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Offene Arme im Mittleren Westen

Thomas Rudolph war für Roche in den USA [Quelle: Pixabay.com, Autor: geralt]

Quelle: Pixabay.com, geralt

Nach zwölf Jahren im selben Job überkam Thomas Rudolph die Abenteuerlust: Der Projektingenieur packte seine Koffer und zog für ein Jahr nach Indianapolis. Im dortigen Roche-Werk erlebte er, wie sich die amerikanische Arbeitskultur von der deutschen unterscheidet – und das nicht nur beim Roboter-Wettbewerb.

Was war Ihre Aufgabe bei Roche, bevor Sie nach Amerika gegangen sind?

Ich habe in der Abteilung "Technical Informatics" gearbeitet, die zu den sogenannten "Site Functions" gehört und ein interner Dienstleister für die verschiedenen Business Units ist. Meine Hauptaufgabe war es, anwendungsspezifische Kamerasysteme für die verschiedenen Betriebe bei Roche zu entwickeln. Neben der eigentlichen Entwicklungsarbeit gehörte dazu auch die Projektleitung, die Integration der Kamerasysteme in die Maschinen und der Second-Level-Support, sobald die Serviceabteilung bei einem Problem nicht mehr weiterkam. Außerdem ist die Abteilung zuständig für die Computernetzwerke in der Produktion, für die Administration der Produktions-PCs sowie für sonstige selbst entwickelte Anwendungen, beispielsweise ein System, mit dem man die Produktion unseres Blutzuckermessgeräts Accu-Chek Mobile steuern kann. Die Aufgaben waren also sehr breit gefächert.

Haben Sie in den USA das gleiche gemacht?

In Indianapolis habe ich in einem sehr ähnlichen Team mit sehr ähnlichen Aufgaben gearbeitet. Das hat uns die Möglichkeit gegeben, einen Wissensaustausch zwischen den beiden Standorten stattfinden zu lassen.

Meine Hauptaufgabe war es aber, einem definierten Kreis von Roche-Mitarbeitern den Zugriff auf Applikationen und Server im Produktionscomputernetz zu ermöglichen – und zwar so, dass das Netz weiterhin vor Fremdzugriffen geschützt ist. Das wirklich Spannende dabei war, dass ich sehr viel mit der Global IT zu tun hatte, die mittlerweile über den ganzen Globus verteilt ist. In einem Fall hatte ich mit Spanien, Kalifornien, Schweiz, Deutschland und abschließend Shanghai zu tun. Nach einiger Zeit kannte ich auch diese Kollegen und sie mich, was die Arbeit deutlich beschleunigt hat. Deshalb unterstütze ich die Kollegen in Indianapolis auch heute noch ab und zu abends nach der Arbeit.

Wie kam der Aufenthalt in der USA zustande?

Im Oktober 2013 war ich auf einem gemeinsamen Engineering Forum von Roche Diabetes Care, Roche Diagnostics und Roche Pharma. Ein Teilnehmer hat dort seine Präsentation mit einem Bild vom Roche-Standort in Tucson, Arizona, begonnen. Das hat in mir sofort den Wunsch geweckt, auch mal etwas länger ins Ausland zu gehen. Auf demselben Engineering Forum habe ich einen Kollegen kennengelernt, der in Indianapolis die Automation und Prozessentwicklung bei Diabetes Care leitet. Auf meine E-Mail mit der Frage, ob er sich einen Austausch vorstellen könnte, hat er voller Begeisterung reagiert. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte ich sofort anfangen können.

So schnell ging es dann aber vermutlich nicht?

Die große Herausforderung war es, meine Chefs davon zu überzeugen, dass ich in die USA gehen kann – und zwar zeitnah und nicht erst in einem Jahr oder noch später. Bis die Entscheidung gefallen und alles organisiert war, sind etwa drei Monate vergangen. Anschließend galt es, alle notwendigen Unterlagen – vor allem für das Visum – zusammenzustellen und eine Wohnung zu finden. Dabei wird man von Roche sehr gut unterstützt. Aber ein Quäntchen Glück gehört natürlich auch dazu, damit alles reibungslos abläuft. 

Ist ein Auslandsaufenthalt ein gängiges Modell bei Roche?

Es gibt bei Roche schon lange das Short Time International Assignment, das ein Jahr dauert, sowie das Long Time Assignment, bei dem man für drei bis fünf Jahre ins Ausland geht. Noch recht neu ist die Möglichkeit, auch für bis zu drei Monate in einem Roche-Werk im Ausland zu arbeiten. Das Spezielle in meinem Fall war, dass ich selbst den Wunsch hatte und nicht von meinem Chef entsendet wurde. Das ist für das Drei-Monate-Programm vorgesehen, aber nicht für die längeren Assignments – und ich wollte für ein ganzes Jahr gehen. Daher mussten wir erst eine Lösung für die Finanzierung finden.

