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"Meine Zeit in Indien hat mich sehr bereichert"

Indien Tempel Gebäude Flagge (Quelle: freeimages.com, revati_me)

Quelle: freeimages.com, revati_me

In Meetings erst einmal 45 Minuten über Frau und Kinder reden? Das ist in Indien keine Seltenheit. Stefan Guggenberger baute in Mumbai das SMC-Büro auf - und lernte dort eine ganz neue Welt kennen.

Herr Guggenberger, Sie haben in Mumbai das Büro von Siemens Management Consulting (SMC) aufgebaut. Auf was sind Sie dabei besonders stolz?

Auf mein Team, das ich dort aufgebaut habe. Ich bin stolz, dass ich es geschafft habe, in Indien Top-Leute für unsere Sache zu begeistern. Das Team ist integriert in SMC, macht einen tollen Job und genießt hohe Akzeptanz beim Kunden.

Wie verlief die Anfangszeit?

Es war unglaublich spannend, weil wir wirklich bei Null angefangen haben: SMC war in Indien nicht präsent, bevor ich im Dezember 2009 dort hingegangen bin. Die Siemens-Kollegen in Mumbai haben mich sehr nett aufgenommen und unterstützt. Eigentlich war der Beginn ein wenig wie bei einem Start-Up: Ich habe Büros gesucht, eine Infrastruktur aufgebaut und dann mit dem Recruiting an Unis und über Alumni-Netzwerke begonnen. Das Team bestand dann zum Start aus sechs Mitarbeitern, fünf indische Kollegen und ich. Ende Februar 2010 ging es richtig los.

In welchen Bereichen berät SMC vor Ort?

Unser Kunde ist Siemens, wir beraten in strategischen Fragestellungen - allen Bereichen von Siemens, in allen Funktionen und Sparten. Das geht von Energiethemen über Industrie bis hin zu Infrastruktur-Projekten. Viele Projekte in Indien beschäftigen sich mit Wachstums- und Markteintrittsstrategien. Wir klären, was die Markt- und Kundenanforderungen sind und wie hoch das Marktpotenzial ist. Wir überlegen auch, welches Produktportfolio Siemens anbieten sollte und wie die lokale Wertschöpfungskette und die Vertriebsstruktur aussehen könnten. Immer mit dem Ziel, dass Siemens seinen Marktanteil in Indien steigert.

Können Sie ein Beispiel für ein Projekt geben?

Wir hatten zum Beispiel ein Projekt zum Thema Brandschutz und -sicherheit. Zuerst haben wir geklärt, ob der lokale Markt für die Siemens-Sparte "Brandschutz" attraktiv ist. Das ist der Fall, denn in Indien wird viel gebaut, und die Regierung achtet dabei sehr auf die Sicherheitsaspekte. Anschließend haben wir untersucht, mit welchen Produkten Siemens in den Markt gehen sollte. Dafür mussten wir die Kundenanforderungen verstehen, also haben wir Gespräche mit Kunden und möglichen Kunden geführt. Daraus haben wir abgeleitet, was die spezifischen Anforderungen für Brandschutz in Indien sind. Wir haben ein Portfolio gebildet mit bestimmten Produkten zu einem empfohlenen Preis.

Auch eine Vertriebsstrategie haben wir entwickelt: Wie bringen wir unsere Produkte und Lösungen am besten an den Kunden? Welche spezifischen Anforderungen sind im indischen Markt zu berücksichtigen? Wollen wir unsere Brandschutzsysteme über Bauträger, hoch spezialisierte Sicherheitsfirmen oder direkt über Installationsfirmen vertreiben? Um die Produkte kostengünstig anbieten zu können, war unsere Empfehlung, die Produkte lokal zu spezifizieren, lokale Anforderungen zu berücksichtigen und dann auch in Indien zu produzieren. Wir haben also eine Gesamtstrategie entwickelt, mit der Siemens ein konkurrenzfähiges, den lokalen Anforderungen entsprechendes Brandschutzsystem in Indien anbieten kann.

Gibt es Unterschiede im Beratungsalltag zwischen Deutschland und Indien?

Das Handwerkszeug ist das gleiche. Auch die Wochenroutine ist dieselbe, wir arbeiten auch in Indien von Montag bis Donnerstag beim Kunden und am Freitag im SMC-Büro. Der Unterschied besteht darin, dass das Reisen in Indien anstrengender ist, weil die Infrastruktur, um weite Distanzen zu bewältigen, sich noch im Ausbau befindet. Außerdem ist die Interaktion mit Kunden eine andere - in Indien läuft alles viel mehr auf der Beziehungsebene ab.

Was bedeutet das für den Arbeitsalltag?

Zwischenmenschliches hat in Indien eine viel höhere Bedeutung als in Deutschland. Es ist sehr wichtig, eine persönliche Beziehung zum Kunden aufzubauen, eine Vertrauensbasis. Das muss man in Deutschland natürlich auch, aber dort erarbeitet man sich die Anerkennung des Kunden viel mehr durch Inhalte, durch kluges Argumentieren. Darauf legt ein indischer Kunde selbstverständlich auch Wert, aber ebenso wichtig ist ihm die persönliche Beziehung.

