig neue Freunde gefunden.

Eigenes Auto, Bus oder Hitch-Hiken?

Fortbewegung ist für jeden Backpacker ein wichtiges Thema. Nicht immer lohnt sich der Kauf eines eigenen Autos. Manche haben Glück, kaufen sich einen Wagen zum Spottpreis und verkaufen ihn für das Doppelte wieder. Andere wiederum machen Verluste. Hier ist wichtig, wo du das Auto kaufst und verkaufst; der Markt in Sydney ist völlig überlaufen, während du in Perth gute Chancen hast, deine Karre loszuwerden. Zudem teilen sich meist zwei Reisende oder eine ganze Gruppe den Wagen und damit den Kaufpreis. So bist du am Ende in den meisten Fällen billiger dran, als mit einem teuren Mietwagen.

Eine Alternative sind Busse. Vor allem an der Ostküste Australiens kannst du mit ihnen kostengünstig und vor allem sehr flexibel reisen. Die Hot Spots erreichst du hier mit dem Bus genauso gut wie mit dem Auto. An der etwas abgelegeneren Westküste ist der Busverkehr dagegen völlig überteuert und du siehst verhältnismäßig wenig.

Hallo, hast du noch einen Platz für mich?

Ich habe mich für eine andere Variante entschieden: Über die Internetplattform gumtree habe ich nicht nur Jobs und Unterkünfte, sondern auch Mitfahrgelegenheiten gefunden. Reisende mit eigenem Auto, die Benzin sparen wollen, suchen hier Mitfahrer. Dabei finden sich ganze Reisegruppen zusammen, mit denen du zwei bis vier Wochen verbringen kannst. Angebote durchscannen, anrufen, mitfahren. Für mich war das die billigste und auch interessanteste Variante der Fortbewegung. Man lernt ständig neue Leute kennen, ist durch das Auto ungebunden von einer festen Planung und sucht sich bei Bedarf einfach eine neue Gruppe. Oder man bleibt länger als gedacht mit den Mitreisenden zusammen.

Die letzte und günstigste Variante, bei Work & Travel voranzukommen, ist das Hitch-Hiken. Alleine würde ich es keinem empfehlen, zu zweit (vor allem mit einem männlichen Begleiter) wäre es eine Überlegung wert. Allerdings ist das Reisen per Anhalter extrem stressig und anstrengend. Ständig musst du das ganze Gepäck ein- und wieder ausladen und du kommst höchstens 50 Kilometer weit - was bei einem Tagespensum von 300 Kilometern nicht viel ist. Auch die immer gleich ablaufenden Gespräche mit den Fahrern gehen einem irgendwann mächtig auf den Keks. Dafür kommt man in direkten Kontakt mit Einheimischen und ihrer Kultur. Zur Not lohnt sich also auch "Daumen raus".

Wo finde ich Arbeit? Das Jobhopping

Im Traumland angekommen wollte ich erst einmal das neugewonnene "Urlaubs-Feeling" genießen. Bald herrschte aber Ebbe in der Reisekasse, denn Australien ist teuer. Allein für die Unterkunft im Hostel zahlst du zwischen 15 und 25 Euro pro Nacht. Pro Monat kannst du während des Reisens mit Kosten in Höhe von 800 bis 2.000 Euro rechnen. Ausflüge ans Great Barrier Reef und zum Uluru sollen ja schließlich auch dabei sein. Mit ein bisschen Geschick lässt sich aber überall ein Job finden. Und das Gute: Die Arbeit Down Under ist gerade für Backpacker überbezahlt: In der Regel verdienst du nicht weniger als 10 bis 15 Euro pro Stunde. Und das für Tätigkeiten wie Salatputzen.

Jobbörsen findest du im Internet (zum Beispiel www.gumtree.com.au), in den Hostels am schwarzen Brett oder über Agenturen, die einem kostenfrei Stellen vermitteln. Lebenslauf abgeben, warten, fertig. Insider-Tipps geben erfahrene Backpacker, deshalb Ohren auf: Welcher Arbeitgeber zahlt besonders viel? Wer hört bald auf und kann seinen Traumjob abgeben? Natürlich schadet es auch nichts, einfach alle Cafés im Umkreis abzuklappern, wenn du als Kellner arbeiten möchtest. Ich selbst hatte unzählige Jobs, mit denen es nie langweilig wurde: Aupair, Kellnerin, Verkäuferin für Schuhcreme oder Aushilfe auf einem Tauchboot. Nur Fruit-Picking habe ich nicht gemacht. Das gilt zwar als "der Job" für Backpacker in Australien, ist aber ziemlich mies bezahlt und extrem anstrengend. Der Vorteil: Auch wer kein Wort Englisch kann, wird hier genommen.

Auf die Nase fallen gehört dazu

Die Aussichten sind zwar rosig, aber nicht jeder findet in Work & Travel seine Erfüllung. Viele meiner Mitreisenden hatten irgendwann keine Lust mehr, aus dem Koffer zu leben und nicht zu wissen, was morgen kommt. Hier kann ich nur raten, nicht Hals über Kopf abzureisen. Denn meistens kommen die Zweifel nach drei Monaten und verfliegen innerhalb von zwei Wochen wieder. Sehnst du dich nach einem geregelten Ablauf, solltest du das durch eine geeignete Arbeit ändern. Bei einem Job im Hotel oder als Aupair hast du Unterkunft, Verpflegung und Gehalt über einen längeren Zeitraum geregelt und damit weniger Stress. Das hilft, um über die erste Krise hinwegzukommen.

Insgesamt gilt: Wer ein Jahr lang auf eigenen Füßen stehen will, muss auch damit rechnen, auf die Nase zu fallen. Denn nicht alles läuft immer nach Plan. Meinem italienischen Mitreisenden wurde der komplette Rucksack inklusive Pass geklaut, eine andere Freundin wurde beim Fruit-Picking ausgebeutet. Genauso habe ich aber auch Freunde, die sich für ein "Second Year Visa" beworben haben und noch ein Jahr dranhängen. Egal welche Erfahrungen du machst, es lohnt sich immer. Denn am Ende blickst du auf ein Jahr zurück, das ungeplanter und spannender kaum hätte sein können. Also: Work & Travel – egal ob in Sydney, Vancouver oder Tokio!