Wie lief die Integration in Indianapolis ab?

Ich wurde sehr gut aufgenommen und schnell ins Team involviert. Nach ungefähr drei Wochen erlebte ich allerdings einen kleinen Schreckmoment: Ein Kollege hatte gekündigt und ich sollte nun seine Aufgaben übernehmen, ohne dass uns noch viel Zeit für eine Übergabe blieb. Kein Wunder bei nur zwei Wochen Kündigungsfrist! Mein Chef hatte aber Verständnis dafür, dass ich ein komplett neues Thema nicht nahtlos weiterführen konnte und mich erst einarbeiten musste.

Die quasi nicht vorhandenen Kündigungsfristen in den USA sind ja berüchtigt. Welche anderen Unterschiede haben Sie noch festgestellt?

Wenn man deutsche Verhältnisse gewohnt ist, sind die amerikanischen Urlaubsregelungen definitiv eine Umstellung. In vielen Jobs fängt man mit fünf Tagen Urlaub pro Jahr an, bei Roche sind es anfangs 15 und erst im Lauf der Betriebszugehörigkeit steigert man sich dann auf bis zu 30 Tage. Dadurch fahren die Leute deutlich weniger in den Urlaub und haben selten länger als eine Woche frei. Bei uns in Deutschland gibt es hingegen sogar die Regel, dass man mindestens einmal im Jahr zwei Wochen Urlaub am Stück nehmen muss. Bevor ich nach Amerika gegangen bin, haben mir viele Bekannte gesagt: "Du wirst sehen, weil die Amerikaner kaum Urlaubstage haben, arbeiten die nur das absolute Minimum und gehen dann heim". Das habe ich so nicht erlebt. Viele Kollegen und Freunde haben sogar „freiwillig“ am Wochenende gearbeitet und sich abends noch eingeloggt.

Sehr beeindruckt hat mich auch, wie viele Volunteering-Projekte es in den USA gibt. Ich habe zum Beispiel bei einem Roboter-Wettbewerb mitgemacht, bei dem Schüler Roboter gebaut haben, die dann gegeneinander angetreten sind. Gewonnen hat das Team, dessen Roboter es geschafft hat, die meisten Bälle in einen vorgegebenen Bereich auf dem Spielfeld zu transportieren. Die Planung, Organisation und Ausrichtung wurde komplett von Freiwilligen gestemmt – von der Verpflegung bis zum Schiedsrichter.

Was war rückblickend die schönste Erfahrung, die Sie in Indianapolis gemacht haben?

Zu erleben, wie freundlich und respektvoll Menschen miteinander umgehen können. In Indiana gehört es zum Beispiel einfach dazu, jemandem die Tür aufzuhalten. Es ist auch kaum jemand gestresst oder gereizt. Das macht übrigens auch das Autofahren sehr entspannt. So konnte ich ohne Probleme Touren nach New York und New Orleans unternehmen – das waren beides etwa 14 bis 15 Stunden Fahrzeit.

Die schönste Erfahrung in der Arbeit war für mich, wie offen und locker die Führungskräfte dort damit umgehen, wenn sich jemand weiterentwickeln will. Es gehört einfach zum American Way of Life, nach einer gewissen Zeit den Job zu wechseln – selbst wenn die Arbeit Spaß macht.

Wie haben Sie Ihre Rückkehr nach Deutschland erlebt?

Die Integration in den Freundeskreis lief ganz unproblematisch ab. Als ich meine Freunde und Bekannten wieder getroffen habe, fühlte sich das ganz vertraut an. Da ist das Jahr irgendwie zusammengeschrumpft. Als ich zwischen Weihnachten und Neujahr in Deutschland zu Besuch war, hatte ich hingegen das Gefühl, ich sei schon sehr viel länger als zehn Monate in den USA weggewesen, weil ich in Indianapolis einfach so viel erlebt habe.

Und wie sah die Rückkehr zu Roche aus?

Ich bin nicht mehr in meiner vorherigen Abteilung, da meine Position nachbesetzt werden musste. Das wusste ich jedoch schon, bevor ich nach Indianapolis gegangen bin. Nach meiner Rückkehr begann ich daher in einer anderen Abteilung. Der Empfang war sehr herzlich, aber das Aufgabengebiet hat nicht ganz gepasst. Deshalb bin ich gewechselt und arbeite jetzt als Betriebsingenieur für Diabetes Care. In dieser Hinsicht hat mir das Jahr in den USA sehr weitergeholfen: Es hat mir gezeigt, dass man sich auch woanders relativ schnell wieder einfindet – selbst wenn es auf einem anderen Kontinent ist und man in einer anderen Sprache kommuniziert. Dadurch habe ich den großen Respekt vor einem neuen Job verloren und das war sicherlich auch bei der internen Jobsuche ein Vorteil.

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