In einem Meeting mit Kunden, das eine Stunde dauert, kann man durchaus auch 45 Minuten über die Familie reden. Wenn ich in Indien Kunden kennengelernt habe, haben wir uns erst einmal darüber ausgetauscht, ob wir verheiratet sind, wie es den Kindern geht, was die Mutter macht. Man kümmert sich immer darum, dass es dem anderen gut geht, das finde ich sehr schön.

Was haben Sie an Ihrem indischen Team besonders geschätzt?

Das ist einfach ein cooles Team, großartige Menschen mit viel Potenzial. Ich habe besonders ihren Teamgeist geschätzt und wie sie sich der Sache verschrieben haben, dieses Büro aufzubauen und gemeinsam durch dick und dünn zu gehen.

Das SMC-Mumbai-Team besteht mehrheitlich aus indischen Kollegen. Unterscheidet sich das Recruiting in Indien von Europa?

Das ist ein Riesenunterschied. In Indien präsentieren sich die Unternehmen an den Top-Universitäten. Im Vorfeld bewerten die Studenten die Firmen, dann finden die Recruiting-Tage statt. Die top-bewerteten Unternehmen dürfen sich am ersten Tag an der Uni präsentieren. Die schnappen dann die besten Studenten weg. Am zweiten Tag kommen die Unternehmen aus dem Mittelfeld, am dritten Tag die, die am schlechtesten bewertet wurden. Als Unternehmen weiß man also: Wenn ich nicht unter den Top-Firmen bin, dann sind die besten Absolventen schon weg. Unternehmen müssen sich also besonders bemühen, gut anzukommen und die Studenten zu begeistern.

Sie haben zwei Jahre in Mumbai gelebt. Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Eine Herausforderung war es, sich auf die interkulturellen Unterschiede einzulassen. Ich kam in eine Kultur, in der vieles fundamental anders gesehen und gehandhabt wird als in Deutschland. Ich musste verstehen, warum es so ist und damit umgehen lernen. Wenn man lernt, die Unterschiede zu akzeptieren und das andere Leben zu lieben, dann fängt der Aufenthalt an, richtig Spaß zu machen. Mumbai ist sehr vielfältig, dort leben Moslems, Christen, Hindus, Sikh und Juden gemeinsam. Die Unterschiede zwischen Nord- und Südindien sind sehr groß, etwa wie zwischen Nord- und Südeuropa. Wenn man in Indien ankommt, hat man erst einmal eine Reizüberflutung.

Was gefällt Ihnen an Mumbai und an Indien?

Mumbai ist eine pulsierende Stadt. Das kulturelle Angebot ist unglaublich vielfältig, es gibt eine ausgeprägte Künstlerszene und ein tolles Nachtleben mit spannenden Bars und Restaurants. Ich mochte es, über die vielen Märkte zu streifen. Und mir gefällt die Vielfalt und Herzlichkeit der Menschen. An den Wochenenden und im Urlaub habe ich das Land bereist, es gibt viel Spannendes zu sehen: Die Strände von Goa, die Andamanen, eine Insel wie die Malediven, nur ohne Touristen, Rajasthan, Bangalore, historische Ausgrabungsstätten, der Himalaya, Varanasi am Ganges, den Taj Mahal und die Städte der Maharadschas.

Haben Sie etwas von daheim vermisst?

Sauberes Leitungswasser und frische Luft. Das Wasser aus der Leitung kann man in Indien nicht trinken, deswegen muss man Wasser in Flaschen kaufen. Einfach mal das Fenster aufmachen und durchatmen geht nicht - über Mumbai liegt eine Dunstglocke. Ich habe auch Ruhe vermisst. Ich komme aus München, dort kann man zur Erholung in die Berge gehen oder Laufen am Stadtrand. In Indien ist man 24 Stunden lang von Lärm, Verkehr und Musik umgeben. Es ist schwer, dort Rückzugsräume zu finden.

Und was nehmen Sie von Ihrem Aufenthalt mit nach Hause?

Meine Zeit in Indien hat mich sehr bereichert. Das Prinzip, den Menschen in den Vordergrund zu stellen und so sehr auf das Wohlergehen des Gegenübers zu achten - das möchte ich mir bewahren. Und ich glaube, das gelingt mir auch.

Betrachten Sie Deutschland nun mit anderen Augen?

Ja. Ich bin unglaublich dankbar dafür, wie gut es uns geht in Europa. Ich habe in Indien so viel Armut gesehen, Kinder ohne Kleidung mitten im Dreck, die darauf warten, dass ihnen jemand etwas zu essen gibt. Und trotzdem sind viele Inder glücklich, lebensfroh und nehmen einen mit offenen Armen auf.

Eine letzte Frage: Welchen Ratschlag geben Sie einem Studenten oder Absolventen, der für eine bestimmte Zeit nach Mumbai zieht?

Sich auf Indien einzulassen, auf die Menschen. Das, was einem dort begegnen wird, offen zu betrachten. Und sich auf die Reise vorzubereiten, zum Beispiel, indem man ein gutes Buch liest, das sich mit der Kultur und Lebensweise auseinandersetzt. Denn wenn man dieses Vorwissen hat, wird die Erfahrung viel intensiver.

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